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Eine Tochter erzählt Hilfe, ich werde wie Mama!

Ines Schipperges: eine erwachsene Tochter gibt ihrer Mutter einen Kuss
© Brastock Images / Adobe Stock
Ines Schipperges hat das Gefühl, ihrer Mutter immer ähnlicher zu werden. Und weiß noch nicht, wie sie das findet.

"… und nimm noch ein Stück von dem Käse mit, der hat dir doch so gut geschmeckt“, sagte ich zu einer Freundin, die zu Besuch gewesen war und nun aufbrechen wollte. Vor ihr türmte sich bereits ein Berg aus Tupperdosen, in Bienenwachspapier gewickelte Kuchen und zwei grüne Birnen, weil sie den Fehler begangen hatte zu sagen, dass diese Birnen ja wirklich lecker seien. Hilfsbereit schnitt ich ein Stück Käse ab und kramte nach einer weiteren Tupperbox, während meine Freundin sich hilflos umsah. "Wie soll ich das alles denn transportieren?" – "Kein Problem!", rief ich. "Ich hab hier eine Tüte!" Und schaufelte den Berg in einen roten Stoffbeutel. Dann fiel mir ein, wie dieser Beutel zu mir gekommen war: Als ich vor zwei Wochen bei meinen Eltern zu Besuch gewesen und zum Abschied derart mit Lebensmitteln überladen worden war, dass nicht mehr alles in meinen Rucksack gepasst hatte.

Vor sechs Jahren habe ich mein erstes Kind bekommen. Und seitdem stelle ich fest, wie ich mich immer mehr in meine eigene Mutter verwandle. In manchen Dingen waren wir uns immer schon ähnlich, meine Mutter, auch meine Schwester und ich. Wurden am Telefon verwechselt, bekamen gesagt, dass wir genau dieselbe Gestik hätten. Auch dass wir nicht wissen, was man mit einem Ball anfängt, dass wir in jedem Gewässer schwimmen müssen, im Zug nicht gerne gegen die Fahrtrichtung sitzen, immer kalte Hände und Füße haben, abends in Krimis versinken, obwohl wir dann nicht einschlafen können … All das war schon immer so, zumindest seit ich denken kann.

Neu ist, dass ich plötzlich diese ganzen mütterlichen Eigenschaften meiner Mutter übernehme. Die man immer ein wenig belächelt, in der Jugend vielleicht auch als nervig empfunden hat. Dass ich sofort anfange, Tee zu kochen, sobald ein Mensch unsere Schwelle überschreitet (obwohl ich, anders als meine Mutter, selbst selten Tee trinke). Dass ich Leute, die ich mag, mit Lebensmitteln eindecke. Dass ich Leute, die ich nicht mag, distanziert behandle – was außer meinem Freund niemand merkt, weil ich dabei immer noch relativ freundlich bin. Ich mich aber erinnere, wie es mir früher unsäglich peinlich war, wenn meine Mutter dasselbe gemacht hat. Weil ich selbst den Unterschied kannte zwischen ihrer echten Freundlichkeit und ihrer eisgekühlten. Heute weiß ich: Mutterinstinkt. Kommt uns bloß nicht zu nahe, signalisieren wir ungeliebten Menschen. Pfoten weg von meiner Familie.

Die Zukunft der Kinder

Auf eine anstrengende Art mütterlich fühle ich mich auch, wenn ich nachts um zwei aufwache und mir Sorgen mache. Um meine Kinder, um die Welt, in der meine Kinder aufwachsen. Was auch tagsüber anstrengend ist, weil ich keine Toastbrotverpackung mehr wegschmeißen kann, ohne ihr ein zweites Leben als Müllbeutel oder Brottüte zu schenken, weil ich kein Wasser mehr verschwenden und kein Auto mehr fahren kann – weil ich plötzlich ständig an meine Kinder und ihre Zukunft denken muss. "Das nervt!", rufe ich meiner Mutter manchmal gedanklich zu, wenn sie mir am Telefon wieder mal einen tollen Tipp zum Klimaschutz verrät, den ich gar nicht wissen wollte, auf den ich – typisch Tochter eben – nur mit einem Stöhnen reagiere. Und den ich dann doch nicht mehr aus dem Kopf bekomme.

Natürlich habe ich auch gestöhnt, als meine Mutter in den roten Stoffbeutel dann noch einen halben Stollen reinzuquetschen versuchte. Aber ich weiß auch: Meine Mutter ist die allertollste Frau der Welt. Und wenn ich nur einen Teil davon mitbekommen habe und an meine Kinder weitergeben kann, können sie sich glücklich schätzen. Blöd nur, dass man sich nicht aussuchen kann, welchen Teil.

Brigitte

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