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Paartherapeut verrät Wie viel "Ex" müssen wir in unserer Beziehung akzeptieren?

Ex-Partner: Pärchen schaut sich in die Augen
© GaudiLab / Shutterstock
Liebe ist die Antwort auf alle Fragen? Nicht ganz. Sie stellt auch ziemlich viele. Psychologe und Paartherapeut Oskar Holzberg beantwortet sie alle.

Wie viel "Ex" müssen wir in einer Beziehung akzeptieren?

Kurz gesagt:

Alles und dann auch wieder gar nichts.

Jetzt mal ausführlich:

Antje schreckt hoch, denn Klaus redet und stöhnt im Schlaf. "Nürnberg", versteht sie. Sie schüttelt ihn sanft, er dreht sich um und schläft ruhig weiter. Aber Antje nicht. Denn in Nürnberg wohnt die Familie von Klaus’ Ex. Und Antje weiß, dass Klaus wahnsinnige Angst hat, den Kontakt zu seinen beiden Kindern zu verlieren, wenn seine Ex- Frau ihre ständige Drohung wahr macht und wirklich zurück nach Nürnberg zieht. Antje starrt an die Decke und fühlt Wut in sich aufsteigen. Sie liebt Klaus. Sie ist die Frau an seiner Seite. Aber die Ex regiert immer wieder in ihre Beziehung hinein.

Sie sind der Fluch unserer seriellen Monogamie, die Ex-Partner und Partnerinnen, die Spuren hinterlassen, äußere wie innere. Die äußeren Spuren sind im Grunde einfach zu entfernen. Das Bild, das seine Ex gekauft hat, soll von der Wohnzimmerwand verschwinden, finden wir. Doch unser Partner weigert sich. Das Bild ist Teil seiner Geschichte, seiner Identität. In uns aber weckt es eher die Angst, dass er sich doch noch nicht ganz von seiner vorherigen Beziehung gelöst hat. Dass nicht nur der Platz an der Wand, sondern auch der an seiner Seite noch nicht wirklich für uns frei ist.

Trennungen sind schwer. Aber trennen ist ein aktiver Prozess. Und wir kön­nen fordern, dass unser Partner sich diesem Prozess aktiv stellt. Deshalb sollten wir nicht das Klingelschild hinnehmen, auf dem fünf Jahre nach ihrem Auszug noch ihr Name mit draufsteht, und schon gar nicht das Ehebett, in dem unsere Vorgängerin Sex mit ihm hatte. Und auch nicht den aus finanziellen Gründen noch immer geteilten Kombi.

Schwierig wird es, wenn unser neuer Partner sich schuldig fühlt, weil er eine Frau verlassen hat, die ihn nun für ihr Unglück verantwortlich macht. Oder er gar von ihren Suiziddrohungen bestimmt wird. Vermutlich trug er dann schon während ihrer Beziehung Verantwortung für ihr Seelenheil. Dann braucht er unsere Unterstützung, um sich zu lösen. Aber wir sollten dabei erleben, dass er sich ernsthaft mit dieser Abhängigkeit auseinandersetzt.

Am schwierigsten ist es, wenn gemeinsame Kinder mit im Spiel sind. Wir müssen akzeptieren, dass die Ex mitten in der Nacht Hilfe von ihm fordert, weil die Kleine Fieber hat, oder finanzielle Ansprüche stellt. Dabei ist die Grenze zwischen reiner Liebe zu den Kindern und Erpressungsversuchen verletzter Ex-Partner, die ihre Wut ausleben, für uns als neue Partnerin schwer zu ziehen. Entscheidend ist vielmehr, ob er seine akuten und vermiedenen Konflikte mit der Ex von uns fernzuhalten versucht. Oder ob er uns an seinen Ängsten und Gefühlen teilhaben lässt.

Denn die inneren Spuren zu löschen, die eine Vorbeziehung hinterlässt, braucht Zeit – aber vor allem braucht es Offenheit auf beiden Seiten. Nur wenn wir den Schmerz offenlegen und die Wut darüber, sich ausgeliefert zu fühlen, nur wenn wir das Misstrauen teilen, das die früheren Beziehungen in uns auslösen, können wir uns gegenseitig unterstützen und einander unserer Verbundenheit versichern. Wir müssen nicht die Ex-Partnerin in unserer Beziehung akzeptieren. Aber wohl die innere Auseinandersetzung, die unser Partner mit ihr führen muss.

Oskar Holzberg ist Paartherapeut und schreibt in jeder BRIGITTE die Kolumne „Fragen der Liebe“. Keine Frage also, dass er der perfekte Autor für dieses Stück ist.

Porträt Oskar Holzberg
Oskar Holzberg, 66, berät seit mehr als 20 Jahren in seiner Hamburger Praxis Paare und bekommt immer wieder Beziehungsfragen gestellt. Sein aktuelles Buch heißt: "Neue Schlüsselsätze der Liebe" (242 S., 20 Euro, Dumont).
© Ilona Habben

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BRIGITTE 17/2020

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