Ich bin so toll!

Narzissmus wird oft gleichgesetzt mit Egozentrik und der Gier nach Anerkennung. Aber genau das sei falsch, sagt der amerikanische Psychologe Craig Malkin - und erklärt, was es mit der vermeintlichen Negativ-Eigenschaft wirklich auf sich hat.

BRIGITTE: Dr. Malkin, Narzissmus ist gerade so ein Trendwort, es ist gar von einer Narzissmus-"Epidemie" in unserer Gesellschaft die Rede. Glauben Sie, dass diese Diagnose zutrifft?

Dr. Craig Malkin: Nein, ich glaube nicht, dass wir gerade eine Narzissmus-Epidemie haben.

Woher kommt denn dann der Mythos von der narzisstischen Gesellschaft?

Es gab vor einigen Jahren eine große Studie zu Narzissmus, deren Ergebnis war, dass amerikanische Collegestudenten in einem Persönlichkeitstest im Durchschnitt narzisstischere Antworten gaben als noch Anfang der 80er-Jahre. Die Untersuchung hat sehr viel Aufsehen erregt, und plötzlich war von "Generation Ich" die Rede. Aber dieser Test, der mit den Studenten gemacht wurde, hat eine riesige Schwäche: Er berücksichtigt überhaupt nicht, dass Narzissmus neben der ungesunden auch eine gesunde Komponente hat. Es ist sehr offensichtlich ein Unterschied, ob jemand von sich sagt: "Ich bin durchsetzungsfähig." Oder ob er sagt: "Mir fällt es leicht, andere Leute zu manipulieren." Der Test machte diesen Unterschied aber nicht, er behandelte beide Aussagen genau gleich - nämlich als jeweils einen weiteren Punkt auf der Narzissmus-Skala.

Die Menschen sind also überhaupt nicht egoistischer geworden?

Es kann sein, dass bei jüngeren Leuten im Durchschnitt der gesunde Narzissmus ein wenig angestiegen ist - das heißt nur, dass sie etwas selbstsicherer geworden sind. Studien zeigen aber auch, dass sie im Vergleich zu früher interessierter an Beziehungen zu anderen Menschen sind und sich öfter ehrenamtlich engagieren. Das entspricht also überhaupt nicht dem Befund, dass sie nur an sich selbst denken würden.

Und was verstehen Sie genau unter "gesundem Narzissmus"?

Narzissmus ist lediglich die Tendenz, sich als etwas Besonderes zu fühlen - und die kann stärker oder schwächer ausgeprägt sein. Und wir wissen, dass die meisten Menschen sich für ein bisschen was Besonderes halten, sie sehen sich selbst und ihre Fähigkeiten durch eine leicht rosa getönte Brille. Dies ist ein absolut gesunder Narzissmus: Er macht optimistischer, selbstbewusster, belastbarer und hilft, mit Enttäuschungen besser umzugehen. Die Menschen dagegen, die sich als so gar nichts Besonderes fühlen, neigen viel eher zu Depressionen und Angststörungen. Sie haben Schwierigkeiten, ihre Bedürfnisse zu äußern, ständig Angst, anderen zur Last zu fallen, wollen so wenig Raum einnehmen wie möglich. Genau deshalb fühlen sie sich übrigens oft zu sogar sehr narzisstischen Menschen hingezogen, die diesen Raum dann nur zu gern einnehmen.

Studie: Wenn Frauen das tun, gelten sie als "kalt, weniger klug oder oberflächlich"

"Sich als etwas Besonderes zu fühlen, macht optimistischer"

Wo liegt denn für Sie die Grenze zwischen gesundem und ungesundem Narzissmus?

Sehr starke Narzissten werden abhängig von dem Gefühl, sich besonders zu fühlen. Dies ist ihnen wichtiger als alles, es ist wie eine Sucht. Menschen mit einem gesunden Narzissmus sind zwar auch nicht unbedingt bescheiden, sie haben oft große Träume, aber sie lügen nicht oder stehlen oder verletzen andere Leute, nur um das zu erreichen. Kurzum: Sie leben ihren Narzissmus nicht auf Kosten ihrer Beziehungen aus. Menschen mit einem hohen Grad an ungesundem Narzissmus stimmen dagegen Aussagen zu wie "Ich bestehe darauf, den mir gebührenden Respekt zu erhalten" oder "Mir fällt es leicht, andere Menschen zu manipulieren". Und je narzisstischer sie sind, umso mehr halten sie dieses unsoziale Verhalten sogar für eine gute Sache.

Und diese Art von Narzissten sind die lauten, extrovertierten Typen, die ständig im Mittelpunkt stehen wollen?

Man denkt immer an diese Reality-TV-Typen und Rampensäue, die ja auch sehr unterhaltsam sein können. Aber es gibt auch starke Narzissten, die sehr ruhig sind, sogar schüchtern - aber genauso arrogant und schwierig im Umgang wie die anderen. Diese introvertierten Narzissten denken, sie seien unentdeckte Genies, aber keiner verstünde sie, was sie verbittert. Sie stehen nicht gern im Mittelpunkt, sind überhaupt ungern in Gruppen, aber insgeheim sind sie überzeugt davon, besser als jeder andere zu sein, und behandeln sie entsprechend herablassend. Es gibt als dritte Form sogar "soziale Narzissten", die von sich glauben, sie seien die hilfsbereiteste Person, die es gibt, keiner tue so viel Gutes für andere, und die ganze Welt müsse ihnen dafür danken.

Was steckt dahinter? Unsicherheit?

Ja. Allen sehr narzisstischen Menschen ist gemein, dass sie sehr unsicher sind, aber dies auf eine sehr spezielle Weise. Sie trauen anderen Menschen nicht genug, um sich ihnen gegenüber wirklich zu öffnen und beispielsweise zu zeigen, dass auch sie traurig, ängstlich oder einsam sind. Stattdessen verlassen sie sich nur auf sich und suchen Trost in dem Gefühl, etwas Besonderes zu sein. Andere Menschen sind dann zunehmend nur noch dazu da, ihnen das zu bestätigen.

Gibt es Warnsignale, an denen man einen eher ungesund narzisstischen Menschen früh erkennen kann?

Ein Warnsignal ist Emotionsphobie: Da sich starke Narzissten nicht als verletztbar zeigen wollen, können sie auch nicht gut damit umgehen, wenn es jemand anderes tut - sie verstummen dann regelmäßig oder wechseln schnell das Thema. Ich hatte einen Klienten, dessen Mutter mit Krebs im Sterben lag. Und immer, wenn er gegenüber seiner Freundin erwähnte, wie sehr ihn das traurig mache, fing sie an, die Wohnung zu putzen. Eine andere Strategie von Narzissten ist die Gefühlsprojektion: Sie unterstellen anderen die Gefühle, die sie selbst nicht haben wollen. Eine Klientin von mir war zuversichtlich, bei einer guten Universität angenommen zu werden, während ihr Freund noch keine Ahnung hatte, was er mit seinem Leben anfangen sollte. Immer, wenn sie eine Bewerbung schrieb, schaute er ihr über die Schulter und sagte etwas wie: "Ist das nicht zu schwer für dich, da reinzukommen, diese Uni ist wirklich hart, überschätzt du dich da nicht?" Es war gar nicht bewusst böse gemeint. Aber indem er in ihr Zweifel streute und seine eigene Unsicherheit ihr unterschob, fühlte er sich wieder überlegen.

Dr. Craig Malkin ist klinischer Psychologe in den USA, er lebt in Boston und unterrichtet an der Harvard Medical School. Sein Buch über Narzissmus ist vor Kurzem auch auf Deutsch erschienen: "Der Narzissten-Test" (288 S., 19,99 Euro, Dumont).

Kann man Menschen, die so sind, ändern - zum Beispiel als Freundin, Partnerin, Familienmitglied

Wenn die Person selbst merkt, dass ihr Verhalten in Beziehungen zu anderen Menschen Probleme macht, besteht noch Hoffnung. Und sehr viele Narzissten wis­sen das genau, selbst diejenigen mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung. Und es sind ja auch meist keine unempathischen Menschen - ihre gewohnten Strategien stehen ihnen nur immer wieder dabei im Weg, auch mal den Blick­winkel ihrer Mitmenschen einzunehmen. Man sollte dem Narzissten daher sagen, wie sehr er einen mit seinem Verhalten verletzen kann. Und zwar genau des­ wegen, weil er oder sie einem als Freund, Partner, Familienmitglied so wichtig ist.

Und wie macht man das am besten?

Ich hatte eine Klientin, die darunter litt, dass ihre Schwester sie so arrogant behandelte und ständig runtermachte. Aber es gab auch immer wieder Momente, die gut zwischen den beiden liefen, in denen die Schwester wirklich aufmerksam und mitfühlend zuhörte. Ich habe meiner Klientin den Rat gegeben, ihrer Schwester zu sagen, wie viel ihr diese Momente bedeuten: "Du bist meine Schwester und ein wichtiger Mensch in meinem Leben. Ich mag es, wenn wir so reden können, ich fühle mich dir dann wirklich nah." Diese Bestätigung des Guten ist weitaus effektiver, als die andere Person anzuschreien: "Warum musst du eigentlich immer so eine selbst­süchtige Idiotin sein?!"

Und wenn ich merke, dass das alles nichts nützt? Wann ist es Zeit zu gehen?

Wenn extreme Narzissten absolut nicht einsehen, dass ihr Verhalten verletzend ist, obwohl man es ihnen sagt. Wenn sie nicht wenigstens ein bisschen zugeben können, dass sie zu einem zwischen­ menschlichen Problem beitragen - dann sollte man überlegen, die Beziehung zu beenden. Denn was man nicht erkennt, kann man auch nicht ändern. Auf jeden Fall gehen sollte man, wenn jemand immer wieder und ganz offensichtlich lügt, dabei nie auch nur irgendein Zei­chen von Reue zeigt, sich nie für irgend­etwas entschuldigt. Die Chance ist dann hoch, dass es sich nicht nur um extrem ungesunden Narzissmus handelt, son­dern um Psychopathie - bösartiger Nar­zissmus, der sehr gefährlich werden kann.

Und wenn ich selbst feststelle: Hmm, so extrem bin ich zwar nicht, aber vielleicht doch etwas narzisstischer, als mir und meinen Beziehungen guttut?

Dann sollte man versuchen, tiefer zu gra­ben und sich seiner eigenen Strategien bewusst zu werden: Mache ich gerade andere Leute runter, damit ich überlegen bin und mich nicht so schlecht fühle? Versuchen Sie stattdessen, Ihre wahren Gefühle - ich bin ängstlich, ich bin unsi­cher, ich bin einsam, ich bin traurig - zu erkennen und nahestehenden Menschen mitzuteilen. Wer merkt, dass man sich durchaus öffnen kann, ohne von anderen Menschen verletzt zu werden, wer sich ehrlich zeigen kann - der muss nicht mehr nur Trost in sich selbst und seiner gefühlten Einzigartigkeit suchen. Aber das geht nicht über Nacht. Es handelt sich schließlich um Strategien, die schon in der Kindheit gelernt wurden.

"Es ist nur gut, wenn Eltern ihre Kinder oft loben"

Oft wird ja behauptet: Diese überengagierten Helikoptereltern, die alles ganz toll finden, was ihre Kinder machen, und sie allesamt für hochbegabte, hochsensible Genies halten, züchten eine ganze Generation von kleinen Prinzen und großen Narzissten heran. Das stimmt so nicht. Selbst, wenn damit Eltern gemeint sein sollten, die aus­schließlich um ihre Kinder kreisen und ihnen jeden Freiraum und jede Eigenstän­digkeit nehmen: Das ist ganz sicher nicht gut für die Entwicklung des Kindes, aber selbst in diesem Fall wäre ständiges Loben noch das kleinste Problem. Generell ist es nur gut, wenn Eltern ihren Kindern sagen, sie seien etwas Besonderes. Und eben nicht nur dann, wenn das Kind etwas Außergewöhnliches geleistet hat und damit vermittelt bekommt: Aha, wenn ich nicht irgendwie hervorsteche, bin ich auch nichts wert. Problematisch ist aber, wenn Eltern NUR loben, aber nie mit ihrem Kind auch über Schwierigkei­ten und Hindernisse reden. Wenn sie ihrem Kind nicht die Hand halten und ihm beibringen, dass es sich bei Kummer und Ängsten vertrauensvoll an einen anderen Menschen wenden kann.

Und was ist mit dem Argument, dass die ständige Selbstdarstellung in den sozialen Medien, das Fischen nach "Likes", unsere Gesellschaft narzisstischer gemacht hat?

Die Frage, ob Facebook oder Tumblr nar­zisstischer machen, steht für mich auf einer Stufe mit der Frage, ob Island oder Russland Herzinfarkte verursachen. Die Antwort ist: Es kommt drauf an, was sie da machen. Ja, das Posten von Selfies und die Jagd nach Likes hat eine narzisstische Komponente und ein gewisses Abhän­gigkeitspotenzial. Und passiv dazusitzen und sich das vermeintlich so tolle Leben der anderen auf Facebook anzuschauen, macht erwiesenermaßen unglücklich. Aber wir wissen aus Studien auch, dass soziale Medien das Selbstvertrauen stär­ken und zufriedener machen können - und zwar, indem man sie im eigentlichen Sinne benutzt: um sich mit anderen aus­ zutauschen, um neue Bekanntschaften zu schließen und bestehende zu vertiefen. Mein Rat für den Umgang mit sozialen Medien lautet daher: teilen, nicht verglei­chen. Statt reines Zurschaustellen lieber einen echten Austausch mit Freunden und Bekannten, durch Nachrichten und vielleicht auch ehrlichere Posts. Also statt: "Mein toller Tag am Strand!" viel­leicht mal ein: "Mein toller Tag am Strand hat zum Glück den gestrigen, total blöden Tag wieder wettgemacht."

Interview: Sonja Niemann Ein Artikel aus der BRIGITTE 12/2016
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