Elternstreit: Wann bin ich zur Therapeutin meiner Eltern geworden?

Nein, man möchte nicht wissen, wie oft Papa Mama betrogen hat. Und wie oft sie sein Handy kontrolliert. Was aber, wenn Eltern in Ehekrisen niemand anderen zum Reden haben als die erwachsenen Kinder?

"Stimmt es, dass du deiner Mutter gesagt hast, dass meine Kolleginnen alle Schlampen sind?" Entsetzt schaue ich meinen Vater an. "Wie bitte?! Nein! Wie kommt sie denn da drauf?" – "Deine Mutter meint, dass du das gesagt hast. Warum habt ihr überhaupt darüber geredet? Was hat sie von dir gewollt? Was hast du ihr erzählt?"

Schon sind wir mittendrin und ich bereue es, meinen Vater gebeten zu haben, mich ins Büro zu fahren. Das Auto bietet keine Fluchtmöglichkeit. "Lisa, ich bin so unglücklich." Vergeblich versuche ich ruhig zu atmen. "Deine Mutter verfolgt mich auf Schritt und Tritt, checkt mein Handy, meine Kontoauszüge. Das ist kein Leben mehr. Das ist Folter." Ich weiß nicht, wie ich auf den Satz reagieren soll. Das Shirt unter meinen Achseln wird nass. Du hast sie ja auch betrogen, denke ich. Natürlich ist das schon 30 Jahre her. Oder hast du sie später auch noch betrogen? Waren da meine Schwester und ich noch ganz klein? Waren wir dir als Familie nicht wichtig genug? Meine Gedanken laufen Amok. "Habt ihr mal über eine Therapie nachgedacht?", frage ich. "Nein, das will deine Mutter nicht. Du kennst sie doch." Falsch. Ich kenne sie nicht. Auch ihn kenne ich nicht. Nicht so. Meine Eltern sind mir fremd geworden. Sie sind verletzt und verletzend, unsicher und verbittert, und richtig hässlich. Zueinander. Sie haben Eheprobleme und erwarten nicht nur von mir, dass ich damit klarkomme, sondern dass ich vermittele, ihre Ansichten verstehe.

Ich bin ja schon erwachsen, ich kann das ab. Kann ich aber nicht.

Ich bin ein Kind. Ihr Kind. Auch wenn ich über 30 bin. Und auch das, was sie erzählen, ist mir viel zu intim. Tatsächlich ist das Thema ein blinder Fleck. Die Scheidungsstatistik listet keine Trennungskinder über 18. Was soll das auch sein? Ein Trennungserwachsener? Zumal ich das ja auch nicht bin. Noch. Auch in der Öffentlichkeit hat das Dilemma kaum Relevanz. Obwohl gerade in der Generation der Babyboomer aus den 1950ern heute so einiges hochkocht: Die Überalterung und zunehmende Vereinsamung, die immer noch verbreitete Stigmatisierung der Therapie ("Ich bin doch nicht verrückt!") und die alte Regel, über Probleme nicht in der Öffentlichkeit zu sprechen, treiben sie dazu, alles in sich hineinzufressen. Oder die Kinder um Beziehungsrat zu bitten. Ich frage mich ernsthaft, was schlimmer ist.

Während Eltern sich vor kleinen Kindern nicht streiten, werden erwachsene Kinder bewusst einbezogen

"Wie einen Sturz aus dem Paradies" beschreibt Familientherapeutin Katharina Henz das für Söhne und Töchter, "völlig egal, in welchem Alter sie sind." Sie trifft einen wunden Punkt. Denn während zu Recht versucht wird, sich nicht vor Kleinkindern zu streiten, werden die erwachsenen Kids nicht nur nicht rausgehalten, sondern aktiv mit eingebunden. Neulich erst, als mein Vater erklärte, er würde sich bald umbringen, während ich seinen Enkel auf dem Arm hielt. Oder als meine Mutter mich bat, eine Kollegin meines Vaters auf Facebook zu stalken. "Mama hat nicht viele Freundinnen, also spricht sie mit mir", erzählt mir Freundin K., ein erwachsenes Einzelkind. Ihre Mutter fragte sie ernsthaft, ob sie einen Detektiv anheuern soll, weil der Vater so lange nach Hause braucht. "Was soll ich ihr darauf denn antworten? Und mein Vater sitzt dann

schluchzend an meinem Wohnzimmertisch, will meine Mutter verlassen und mir gleichzeitig versichern, dass sich für mich nichts ändern wird." K. weiß vor allem nicht, wie sie sich abgrenzen soll. "Ich denke immer, ich muss es hinbiegen, vor allem bei meiner Mutter denke ich oft, ich muss sie 'retten'."

Wenn die Eltern nicht verstehen wollen, dass man genügend eigene Sorgen hat

Parentifizierung - so nennt es die Therapeutin. "Wenn ein Elternteil schwach wirkt, fühlen sich die Kinder plötzlich sehr verantwortlich. Sie übernehmen die Elternfunktion." Was für alle Beteiligten sehr irritierend ist. Wie es ist, wenn der sonst so starke Papa plötzlich zu diesem Häufchen Elend wird, erlebte meine Freundin F. Für den Vater brach durch die Scheidung die Welt zusammen, er flehte die Tochter an: "Was habe ich falsch gemacht? Was kann ich tun, damit deine Mutter mich wieder liebt?" Dass er doch bitte einen Freund anrufen soll, das brachte F. nicht über die Lippen. "Ich wollte für ihn ja genau so da sein wie er für mich", sagt sie. "Aber ich bin doch nicht sein Life-Coach. Es klingt so hart, aber wenn ich heute seine Nummer sehe, will ich gar nicht mehr rangehen. Erst gestern, als er anrief, um von seinem Amtstermin zu erzählen. So Dinge, die man mit dem Partner bespricht. Aber der bin ich nicht. Ich habe eigene Sorgen, eigene Kinder." Und da ist sie wieder, die Frage nach unserer Verantwortung für die Eltern. Sind wir es ihnen nicht schuldig? Immer noch ein verbreitetes Denken, das durchbrochen werden muss, meint Philosophin Barbara Bleisch von der Universität Zürich. In ihrem Buch "Warum wir unseren Eltern nichts schulden" zeigt sie unterschwellige Vorwürfe vieler Elternhäuser: Du kommst an Weihnachten nicht?! Du kannst mich doch nicht in ein Heim stecken nach all dem, was ich für dich geopfert habe. Wenigstens du solltest mir zuhören, ich hatte für dich ja auch immer Zeit. "Kinder aber haben ebenso wenig um ihr Leben wie um ihre Erziehung und ihre Pflege gebeten", schreibt Bleisch. Vielmehr waren sie als hilflose Säuglinge auf die Elternfürsorge angewiesen. Es war ihre gesetzliche Pflicht. Und kein Gefallen, bei dem es später heißt: Du hast bei mir etwas gut. Auf immer und ewig.

Die richtige Balance zwischen Verbundenheit und Abgrenzung in der Eltern-Kind-Beziehung ist wichtig

Die Familienforschung geht davon aus, dass sich die Eltern-Kind-Beziehung bis ins hohe Alter immer weiterentwickelt. Und sie gelingt immer dann, wenn es die richtige Balance zwischen Verbundenheit und Abgrenzung gibt. Das ist zwar schön und gut, nur ist das mit der Abgrenzung echt schwierig, wenn man plötzlich zur Seite genommen wird, um mit dreckiger Wäsche erschlagen zu werden: Weißt du, wie lange es her ist, dass wir miteinander geschlafen haben? Merkst du, wie krankhaft eifersüchtig er ist? Denkst du nicht auch, dass sie langsam ihren Verstand verliert? – Und versteht ihr nicht, dass ich das alles nicht hören will? "Man kommt in einen scheußlichen Loyalitätskonflikt", sagt Henz. Einerseits will man das gute Verhältnis zu dem einen bewahren, andererseits will man den anderen nicht verraten. Gleichzeitig bricht das metaphorische Daheim weg, die Vorstellung dieser großen funktionierenden Familie. "Sollten nicht gerade sie mir vorleben, wie es ist, für immer glücklich zu sein?", fragt K. "Müsste ich ihnen das nicht sagen? Stattdessen trockne ich die Tränen meiner Mutter, wenn sie mich anschreit: 'Ich hasse mein Leben. Niemand würde merken, wenn ich morgen tot bin!' - obwohl mir das das Herz in Stücke reißt. Wie soll ich da sagen, dass ich ihr nicht mehr zuhören will?"

Sich aus der Situation befreien: Den Eltern sagen, wie sehr man darunter leidet

Und genau das, sagt Henz, diese innere Zerrissenheit, dieses Sich-nicht-abgrenzen-Können, Sich nicht-abgrenzen-Dürfen, genau die soll man aussprechen, immer und immer wieder: "Papa, wenn ich dir zuhöre, geht es mir schlecht. Wenn ich dir nicht zuhöre, geht es dir schlecht. Mama, wenn ihr übereinander herzieht, tut ihr beide damit mir weh. Ich liebe ja euch beide." Und wenn die Mutter dann sagt: "Du bist nun mal der einzige Mensch, mit dem ich reden kann." Wiederholen, sagt die Therapeutin: "Ich verstehe dich, nur kann ich dir so nicht helfen. Aber ich helfe dir gern, jemanden zu finden, mit dem du reden kannst." Klar werden sie erst verletzt sein, das muss man nicht schönreden. Doch nur so kann man sich aus der Pattsituation befreien. Was mich angeht, werden meine Eltern diese Zeilen nie lesen, weil auch ich mich zu schuldig fühle, meinen echten Namen drunterzusetzen. Doch auch ich möchte nicht wissen, welche Geschenke Papa seiner Affäre gemacht hat, als ich noch klein war. Ich möchte nicht erfahren, dass Mama ihr Leben als wertlos empfindet. Und ganz gleich, wie schmeichelhaft es klingen mag, ich will nicht eure Freundin sein oder die einzige Person, mit der ihr offen reden könnt. Ich bin das Kind. Euer Kind. Und jetzt, bitte, macht endlich diese verdammte Therapie.

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BRIGITTE 09/2019

Wer hier schreibt:

Lisa Schmied
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