VG-Wort Pixel

Flugzeugabsturz überlebt - eine Überlebende erzählt

Flugzeugabsturz überlebt: Person vor abgestürztem Flugzeug
© Skylight Productions / Shutterstock
Die Katastrophe: Juliane Koepcke überlebte mit 17 Jahren als einzige einen Flugzeugabsturz und kämpfte sich tagelang allein durch den Dschungel.
Was sie stark machte: Durchhaltewillen, sich ein Ziel setzen, Unterstützung durch andere.
<br/>

Irgendwann hatte ich mir angewöhnt, nicht mehr von "Absturz" zu sprechen, sondern von Unfall. Der Ausdruck relativierte das Geschehen, und es war ja auch ein Unfall, dass das Flugzeug durch einen Blitzeinschlag auseinanderbrach. Wenn ein Arzt nach den Ursachen meiner Knieprobleme fragte, sagte ich, dass ich gestürzt war – stimmt ja auch. Aus 3000 Meter Höhe. Mit den Worten "Unfall" oder "Sturz" war das Thema durch. Ich war die Fragerei gründlich leid.

Ich fühlte mich innerlich versteinert

Weil mein Überleben eine Sensation war, wurde ich damals von Presse- und Privatleuten regelrecht verfolgt. Jeder wollte hören, wie ich es geschafft hatte, mich elf Tage allein durch den Urwald zu bewegen, bis ich endlich auf Waldarbeiter traf und gerettet war. Mein Durchhaltewillen war tatsächlich extrem gewesen, und ich glaube, das lag an drei Faktoren: Am Beispiel meiner Eltern, niemals aufzugeben. Am Festhalten an meiner Hoffnung, dass ich jemanden finden werde. Am großen Ziel, das ich mir nach einigen Tagen steckte: Ich wollte durchhalten, damit mein Überleben einen Sinn ergeben und ich in der Zukunft etwas Nützliches leisten würde.

Bis ich den Absturz und die Zeit danach verarbeiten konnte, brauchte ich rund 40 Jahre. Zugute kam mir, dass ich von Kind an sehr anpassungsfähig bin. Ich kann sehr gut Situationen akzeptieren, wie sie sind, und versuche, das Beste daraus zu machen. Deshalb kam ich auch damit zurecht, dass ich auf Wunsch meines Vaters meine peruanische Heimat verlassen musste und zu seiner Mutter und Schwester nach Deutschland zog. Meine Tante Cordula wurde eine wichtige Bezugsperson für mich. Ihr vertraute ich eines Tages an, dass mit mir wahrscheinlich irgendetwas nicht stimmt.

Ich kam mir gefühlskalt vor, weil ich nicht weinen konnte, obwohl ich meine Mutter, die bei dem Absturz wie alle anderen Insassen ums Leben gekommen war, extrem vermisste. Ich fühlte mich innerlich versteinert. Erst später wurde mir klar, dass das eine Schutzfunktion des Schocks war, damit ich die ersten Jahre bewältigen konnte. Psychologische Betreuung war in den 1970er-Jahren kein Thema, man musste allein klarkommen. Trauern konnte ich erst nach drei Jahren. Es gab Phasen, da habe ich nur geweint, und meine Tante konnte das verstehen.

Konfrontation als Therapie

Später wurde mein Mann meine absolute Stütze. Ich bin ihm sehr dankbar. Wir haben es so eingerichtet, dass ich selten mal eine Nacht allein war. Ich litt immer wieder unter Albträumen, denn in mir war das Geschehen sehr präsent. Gerüche, Farben, Geräusche. Dabei dachte ich, meine Erinnerungen würden mit der Zeit verblassen, wenn ich mich damit nicht beschäftige.

Stattdessen half erst das Konfrontieren, zuerst angestoßen durch einen Dokumentarfilm 1998. Für den musste ich zurück an den Ort des Schreckens im Urwald. Als ich vor den Wrackteilen stand, wurde mir klar: Das ist real. Diese Konfrontation, dazu die einfühlsamen Fragen des Regisseurs Werner Herzog und seine Fähigkeit, wirklich zuzuhören, waren für mich die beste Therapie. Das hat mir unglaublich geholfen. Dafür bin ich ihm sehr dankbar. Ich kam mehr zur Ruhe, mein innerer Pol festigte sich.

Nach dem Dokumentarfilm hatte ich auch die innere Stärke für ein anderes großes Projekt: ein Buch über den Absturz. Für die Recherchen las ich alte Zeitungsausschnitte und Briefe aus dem Nachlass meiner Eltern. Das war die Konfrontation, die zur Lösung, zum Loslassen führte. Auf einmal wurde mir klar, dass der Absturz – ja, so kann ich es heute sagen – zu meinem Leben gehört. Seitdem habe ich keine Albträume mehr und ruhe in mir. Manchmal rede ich öffentlich über das Thema. Ab und zu spreche ich es auch freiwillig in meinem Freundeskreis an. Aber grundsätzlich finde ich, es gibt wichtigere Themen.

Zum Beispiel die Bewahrung des Urwalds in Peru: Seit zwei Jahren steht dort ein großes Areal um die Forschungsstation Panguana unter Schutz. Nach viel bürokratischem Aufwand habe ich damit endlich das Ziel erfüllt, das ich mir damals nach dem Absturz gesteckt hatte: etwas Nützliches für die Natur und die Menschen tun.

Juliane Koepcke, 65, ist stellvertretende Direktorin der Zoologischen Staatssammlung in München, wo sie zusammen mit ihrem Mann lebt. Ihre Erlebnisse hat sie in dem Buch "Als ich vom Himmel fiel" (Piper Verlag) verarbeitet.

Hast du Lust, mehr zum Thema zu lesen und dich mit anderen Frauen darüber auszutauschen? Dann schau im "Persönlichkeits-Forum" der BRIGITTE-Community vorbei!

Holt euch die BRIGITTE als Abo - mit vielen Vorteilen. Hier könnt ihr sie direkt bestellen.

BRIGITTE 12/2020

Mehr zum Thema