Bin ich wirklich talentfrei?

"Ich kann gar nichts gut", dachte BRIGITTE-Redakteurin Sonja Niemann oft in ihrer Schulzeit. Heute weiß sie, dass sie trotzdem nicht talentfrei ist.

Der Gedanke kam mir das erste Mal in der achten Klasse. In unserem Kleinstadtgymnasium wurde damals sehr viel Wert auf Musik gelegt, die Musikschule war direkt angeschlossen, und als Schüler wurden wir, wenn wir es nicht schon konnten, sehr bestimmt, aber unerbittlich genötigt, freiwillig ein Instrument zu lernen. Und zwar ein „richtiges“, Blockflöte zählte nicht. Daher lernte ich also Querflöte, was im Wesentlichen damit zu tun hatte, dass meine Sitznachbarin und Freundin Silke auch Querflöte spielte. Und nun stand ich also vor der Klasse und musste etwas auf dieser Querflöte vorspielen, das wurde benotet. Es gab in meiner Klasse mehrere Leute, die ihre Instrumente so gut beherrschten, dass selbst hartgesottene 13-Jährige ergriffen lauschten. Ich gehörte nicht dazu.

Ich war aufgeregt, ich hatte wie immer zu wenig geübt, die Töne aus der Querflöte klangen so gar nicht nach Jethro Tull, und aus den Augenwinkeln heraus sah ich einen meiner Mitschüler mit seinem Nachbarn tuscheln und lachen. Der Rest guckte gelangweilt.

Was heißt schon Talent?

Ich stand da, schämte mich wegen meines Vortrags und dachte: Musik ist es irgendwie nicht. Sport ist es auch nicht, insbesondere nicht, wenn ein Ball oder ein Schwebebalken involviert sind. Mathe ist es nicht und Französisch schon mal gar nicht. Zeichnen ist es nicht, und Handarbeiten ist am aller-aller-allerschlimmsten. Kurzum: Eigentlich kann ich gar nichts. Ich bin Mittelmaß, in allem, daher werde ich auch ein völlig mittelmäßiges Leben führen. Das war mit 13 eine sehr deprimierende Vorstellung.

Talent, was heißt das schon? Eine Zeitlang hieß es, Talent werde teilweise vererbt beziehungsweise hinge von frühkindlichen Einflüssen ab. Dann wurde die Gegenthese sehr populär: Talent gebe es streng genommen gar nicht, jedes Können sei nur und ausschließlich das Ergebnis von sehr, sehr viel Übung. Bloß: Auf diese vielen Übungsstunden muss man auch erst mal Bock haben. Und wer hat Bock, sich intensiv einer Sache zu widmen? Jemand, dem sie wirklich Spaß und der Fortschritte macht. Der merkt, dass das jetzt sein Ding ist. Letztendlich läuft es doch darauf hinaus: jemand, der Talent dafür hat.

Ich habe im Laufe meines Lebens auch nach der Querflötenzeit so einiges ausprobiert: Theatergruppen, Chorsingen, Taekwondo, philippinischen Stockkampf, Tangotanzen, Segeln, Surfen, Katamaranfahren, Rudern, Marathonlaufen, Ukulele-Spielen, Kajakfahren, mehrere Sprachen (außer Französisch), Yoga, um nur einiges zu nennen. Einiges davon habe ich sehr schnell wieder aufgegeben, anderes hat mir durchaus Spaß gemacht, einiges mache ich heute noch. Aber nie war etwas Leidenschaft genug, um mehr reinzustecken. Jedenfalls nicht genug, um richtig gut darin zu werden.

Doch das Praktische am Erwachsensein ist ja, dass sich irgendwann die Definition von „Talent“ nicht mehr nur auf den schnellsten 100-Meter-Sprint, den selbstgezeichneten Comic oder „Smoke on the water“ auf der E-Gitarre beschränkt. Man merkt irgendwann, dass auch eher abstraktere Fähigkeiten wie Auffassungsgabe, Einfühlungsvermögen, Strukturiertheit, Organisiertheit, Durchsetzungsvermögen, Ausdauer, Umgang mit Worten oder mit Menschen, Erkennen von Zusammenhängen, Charme, Humor und vieles, vieles mehr Fähigkeiten sind, in denen man im Vergleich zu anderen besser oder schlechter abschneiden kann – aber es wird hundertprozentig irgendetwas dabei sein, worin man dann doch ziemlich gut ist.

Es ist sehr sinnvoll zu wissen, welche dieser Dinge das sind. Denn es macht deutlich zufriedener, seine Stärken zu nutzen, anstatt seine Schwächen zu bekämpfen. Und auch ich habe irgendwann, weit nach der Schulzeit, herausgefunden, welches meine Talente dieser Art sind, diese schönen und nützlichen Talente aus der zweiten Reihe.

Aber ich werde wohl auch in Zukunft nicht die Person sein, die zur Überraschung aller beim Karaoke-Abend eine Bonnie-Tyler-würdige Interpretation von „Total eclipse of the heart“ abliefert oder sich in der Kneipe spontan ans Klavier setzt, und alle klatschen mit. Ich kann als zweites Standbein keinen Onlineshop bei Dawanda mit total süßen Strickmützchen eröffnen oder mein Patenkind mit Skateboard-Tricks beeindrucken. Vermutlich werde ich auch nie bei der Weihnachtsfeier eine lustige Stand-up-Parodie des Vorstands darbieten.

Tja, schon schade. Aber ich höre nicht auf, weiter Neues auszuprobieren. Hartnäckigkeit ist ja auch eine Art Talent.

Text: Sonja Niemann

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