Einsamkeit: "Eine Partnerschaft ist keine Erlösung"

Viele Menschen sind allein und sehnen nichts mehr herbei, als ihr Single-Dasein zu beenden. Psychologin Ursula Wagner (40) hat ein Buch über das Alleinsein geschrieben und erklärt im Brigitte.de-Interview, wieso Einsamkeit auch eine gute Sache ist.

Ursula Wagner

Brigitte.de: Es gibt immer mehr Menschen, die keinen Partner haben. Weshalb erleben so viele von ihnen das Alleinsein als Versagen?

Ursula Wagner: In unserer Gesellschaft gilt das Leben als gestaltbar, jeder ist individuell dafür verantwortlich. Das heißt, alles, was nicht so gut läuft, erzeugt Schuldgefühle. Hier liegt ein Missverständnis von Selbstverantwortung vor. Alles beeinflussen zu können, ist eine Illusion.

Brigitte.de: Trotzdem hadern viele Singles mit der Frage, warum sie allein sind.

Ursula Wagner: Die Frage "Warum bin ich persönlich allein?" ist eine wichtige Frage, wenn man sie nicht mit der Schuldfrage verknüpft. Wer sich selbst beschimpft, geht belastet in die Zukunft. Man fühlt sich selbst schnell beziehungsunfähig, das ist wenig hilfreich. Besser ist es genau hinzusehen, an welchen Punkten Sie ansetzen können.

Brigitte.de: Haben Sie einen konkreten Tipp dafür?

Ursula Wagner: Schreiben Sie auf einem Blatt Papier auf, jeweils in einer Spalte, was Sie in einer Beziehung bekommen und was nicht bekommen haben, und was Sie gegeben und nicht gegeben haben. Hier können Sie Muster erkennen und eventuell psychologische Hilfe in Anspruch nehmen.

Brigitte.de: Was kann ich selbst tun?

Ursula Wagner: Ich kann mich fragen: Wonach habe ich jetzt Sehnsucht? Gibt es Bedürfnisse, die ich selbst erfüllen kann und muss? Vielleicht bin ich auch im Job unzufrieden, und diese Unzufriedenheit kann kein Partner vollständig wettmachen. 'Ich fühle mich nicht vollständig', dieses Gefühl, nicht liebenswürdig und wertvoll zu sein, kann ich auch in einer Beziehung haben. Mein Partner kann mich nicht von mir selbst erlösen. Auch wenn die Partnerschaft einem vieles gibt, was man als Single nicht bekommt. Wichtig ist es, sich nicht die Schuld dafür zu geben, dass es einem schlecht geht.

Brigitte.de: Was sind denn erste, einfache Schritte, um sich als Single besser zu fühlen?

Ursula Wagner: Wacher werden, sich umschauen in der Welt, Farben, Formen, Gerüche wieder wahrnehmen, sich Zeit dafür nehmen. Gar nicht gezielt, sondern einfach sinnlicher werden für das, was um einen herum so passiert. Und wenn Sie jemandem begegnen, denken Sie nicht gleich, 'da muss jetzt was draus werden'. Verbieten Sie sich die Sehnsucht nach einem Partner natürlich auch nicht. Versuchen Sie, das Leben mit mehr Freude zu füllen.

Brigitte.de: Viele Übungen in Ihrem Buch sind auf den Körper ausgerichtet. Warum spielt er beim Thema Einsamkeit so eine große Rolle?

Ursula Wagner: Wir speichern im Körper alle positiven und negativen Gefühle. Schlechte Gefühle tragen dazu bei, dass wir uns weniger spüren wollen. Oft vermeiden Einsame, sich mit ihrem Körper auseinanderzusetzen, weil es das Gefühl des Alleinseins verstärkt. Doch es ist erwiesen, dass aktive Bewegung sehr dazu beiträgt, sich im eigenen Körper wohler zu fühlen. Das wirkt auch auf die Ausstrahlung. Und Partnersuche läuft sehr stark über körperliche Ausstrahlung. Es lohnt sich also, den Körper zu beleben.

Brigitte.de: Und wie geht man mit der Angst um, keinen Partner mehr zu finden? Das hängt ja nicht nur mit dem körperlichen Wohlbefinden zusammen.

Ursula Wagner: Ich war selbst über Jahre allein und kannte neben den zufriedenen Phasen auch diese Angst. Das Schlimme ist, dass sie so diffus ist. Wichtig ist es, der Angst wirklich in die Augen zu sehen. Fragen Sie sich 'an was erinnert mich das? Habe ich das schon früher gehört?' Schauen Sie, was Sie dem Gefühl zu entgegnen haben. Begeben Sie sich ins "Worst-Case"-Szenario: Wie lebe ich, wenn ich keinen Mann mehr finde? Das kann schließlich passieren. Und auch dann gäbe es für mich ein sinnvolles Leben.

Brigitte.de: Haben Sie praktische Ideen, wie ich mit destruktiven Gedanken à la "ich finde sowieso keinen mehr" umgehen kann?

Ursula Wagner: Je häufiger negative Gedanken gedacht werden, desto stärker werden sie. Das sind neue Erkenntnisse aus der Hirnforschung. Wenn die Stimme oft kommt, führen Sie ein Stopp in Ihre Gedanken ein: 'Den Satz möchte ich nicht wieder hören.'

Brigitte.de: Sie beschreiben das Alleinsein als Möglichkeit, Selbstliebe und Akzeptanz zu lernen, unabhängig davon, dass jemand anderes da ist, der mir das immer bestätigt. Was ist dafür entscheidend?

Ursula Wagner: Sich selbst ins Herz zu schließen. Dafür gibt es eine ganz einfache Übung: Nehmen Sie sich morgens und abends zehn Minuten Zeit. Setzen Sie sich hin, atmen sie, spüren Sie sich. Das klingt simpel, hat aber eine ungeheure Wirkung! Schauen Sie sich selbst freundlich an, sagen Sie sich zum Beispiel "Ich bin eine Blume", und sehen Sie sich beim Wachsen zu. Und machen Sie sich klar, dass alles einer Veränderung unterliegt. Sie haben vielleicht negative Gefühle, aber Sie sind nicht ihre Gefühle. Die ändern sich wieder, das ist ja auch bei positiven Gefühlen so - niemand lebt im Dauer-Glücksrausch. Denken Sie einen destruktiven Gedanken wie 'ich bin wertlos' weiter: 'Das habe ich von früher mitgenommen, das gilt nicht mehr.' Was auch helfen kann: Der Gedanke, dass andere ebenfalls ihre Probleme haben. Das verlieren Singles oft aus dem Blick!

Brigitte.de: Sie meinen, man neigt als Single dazu, alles auf das Singlesein zurückzuführen und sich nicht mehr als Mensch, sondern als Single zu fühlen?

Ursula Wagner: Ja. Wie irreführend diese Herleitung ist, zeigt sich, wenn Sie ein anderes Attribut einsetzen: "Ich fühle mich so, weil ich braune Haare habe" klingt ziemlich lächerlich. Sicher, Singles spüren existentielle Themen mehr als andere. Aber wer ein "Alleinsein-Bodybuilding" aufnimmt und sich bemüht, sich zu akzeptieren, lernt sich besser kennen. Viele Menschen kommen aus langjährigen Beziehungen ganz zerstört heraus. Dagegen ist es gar nicht so schwer, sich als Single geschmeidig zu halten: Teilen Sie mal mit der Freundin ein Zimmer, sorgen Sie dafür, dass Sie nicht eigenbrötlerisch werden. Dann ist Alleinsein auch eine Chance. Wer allein ist und sich damit wohlfühlt, aber auch die Sehnsucht nach einer neuen Liebe zulässt, hat die besten Chancen, wieder einen Partner zu finden.

Buchtipp

"Die Kunst des Alleinseins" von Ursula Wagner ist im März 2005 im Theseus Verlag erschienen und kostet 19,95 Euro. ISBN: 3896202553

Ursula Wagner hat eine eigene Website, auf der Sie mehr über die Autorin erfahren: www.kunst-des-alleinseins.de

Interview: Wiebke Peters
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