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Emotionale Differenzen Was schulde ich als erwachsenes Kind meinen Eltern?

Mutter und Tochter umarmen sich
© fizkes / Adobe Stock
Viele Jahre fragte sich unsere Autorin, welche Pflichten sie als erwachsene Person gegenüber ihren Eltern hat. Hier schildert sie ihre Gedanken.

Mit 19 Jahren bin ich aus meinem Elternhaus ausgezogen. Und zwar nicht in die nächstgrößere Stadt, sondern in die größte Stadt des Landes. Nicht nur für meine Eltern, sondern für meine gesamte Familie war das eine große Überraschung. Egal ob Tanten, Onkel, Großeltern oder Cousins und Cousinen – jede einzelne Person meiner Familie lebt nicht weiter als 20 Kilometer von ihrem Geburtsort entfernt. Für mich war das nie erstrebenswert. Ich wollte weg. Etwas anderes sehen. Neue Eindrücke gewinnen. Damals habe ich nicht mal ausgeschlossen, nie wieder zurückzukehren.

Meine Eltern unterstützten mich bei diesem Schritt so gut es ging – wie in allen anderen Lebenslagen auch. Das ist bis heute so. Und doch – oder gerade deshalb ­– ereilt mich so oft die Frage, was ich meinen Eltern schuldig bin.

Was erwarten Eltern von ihren erwachsenen Kindern?

Meine Eltern haben noch nie von mir erwartet, ihnen irgendetwas davon zurückzugeben, was sie mein Leben lang für mich geopfert haben. Das löscht aber noch lange nicht das Gefühl in mir, ihnen etwas schuldig zu sein. Ich rufe meine Mama jeden Sonntag an und habe ein schlechtes Gewissen, wenn ich es einmal nicht mache. Ich versuche, an allen Geburtstagen der engsten Verwandten in die Heimat zu fahren und an Weihnachten länger als nur über die Feiertage dort zu verweilen. Mein schlechtes Gewissen wächst, wenn ich Silvester lieber mit Freund:innen in meinem jetzigen Wohnort verbringe als bei meinen Eltern im Wohnzimmer. Und wenn meine Eltern mich besuchen, fühle ich mich verpflichtet, jeden einzelnen Tag von morgens bis abends strukturiert durchzuplanen, Gespräche am Laufen zu halten und in den richtigen Momenten einen Witz einzustreuen. Vor allem aber mache ich mir manchmal Vorwürfe, dass ich mich den Großteil der Zeit hunderte von Kilometern von meinen Eltern entfernt aufhalte und mein eigenes Leben führe.

Bin ich irgendwann nicht mehr Tochter?

Wenn wir bei unseren Eltern aufwachsen, adaptieren wir viele Verhaltensweisen. Etwa was und wann wir essen, wie wir unsere Wäsche falten, wie wir mit Konflikten umgehen oder die Art und Weise wie wir Freundschaften pflegen. Ziehen wir aus, in andere Städte oder Wohngemeinschaften, lernen wir ganz neue Perspektiven kennen. Wir erweitern unseren Horizont, sind offen für neues. Natürlich bleiben unsere Wurzeln. Trotzdem kapseln wir uns an verschiedenen Stellen Stück für Stück von unseren Eltern ab. Kehren wir zurück in die Heimat, sind auf einmal wir diejenigen, die unseren Eltern etwas beibringen können. Und gleichzeitig sind wir es, die nicht mehr so richtig dorthin passen. Nicht, weil wir ein fremder Mensch, oder etwas Besseres sind, sondern weil wir uns in andere Richtungen entwickelt haben, an uns gewachsen sind. Weil wir autonom leben. Das ist keine einfache Angelegenheit für Kinder sowie für Eltern – zumindest, wenn wir nicht den richtigen Umgang damit kennen. Wir werden immer die Kinder unserer Eltern sein – das ist auch gut so – aber unser Umgang miteinander darf sich ändern.

Wie sieht ein gesundes Verhältnis zwischen erwachsenen Kindern und ihren Eltern aus?

Heute vergleiche ich die Beziehung zu meinen Eltern mit einer guten Freundschaft. Wir begegnen uns auf Augenhöhe und respektieren einander. Ich sehe darin sogar eine Chance. Die Chance, über Themen zu sprechen, die wir als Teenager lieber geheim gehalten haben, obwohl der Rat von Eltern manchmal gar nicht so verkehrt ist. Gleichzeitig darf sich jeder – egal ob Kind oder Elternteil ­– in die für ihn:sie passende Richtung entwickeln, ohne sich dabei schlecht fühlen zu müssen. Ich möchte nicht, dass meine Eltern aufhören an sich zu wachsen und den Rest ihres Lebens darauf warten, dass ich an Geburtstagen oder Weihnachten zu Besuch komme. Ich möchte, dass sie ihr eigenes, autonomes Leben führen. Neue Hobbys für sich entdecken, die Welt bereisen und das tun, wonach sie sich in der Tiefe ihres Herzens sehnen. Genauso erwarte ich es andersrum von meinen Eltern.

Am Ende geht es in meinen Augen darum: Sich nach wie vor verbunden zu fühlen, aber nicht aus Pflicht, sondern weil wir es wollen.

Fazit: Was schulden wir unseren Eltern?

So viel vorweg: Es gibt nicht die eine Lösung dafür, wie wir als erwachsene Kinder unseren Eltern gegenübertreten und umgekehrt. Ich habe das Glück, in einer funktionalen Familie aufgewachsen zu sein. Dieses Privileg besitzt aber nicht jede Person. Viele familiäre Bindungen können Tragödien aufweisen, die Traumata hinterlassen. Wenn ich nun also schreibe, dass wir unseren Eltern Respekt oder Dankbarkeit schulden, dann trifft das vielleicht auf mich zu, aber auf viele andere Menschen nicht.

Kind zu sein, verpflichtet nicht. Wir haben uns nicht mal aktiv dafür entschieden, auf diesem Planeten zu existieren. Das war die Entscheidung unserer Eltern und damit einher geht die Pflicht, sich einige Jahre um uns zu kümmern. So hart es also klingt: Im Grunde schulden wir unseren Eltern gar nichts. Es liegt an uns, welche Art von Beziehung wir mit unseren Elternteilen führen. Das kann wie bei mir eine Art Freundschaft voller Liebe, Respekt und Dankbarkeit sein. Es kann aber auch der totale Kontaktabbruch sein. Schlussendlich geht es um unsere Gefühle und Emotionen. Uns nur aus Pflicht oder Schuldgefühlen umeinander zu kümmern, macht weder uns Kinder noch unsere Eltern glücklich.

Wenn ich also am kommenden Sonntag meine Mama aus irgendwelchen Gründen nicht wie gewohnt anrufe, dann werde ich kein schlechtes Gewissen haben. Weil es nicht meine Pflicht ist. Weil es aus meinem Herzen kommen muss. Und weil sie nicht auf meinen Anruf warten muss, sondern genauso zum Hörer greifen kann, wenn sie Redebedarf hat.

Brigitte

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