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Fear of Happiness Warum ich manchmal Angst davor habe, zu glücklich zu sein

Fear of Happiness: Frau schaut aufs Meer
© Miguel F Sampedro / Shutterstock
Fear of Happiness heißt das neueste psychische Paradoxon, das durch die Welt fliegt. Nur dass unsere Redakteurin die Angst vor dem Glück gar nicht so unlogisch findet.

Wenn die Menschheit eins vereint, könnte es das Streben nach Glück sein. Ganze Bücher, Serien und Filme wurden bereits mit der Reise zu einem besseren, zufriedeneren und vor allem fröhlicheren Selbst gefüllt. Die einen suchen in der Liebe nach ihm. Andere in der Karriere. Und wieder andere vielleicht in der Familie. Finden tut es vermutlich jeder woanders. Doch dann gibt es noch die Menschen, die zwar suchen, vielleicht auch finden – sich aber vor ihm fürchten, dem Glück.

Hallo, das bin ich. Ersparen wir uns die Fragerei, wer und wieso denn Bitteschön Angst vor Glück haben sollte und sprechen gleich Klartext: Ja, das geht. Und nein, das ist eigentlich gar nicht so absurd, wie es klingt.

Ängste müssen nicht rational sein, um real zu sein

Ängste sind von Natur aus selten rational. Während sie uns früher vor akuter Gefahr (wie einem Säbelzahntiger) schützen sollten, sind sie heutzutage viel zu sensibel geworden – und lassen sich von winzigen Alltagsdingen kitzeln, die im Grunde genommen so bedrohlich wie eine Spitzmaus sind. Aber wie wir wissen, fürchten sich eben auch vor Mäusen Menschen (Zemmiphobie!), was uns wiederum zeigt: Eine Angst muss nicht rational sein, um real zu sein.

Ganz so unlogisch empfinde ich meine neudeutsche, beziehungsweise denglische "Fear of Happiness“ aber nicht. Der Kern lässt sich ganz einfach erklären: Wenn etwas gut läuft, habe ich Angst, dass es aufhört, gut zu laufen. Oder dass ich von all der Euphorie zu abgelenkt bin, um den Säbelzahntiger zu bemerken, der sich garantiert schon hinter meinem Rücken anschleicht. Deswegen verbiete ich mir das Glück nicht – aber ich merke, dass ich es mir nie ganz zugestehe, nie ganz die Kontrolle abgebe, mich ihm nie ganz hingebe.

Die Fear of Happiness schlägt zu, wenn es zu gut läuft

Du möchtest ein Beispiel? Ich bekomme meinen Traumjob, habe eine Wohnungszusage und der schnieke Barista von nebenan flirtet doch tatsächlich mit mir. Dann freue ich mich, laufe beschwingt durch die Straßen, wie es vermutlich jeder tun würde – lasse mein Handy in dieser Nacht aber lieber laut, falls etwas passiert. Was soll schon geschehen?, höre ich die meisten jetzt fragen – na, alles!, antworte ich entsetzt und stelle mir instinktiv Krankenhausaufenthalte, Unfälle und Hausbrände vor.

Klar, solche Dinge lassen sich weder planen, noch durch Sorge vermeiden. Nur fällt es sich von weit oben eben viel tiefer. Deswegen freunde ich mich oftmals lieber mit Wolke 1 statt Wolke 7 an – und halte einen Fuß stets über den Abgrund hängend zum Absprung bereit. Ich glaube, ich habe schlichtweg Angst, kalt erwischt zu werden. Loszulassen, um dann umso stärker vom Schicksal getroffen zu werden. Ich möchte auf Dinge vorbereitet sein, auf die niemand vorbereitet sein kann.

Ist Glück auf der Welt fair verteilt?

Kurz gesagt: Wenn mein Leben so gut wie in einem Disney-Film läuft, werde ich misstrauisch. Schließlich stehen selbst darin stets ein böser Löwenonkel, eine Tiefseehexe oder eine hypnotische Schlange bereit.

Es wäre trotzdem zu einfach, den Grund für meine Angst vor dem Glück in Kinderfilmen zu suchen. Vermutlich ist sie ein Mix aus einer Prise Aberglauben und zu glücklicher Kindheit. Drei Mal auf Holz klopfen? Check. Mache ich und tausche Materialien für das beruhigende Gefühl auch beliebig aus. Den Tag nicht vor dem Abend loben? Check. Sich nicht zu früh freuen? Check. Wenn ich mir diese Sprichworte so durchlese, bin ich mir sicher, sie ein wenig zu sehr verinnerlicht zu haben. Gleichzeitig weiß ich mittlerweile jedoch, wie es sich anfühlt, wenn man sich nicht bereit für einen Schicksalsschlag fühlt. Aber vielleicht tut man das nie.

Denn tatsächlich habe ich keinerlei Grund, Angst zu haben. Im Gegenteil: Ich hatte eine Kindheit, die glücklicher kaum hätte sein können. Ich bin so behütet aufgewachsen, wie ich es jedem Menschen wünschen würde. Und doch liegt vielleicht hier der Knackpunkt: Irgendeine Stimme in mir drin sagt mir, dass ich einen Vorsprung im Leben hatte – und der mir bestimmt eines Tages heimgezahlt wird. Alles andere wäre schließlich unfair, oder?

Nur ist das Leben leider selten fair. Und sich aufgrund des Weltschmerzes selbst kein Glück zuzugestehen (oder zuzutrauen) auch keine Lösung.

Tiefen tun weh, unabhängig wie happy die Höhen waren

Was gegen Fear of Happiness meiner Erfahrung nach hilft, ist sich selbst vor die Wahl zu stellen. Möchte ich wirklich ein Leben in Angst führen, nur um im Fall des Schicksalsschlags triumphierend "wusst ichs doch!“ sagen zu können? Oder mir von Zeit zu Zeit doch eine Prise Glück genehmigen, riskieren, tief zu fallen – und dann zumindest glücklich auf eine Zeit der Unbeschwertheit zurückschauen zu können? Ich entscheide mich heute für Zweiteres. Und du?

Falls du auch noch zweifelst: Zuletzt war es übrigens meine Mutter, die mich aus der Fear of Happiness-Spirale befreite. Sie sagte mir nicht, dass alles gut werden würde. Sie sagte mir, dass es natürlich schwierig werden könnte – und sogar würde. Alles andere würde sie überraschen. Schließlich bestünde das Leben aus Höhen und Tiefen.

"Du kannst dich nicht auf alles vorbereiten“,„Da geht man dann eben durch“ und "So ist das Leben, Kind“, sind Plattitüden, aus dem Mund einer Mutter aber viel wert. Doch es war nicht das, was sie sagte, was mich beeindruckte, sondern wie sie von möglichen Tälern sprach. Sie legte eine Nüchternheit, Stärke und Selbstverständlichkeit an den Tag, die nicht aus Angst, sondern aus Glück entsteht. Und die augenblicklich jeden Säbelzahntiger in meinem Kopf in eine Spitzmaus verwandelte.


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