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Das ausgelaugte Ich "Wenn man in einer Freundschaft annimmt, in Gefahr zu sein, stimmt was nicht"

Energieräuber: eine junge Frau liegt mit dem Kopf auf dem Tisch und hält einen Becher in der einen Hand
© Lolostock / Shutterstock
Die Freundin, die keine Grenzen kennt, der Typ, der nur von sich redet: Manche Menschen nehmen uns mehr, als sie uns geben. Schluss damit, sagt BRIGITTE-Autorin Susanne Kaloff.

An dem Tag, als ich sie zum letzten Mal sah, trug ich ein XXL-Jeanshemd. Es war weit genug, um mich darunter zu verstecken, und sollte mich unberührbar machen, mich beschützen wie Knoblauch vorm Vampir. Wenn man in einer Freundschaft annimmt, in Gefahr zu sein, stimmt was nicht. Sie war zu Besuch in der Stadt, ich wollte sie nicht umarmen, mich nicht mitteilen, nicht mehr zur Verfügung stehen für etwas, was ihr offensichtlich gut bekam und mir immer weniger: unsere Freundschaft. Am nächsten Morgen war meine Kaschmirmütze verschwunden. Als ich sie darauf ansprach, sagte sie: "Oh, sorry, die muss sich in meine Jacke gemuddelt haben." Gemuddelt heißt vielleicht das Gleiche wie: "Ich habe sie mitgehen lassen." Stets war ich auf der Hut, nicht zu viel von mir zu zeigen, sie nicht zu nah an mich ranzulassen, weil ich wusste, dass sie es irgendwann gegen mich verwenden würde. Wann immer es doch geschah, bereute ich es. Wenn ich etwas aus Begegnungen mit Energievampiren gelernt habe, dann das: Dein Nervensystem lügt nicht. Wenn du dich unwohl fühlst in der Gesellschaft einer anderen Person, dann glaub es dir einfach.

Energieräubern geht es nur um sie selbst

Energieräuber sind Menschen, die nicht fragen, ob man etwas großzügig teilen möchte, die einfach nehmen, weil es in Wahrheit in diesen Verbindungen immer nur um eine einzige Person geht: sie selbst. Sie spüren intuitiv bei ihrem Gegenüber die Bereitschaft zuzuhören, sich um sie zu kümmern, alles zu geben. Man selbst bleibt antriebslos zurück. Ihnen hingegen geht es nach diesen Treffen immer bombig. Kein Wunder, sie saugen den Saft aus den anderen, um ihre emotionalen Bedürfnisse zu füttern. Energie ist feinstofflich und ihr Verlust weitaus subtiler zu bemerken als die plötzliche Abwesenheit einer Mütze.

Ach was, das bildest du dir ein, sagte ich mir auch nach den ersten zwei Dates mit einem Mann, den ich vergangenen Frühling kennenlernte. Als ich mir selbst zutraute, mir sehr wohl vertrauen zu können, war es bereits zu spät: Er lag in meinem Bett. Und nicht nur das, er hatte sich unbemerkt in meiner Aura und meinem Kopf breitgemacht, wo er sich nun 24/7 auf- und mich emotional bei der Stange hielt. Er redete ausschließlich von sich, einmal stoppte ich die Uhr nach dem Sex: 36 Minuten Monolog über seinen Job. Meiner interessierte ihn null. Aber er hielt mich täglich auf Trab, forderte Aufmerksamkeit ein, schüttete mir seine Sorgen vor die Füße. Um mich ging es dabei nie. Nach jedem Kontakt mit ihm war ich ausgelaugt wie nach einem Langstreckenflug. Und machte dennoch weiter. Dahinter steckte nicht Willenlosigkeit, sondern die Tatsache, die ich mir lange nicht eingestehen wollte: Es schmeichelte mir, dass jemand so dringend etwas von mir wollte, dass ich es in Kauf nahm, beraubt zu werden. Ein bisschen so, als ob die Besitzer eines Luxuskaufhauses Ladendiebe nicht anzeigen, weil sie sich geschmeichelt fühlen von der schieren Begierde der Täter.

Das alles sind Wahrnehmungen, für die man selten präzise Belege anführen kann, weswegen es mir stets schwerfiel, anzusprechen, was ich empfand. Eckehard Pioch, Psychoanalytiker aus Berlin, erklärt es so: "Das Erleben, das mir Energie abgesaugt wird, beschreibt den Prozess, in dem ich innerlich so sehr mit der Beziehung zu einem anderen Menschen beschäftigt bin, dass ich weniger Aufmerksamkeit für meine Umwelt habe und vielleicht sogar darin beeinträchtigt bin, die Aufgaben zu erfüllen, die eigentlich anstehen." Heißt: Wer sich den ganzen Tag manisch mit der Psyche und dem Wohlbefinden einer anderen Person beschäftigt, dem bleibt wenig Energie fürs eigene Leben. Und dieser Konflikt lässt Wut entstehen. Pioch: "Eigentlich sollte ich diese Gefühle gar nicht haben. So wird aus dem äußeren Konflikt mit einer anderen Person ein innerer Konflikt." Und dann sitzt man da, mit heftigen Emotionen, die man nicht loswird, weil man sie nicht an diejenigen richtet, die sie betreffen.

Und was jetzt?

Wie gelingt es, bei mir zu bleiben, meine Kraft zu bewahren? Sich eine emotionale Unberührbarkeit à la "Pfff, macht mir doch gar nichts aus" zuzulegen, sei weniger zu empfehlen, meint Pioch, weil diesem Schutzmechanismus eine Verleugnung zugrunde liegt. In Wahrheit macht es einem ja sehr wohl was aus. Lösung Nummer zwei, gleich ganz raus aus der Beziehung zu gehen: auch keine gute Idee. "Es mag mitunter hilfreich sein zu fragen: Was gibt mir die Beziehung zu diesem Menschen überhaupt? Aber wenn nur der Lösungsversuch des Kontaktabbruchs zur Verfügung steht, führt das zu narzisstischem Rückzug und sozialer Isolation."

Autsch, okay. Wie löst man es besser? In einem ersten Schritt mir selbst ehrlich eingestehen, dass bei mir eine Verletzung, Wut, Enttäuschung vorhanden ist. Im zweiten Schritt noch einmal die Beziehung zu dem Menschen genau anschauen: Was ist da gerade zwischen uns passiert? Wie kann ich das, was ich empfinde, so ausdrücken, dass ich verstanden werde? Mir hilft es auch, die Dosierung zu ändern: sparsamere Treffen, öfter Nein denken und dann auch sagen. Wenn all das bei mir keine Wirkung zeigte, habe ich mich aus Freundschaften, Beziehungen und von Familienmitgliedern durchaus selbst entfernt.

Manche Dinge muss man mit den Beinen entscheiden. Es hat mich nie einsamer, aber immer stärker gemacht. Weil ich heute weiß, dass ich niemanden in meinem Leben möchte, der mich schwächt. Ich möchte mich mit Menschen umgeben, die mir guttun, mich bestärken, denen mein seelischer und mentaler Zustand genauso am Herzen liegt wie mir ihrer. Die selbst genug Energie haben, um sich Herz und Kopf warm zu halten. Alle anderen sind bei mir an der falschen Adresse.

Brigitte

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