Bist du einsam? Daran erkennst du die Signale!

Einsamkeit hat viele Gesichter. Daher erkennt man sie nicht immer sofort – manchmal noch nicht mal bei sich selbst.

Einsamkeit ist ein hässliches Wort. Will keiner haben. Will keiner sein. Einsam, das sind allenfalls die anderen. Also die, die man nicht so gut kennt. Die alte, kranke Frau vielleicht, die den ganzen Tag den Fernseher laufen lässt. Oder der verbitterte, unfreundliche Mann, der die Straßen seiner Nachbarschaft abläuft, um Falschparker aufzuschreiben. Die sind bestimmt einsam. Aber doch nicht die freundliche junge Kollegin, die so viele Überstunden macht. Nicht der gut aussehende Typ, der jedes Wochenende eine andere Online-Dating-Bekanntschaft abschleppt. Und, natürlich, schon gar nicht man selber.

Gegen Einsamkeit helfen keine oberflächlichen Kontakte

Der Mensch an sich ist ein soziales Wesen. Sich einsam zu fühlen war daher immer ein Tabu, denn es klingt nach Sozialversager. Nach jemanden, mit dem etwas nicht stimmt. Und dieses Tabu ist - im Gegensatz zu anderen Tabus – nicht geringer geworden, sondern eher noch größer: Viele Freunde, Bekannte, ein "Netzwerk" zu haben ist heutzutage nicht mehr nur nett, sondern auch ein Statussymbol. Einen Partner und Kinder keine wirtschaftliche Notwendigkeit mehr, sondern ein romantisches Ideal. Und abgesehen davon ist es ja tatsächlich theoretisch einfach wie nie, mit neuen Menschen in Kontakt zu kommen (Tinder, Parship, "New in town") beziehungsweise mit alten in Kontakt zu bleiben (Skype, WhatsApp, Facebook).

Es ist sehr leicht, Alleinsein zu vermeiden. Nur: Das nützt gegen Einsamkeit gar nichts. Denn gegen Einsamkeit helfen eben nicht viele oberflächliche Kontakte, sondern wenige bedeutungsvolle. Und während freiwilliges Alleinsein ein wunderbarer Zustand sein kann, ist Einsamkeit immer ein beschissenes Gefühl.

Woran erkennt man, dass man einsam ist?

Einsam ist der Teenager in der Kleinstadt, der das Gefühl hat, irgendwie anders zu sein als alle, die er hier kennt. Einsam ist der Mann, der von seiner Frau verlassen wurde und mit keinem über seinen Kummer redet, sondern sich stattdessen in One-Night-Stands flüchtet. Einsam ist die Frau, die realisiert, dass sie zwar mit ihrem Partner noch zusammenlebt, aber er sein Leben schon seit Jahren nicht mit ihr teilt. Einsam ist der Mann, der denkt: "Die anderen sind sowieso nur Idioten, ich brauche gar keinen davon" – und nur manchmal nachts, ganz leise, in sich spürt, dass das vielleicht nicht seine hundertprozentige Wahrheit ist.

Workaholics sind am einsamsten

Eine repräsentative Umfrage des Vereins Wahlverwandtschaften e.V. und des Marktforschungsinstituts Harris Interactive in Deutschland aus dem Jahr 2014 ergab: Nur 30 Prozent der Befragten fühlten sich gar nicht einsam, 20 Prozent dagegen litten sehr stark unter Einsamkeit. Die größte Gruppe unter den schwer Einsamen waren übrigens nicht die Rentner, sondern diejenigen, die die Studie als "Workaholics" klassifizierte: Menschen – vor allem sind es Männer – die so viel arbeiten, dass sie keine Zeit für andere mehr aufbringen. Beziehungsweise: Menschen, die sich in ihre Arbeit flüchten, um sich von der Einsamkeit abzulenken.

US-amerikanische Studien kamen für ihr Land auf ähnlich hohe Zahlen, der Einsamkeitsforscher John Cacioppo von der Universität Chicago spricht von einer "Einsamkeits-Epidemie". Der Krankheitsbegriff ist bewusst gewählt, denn Einsamkeit hat negative Auswirkungen auf das Immunsystem, den Schlaf, die Ausschüttung von Stresshormonen und macht außerdem eine ungesunde Lebensweise (mehr Alkohol, mehr Junkfood) wahrscheinlicher.

Einsamkeit hat eine wichtige Funktion

Ein Gefühl der Einsamkeit kann jeden von uns ein- oder mehrmals im Leben treffen: durch einen Umzug, eine Trennung, einen Verlust, dadurch, an einen Ort gezwungen zu sein, an dem man sich fremd fühlt. Es bleibt uns dann nichts anderes übrig, als diese Einsamkeit auch für einige Zeit auszuhalten. Denn sie gehört zum Leben. Aber sie hat auch eine wichtige Funktion: Sich einsam zu fühlen erinnert uns daran, dass wir eben gerade nicht allein im Universum sind, sondern als Mensch eine Verbindung zu anderen Menschen brauchen. Und wer das erkannt hat, kann diese Verbindung auch wieder bekommen. Ein erster Schritt dahin ist echtes Interesse daran, was den anderen bewegt, durch Empathie und Anteilnahme. Es liegt an uns. Und das ist die gute Nachricht.

Ein Artikel aus der BRIGITTE 08/17
Text: Sonja Niemann
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