Frauen ab 50: Was passiert mit unserem Leben?

Manche sagen, mit 50 ist das Leben halb vorbei. Man könnte es aber auch so sehen: Wir sind endlich alt genug, um die Spreu vom Weizen zu trennen. Eine Halbzeitbilanz von Ildikó von Kürthy. 

Ich möchte die Geschichte einer Geschichte erzählen. Wie ich sie erfunden habe. Und wie sie mich gefunden hat. Wie sie sich selbstständig machte, streckenweise hervorragend ohne mich zurechtkam, wie sie Wendungen nahm, die mich überraschten, und wie sie dem wahren Leben an einigen Stellen so nah kam, dass ich sie kaum ausgehalten habe. Meine Geschichte heißt "Es wird Zeit". Sie hat sich ihren Namen beim Schreiben selbst gegeben. Wahrscheinlich, weil Zeit eine immer größere Rolle spielt, je weniger davon bleibt. Sie wird zu einer Kostbarkeit, so wie ein guter Wein, den man nur mit Menschen teilt, die ihn wirklich zu schätzen wissen und nicht hastig runterschütten, bloß um möglichst schnell in Stimmung zu kommen. Zeit ist die Maßeinheit der Endlichkeit, und wer sie uns raubt, macht sich schuldig.

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Keine Zeit mehr verplempern

Ich sehe immer weniger ein, warum ich auf Leute warten soll, die sich auf meine Zeitkosten noch mal umziehen, schon mal vorglühen oder noch einen Anruf erledigen, zu dem sie tagsüber nicht gekommen sind. Das empfinde ich als respektlos meiner Lebenszeit gegenüber, die sich nicht rasant, aber doch zunehmend dem Ende zuneigt.

Ich bin einundfünfzig, und mehr als die Hälfte meines Lebens liegt hinter mir – da mag ich nicht mehr stoisch dreißig Minuten verplempern, bloß weil andere glauben, es käme ja nicht drauf an. Doch, es kommt drauf an! Mir zumindest. Und ich will nichts von meiner Zeit hergeben müssen, bloß weil ihr euer Leben nicht im Griff habt!

Pünktlichkeit ist schon lange nichts mehr, wofür ich mich schäme. Und die Zeiten, in der ich auf Partys ganz bewusst zwei Stunden zu spät aufkreuzte und mich bis dahin krampfhaft bemühen musste, zu Hause nicht einzuschlafen, sind zum Glück lange vorbei. Ich darf pünktlich sein und Pünktlichkeit erwarten, ohne mir spießig vorzukommen, und es ist auch keine Schande, bei Abendeinladungen zuzugeben, dass man ganz gerne bereits deutlich vor Mitternacht im Bett liegen würde. Vorzugsweise im eigenen.

Abschied von Jugendlichkeit und Lebenszeit

Ich begegne meinem Alterungsprozess mit Neugier und, darum bemühe ich mich redlich, mit Wohlwollen und freundlicher Anteilnahme. Ich versuche den Abschied von Jugendlichkeit und Lebenszeit nicht als Verlust zu empfinden, sondern als notwendige Häutung, als Voraussetzung für ein gelingendes Alter.

Neulich fühlte ich mich im Freibad befreit, als mir bewusst wurde, dass ich von meinem Körper nicht mehr erwarte, dass er gut aussieht. Ich schritt heiter und ohne mir wie sonst ein riesiges Badetuch überzuwerfen, an wohlgeformten, jungen Menschen vorbei und dachte: "Werdet ihr erst mal so alt wie ich. Lebt ein halbes Jahrhundert. Begrabt eure Eltern und manche Hoffnungen, verwirklicht Träume, lernt, liebt, verliert, erzieht Söhne und Hunde, werdet erwachsen und bleibt Kinder, kriegt Rückenbeschwerden, aber bleibt beweglich, bekommt eine Heidenangst vor dem Tod und lacht trotzdem so laut, dass die Wände wackeln. Werdet erst mal so alt wie ich. Dann ist es euch hoffentlich auch egal, wenn euer Hintern hängt und ihr das Kleingedruckte nicht mehr lesen könnt. Denn darauf kommt es dann zum Glück nicht mehr an."

Worauf kommt es an?

Das loszulassen, was man ohnehin nicht festhalten kann. Die Kinder, die Jugend, die Fruchtbarkeit, das Gefühl, unsterblich zu sein. Abschied nehmen von langjährigen Wegbegleitern, die andere Wege einschlagen, Abschied von Eltern, die sterben, von Gewissheiten, die nicht mehr gewiss sind, von Beziehungen, die nicht alt werden können. Manchmal rühren mich die Zeitzeichen in meinem Gesicht und an meinem Körper. Manchmal erschrecken sie mich. Es ist keineswegs immer einfach, aber wer sich dem Lauf der Zeit widersetzt, vergeudet Energie und wird ohne Umwege zu einer schmallippigen Frau, die sich über die "Jugend von heute" empört und in ihrer Freizeit Falschparker fotografiert.

Es ist nicht ganz einfach, das gebe ich zu, eine gelassene und im besten Fall gar würdevolle Haltung dem Leben gegenüber zu finden, wenn es allmählich in die Jahre kommt.

Verlust und Vergänglichkeit

Unter meinen Freundinnen findet sich keine, die nicht unmittelbar von Verlust und Vergänglichkeit betroffen ist: das Alter, der Tod, Alzheimer, Pflegenotstand. Früher ging es an meinem Küchentisch um den abwesenden Ehemann, das heimliche Verlangen nach dem Nachbarn, den faulen Deutschlehrer, die inkompetente Chefin, brüchige Nägel, unerträgliche Teenager und marode Beziehungen. Heute sitzt immer mindestens eine am Tisch, die gerade ein Elternteil verloren hat, einen Heimplatz für ihren dementen Vater oder für die pflegebedürftige Mutter sucht, eine ernste Krankheit im engeren Freundeskreis zu beklagen hat oder selbst schwer erkrankt ist.

Mit dreißig hatten wir noch endlos Zeit und kein angemessenes Kleid für eine Beerdigung. Wir kreisten um uns selbst und waren auf der Suche nach dem Glück und dem Richtigen. Nach dem richtigen Beruf, der uns ein Leben lang glücklich machen sollte, dem richtigen Mann, mit dem im besten Fall dasselbe gelänge, und nach dem richtigen Zeitpunkt für Kinder, Karriere, Auszeit und Eigentum.

Man kann nicht rund um die Uhr erwachsen sein

Früher haben wir auf Anrufe gewartet. Heute warten wir auf Untersuchungsergebnisse. Unsere Sorgen lassen sich nicht mehr bei Prosecco und Knabberzeug weggiggeln. Unsere Geschichten stehen jetzt in Romanen, die im Feuilleton der "Zeit" besprochen werden oder in Sachbüchern mit neckischen Titeln zu den Themen Darm und Verdauung, Bewegung und Achtsamkeit, Blutgruppen, selbst gemachte Smoothies, Superfood und wie man für immer jung bleibt, obwohl man älter wird.

Ich habe immer Geschichten über die Menschen geschrieben, von denen ich umgeben bin, die dem Leben und sich selbst mit Humor, wohlmeinender Kritik und Freundlichkeit begegnen. Jetzt sind das erwachsene, lustige und sehr kluge Frauen, die Bilanz ziehen, die von Menschen und Vorstellungen Abschied nehmen müssen, die um Antworten ringen und sich auf die Suche nach einer neuen Idee für ihr Leben machen. Keine von uns ist mehr bereit, Zeit zu verschwenden. Was ganz und gar nicht bedeutet, dass wir nicht doch ab und zu wieder auf einen Anruf warten, den Bauch einziehen oder unseren Friseur umbringen möchten. Zum Glück. Man kann ja nicht rund um die Uhr erwachsen sein.

Willkommen Alternative Heilmethoden und Pilates

Schleichend macht sich das herannahende Alter bemerkbar. Alternative Heilmethoden und Pilates beginnen in deinem Leben eine Rolle zu spielen. Statt den Super-Sweat-Kurs, bei dem bauchfreie Twens zu 180 BPM ihre straffen Körper auspowern, besuchst du immer häufiger die "Funktionelle Gymnastik", wiegst deinen schrumpeligen Beckenboden auf gigantischen Gummibällen hin und her und bearbeitest mit Faszien-Rollen das, was früher mal dein Bindegewebe war.

Bei der letzten Fußball-Weltmeisterschaft wurde mir schmerzlich bewusst, dass ich für die meisten Spieler mittlerweile mütterliche Gefühle hege und mich, wenn sich einer bei nasskalten zwölf Grad nach dem Spiel das Trikot vom Leib reißt, ernsthaft sorge, er könne sich womöglich erkälten. Wie leidenschaftlich habe ich dagegen Hansi Müller geliebt. Als es noch Jugoslawien gab, war ich 1986 dem kernigen Torwart verfallen. Pierre Littbarski hat mir immer sehr viel bedeutet. Für Toni Schumacher, Paul Breitner und Rudi Völler konnte ich mich hingegen nie erwärmen, da ich seit jeher Männern mit Locken nichts abgewinnen kann. André Schürrle, Philipp Lahm, Jürgen Klinsmann und Thomas Müller waren mir zu langweilig, für Ronaldo war ich zu alt, und die letzten Spieler, die bei mir begehrliche Gefühle auslösten, waren Jens Lehmann und Zinédine Zidane.

Sexuelle und emotionale Orientierungslosigkeit

Ganz nebenbei zeigte sich an diesen beiden Objekten der Begierde eindrucksvoll meine damalige sexuelle und emotionale Orientierungslosigkeit. Der eine ein kultivierter, besonnener Typ für gemütliche Fernsehabende, mit dem man auf der Stelle einige wohlgeratene Kinder zeugen und in eine sonnendurchflutete Villa am Starnberger See ziehen möchte. Der andere ein zügelloser Kerl mit Rückenbehaarung, der Kopfnüsse verteilt, Herzen bricht, nach dem Sex nicht kuschelt, sondern ein Bier aufmacht und insgesamt so aussieht wie der unwiderstehliche Wilde aus den Serien, die man mit dem Herrn Lehmann gerne anschauen würde.

Die meisten von uns werden Frau Lehmanns. Manchmal sogar ohne Villa. Und dagegen ist auch gar nichts zu sagen, weil dieser Typ Mann für unsere mitteleuropäischen, gemäßigten Gemüter ausgesprochen gut geeignet ist. Wir wollen uns sicher fühlen und Beziehungen führen, die bekömmlich sind und unsere Herzkranzgefäße nicht unnötig belasten. Wer hält das schon auf lange Sicht aus mit diesen unberechenbaren Wilden? Schlaflose Nächte, Herzrasen, Halluzinationen und Glückshochdruck. Lehmann ist das Feierabend-Bier. Zidane der Magic Mushroom.

Kalzium statt Gin Tonic

Mein reifer Körper und mein reifender Geist sagen mir, dass die Zeit der magischen Pilze, der zahllosen Pils, der leichten Bekleidung und der tiefen Blicke vorbei ist. Ich verbringe deutlich mehr Zeit bei der Akupunktur als in angesagten Bars, statt Gin Tonic nehme ich abends eine labende Mischung aus Kalzium, Magnesium und Bor zu mir, und mein Nachtleben endet in der Regel gegen elf, wenn ich kurz nach Claus Kleber ins Bett gehe.

Ich bemerke das ohne die geringste Spur von Bedauern. Ganz im Gegenteil. Nicht jeder Rausch ist seinen Kater wert. Ich mag mir Partys und Menschen nicht mehr interessant saufen, und ich will auch nicht mehr so tun, als könne ich mich für abstrakte Kunst, die Bücher von japanischen Literaturnobelpreisträgern und Abenteuer begeistern, die klapprige Betten, mannsgroßes Ungeziefer und Wasser beinhalten, das man abkochen muss, bevor man sich damit die Zähne putzt.

Mir ist kaum noch etwas peinlich

Ich weiß, was ich will und was nicht, ich weiß, was ich kann und was nicht. Ich weiß, wer ich bin, und wer ich nicht bin. Ich mache mich nicht mehr kleiner, als ich mich fühle, und ich übernehme Verantwortung. Mir ist kaum noch etwas peinlich. Wenn ich einen Fehler mache, gebe ich ihn zu, und ich entschuldige mich nur noch, wenn ich es auch wirklich so meine. Ich bin am liebsten zu Hause und umgeben von denen, die ich liebe: Mann, Söhne, Freunde und Freundinnen. Ich brauche ganz genau siebeneinhalb Stunden Schlaf, und meine Abenteuer erlebe ich in den Weiten meines Kopfes oder den Tiefen meines Herzens. Innerlich bin ich weit gereist. Äußerlich habe ich Flugangst.

Ich finde, in der ersten Lebenshälfte darf und muss man alles ausprobieren. Schlechte Filme bis zum Schluss ansehen, lahme Bücher bis zur letzten Seite lesen und bornierten Langweilern stundenlang zuhören, weil man denkt, wenn man jemanden nicht versteht, sei das ein Zeichen für dessen überragende Klugheit und für die eigene Beschränktheit.

Im ersten Teil des Lebens darf man Angst haben, etwas zu verpassen, wenn man vor Mitternacht nach Hause geht oder in den Ferien nicht verreist. Man darf Klamotten kaufen, die zu eng sind, und sich in Typen verknallen, die hinter einer schweigsamen, schroffen Fassade lediglich einen beeindruckenden Hohlraum verbergen. Es geht darum zu lernen, worauf es wirklich ankommt.

In der zweiten Halbzeit sollte man es allerdings wissen. Man sollte sich Umwege sparen, Ballast abwerfen, das Leben, den Körper und die Schränke ausmisten. Bücher wegschmeißen, die auf Seite zwanzig immer noch nichts in dir entzündet haben, lieber schlafen gehen, als einen miesen Film bis zum bitteren Ende anschauen, Urlaube abbrechen, wenn das Heimweh zu groß ist oder das Zimmer Blick auf die Müllcontainer im Hinterhof hat.

Wir haben zwei Leben

"Meine Seele hat es eilig." Diesen Satz schreibt der Theologe Ricardo Gondim. "Ich habe meine Jahre gezählt und festgestellt, dass ich weniger Zeit habe, zu leben, als ich bisher gelebt habe. Ich fühle mich wie dieses Kind, das eine Schachtel Bonbons gewonnen hat: die ersten isst es mit Vergnügen, aber als es merkt, dass nur noch wenige übrig waren, begann es, sie wirklich zu genießen. (...) Ja, ich habe es eilig, ich habe es eilig, mit der Intensität zu leben, die nur die Reife geben kann. Ich versuche, keine der Süßigkeiten, die mir noch bleiben, zu verschwenden. Ich bin mir sicher, dass sie köstlicher sein werden als die, die ich bereits gegessen habe. Mein Ziel ist es, das Ende zufrieden zu erreichen, in Frieden mit mir, meinen Lieben und meinem Gewissen. Wir haben zwei Leben, und das zweite beginnt, wenn du erkennst, dass du nur eins hast."

Ich habe es nicht eilig. Eile und Zufriedenheit schließen sich meiner Meinung nach aus. Aber ich will mich in Ruhe auf das konzentrieren, was mir jetzt wichtig ist. Mein neuer Roman heißt "Es wird Zeit", weil es Zeit wird. Wenn man Weichen neu stellen möchte, dann jetzt.

Das Leben, das uns bisher automatisch mit wunderbaren Premieren und aufregenden Neuigkeiten – der erste Kuss, der erste Job, das erste Kind – versorgt hat, stellt allmählich die Lieferung ein. Wenn wir nicht aufpassen und die Sache jetzt nicht selbst in die Hand nehmen, dann nimmt uns das Leben von nun an mehr, als es uns schenkt. Denn man wird, bloß weil man länger lebt, dabei nicht automatisch weiser, gelassener, reifer und milder. Das gute Alter muss man sich erarbeiten und verdienen, es fällt einem nicht in den Schoß. Es geht darum, genau jene Haltung zu finden, die es einem ermöglicht, auch mit Arthrose, Ischias oder Hallux valgus, mit hängenden Hamsterbäckchen und steifen Knochen innerlich aufrecht und aufgeräumt in Richtung Ziellinie zu schreiten.

Diagnose Pankreaskarzinom

Meine beste Freundin hätte allen Grund, ihr Schicksal zu verklagen, weil es ihr ihre Gesundheit und die Aussicht auf einen späten Tod geraubt hat. Ihre statistische Lebenserwartung ist mit der Diagnose "Pankreaskarzinom" zusammengeschrumpft wie eine zu heiß gewaschene Wollsocke. Was meiner Freundin bleibt ist eine lächerliche fünfprozentige Überlebenschance. Seit zwei Jahren schreibt sie ihre ganz eigene Statistik und hört einfach nicht auf, zu hoffen und fest an ein Wunder zu glauben. Sie ist wirklich die tapferste und lebensklügste Frau, die ich kenne. Und sollte sie, was Gott geben möge, doch noch alt werden dürfen, dann wird sie genau jene freundliche und dankbare Super-Seniorin sein, die ich auch werden möchte.

Bevor ich älter wurde, befürchtete ich, ab einem gewissen Zeitpunkt, ungefähr mit fünfzig, begänne ein Abschied auf Raten. Ab dann ginge es darum, sich resigniert abzufinden mit dem Unabänderlichen, und ich konnte mir nicht vorstellen, wie es gelingen könnte, alt zu werden und glücklich zu sein, wo doch das Ende so unaufhaltsam näher rückt.

Gleichzeitigkeit von Verlust und Gewinn

Jetzt beginne ich zu ahnen, was alles möglich ist. Die Phase ab der Lebensmitte ist geprägt durch die Gleichzeitigkeit von Verlust und Gewinn. Lachen und weinen, leben und sterben, ankommen und aufbrechen, verlieren, suchen, finden. Wie wunderbar es sich fügt, dass das Lebensglück tatsächlich trotz abnehmender Lebenserwartung zunehmen kann. Falsch. Nicht trotz abnehmender Lebenserwartung, sondern genau deswegen. Der Psychologe Arnold Retzer nennt das "Widerfahrniskompetenz". Die Zufriedenheit nimmt zu, obschon man doch objektiv immer weniger Grund hat, zufrieden zu sein.

Tatsächlich belegen Studien, dass sich die Wogen glätten, nachdem die turbulente und oftmals deprimierende Zeit der Neuorientierung und Sinnsuche zwischen 45 und 50 abgeschlossen ist. Die Zufriedenheit steigt stetig, bis mit achtzig das richtig hohe Alter beginnt und das Leben dann sehr individuell und leider oftmals auch sehr beschwerlich zu Ende geht.

Meine Widerfahrniskompetenz wird zunehmend und ganz entscheidend gestärkt durch andere Frauen. Ist es Zufall, dass ich in den letzten Jahren neue und innige Freundschaften fast ausschließlich zu Frauen geknüpft habe? Dass ich die meisten inspirierenden, tröstlichen, ermutigenden Gespräche mit alten und neuen Freundinnen geführt habe? Das mag daran auch liegen, dass sich unsere Leben und unsere Sorgen ähneln und wir viele Gemeinsamkeiten haben. Aber ich glaube, es liegt noch viel mehr an der Offenheit, mit der sich Frauen begegnen – zumindest die, die ich besonders gerne mag. Wir nörgeln und meckern, wir sind unzufrieden und haken nach, wir geben zu, wenn wir überfordert sind oder Angst haben, wir machen keinen Hehl aus unseren Schwächen, wir weinen, wenn uns danach zumute ist, und wir bitten um Beistand und um Hilfe, wenn wir nicht mehr weiterkommen.

Das macht uns stark

Wir machen uns nichts vor, und wir lassen uns nicht allein. Auch dann nicht, wenn es ernst wird. Ich komme nicht gut klar mit Leuten, die keine Probleme haben. Oder so tun, als hätten sie keine. Mein Interesse erlischt sofort, wenn mir einer auf die Frage "Wie geht’s?" antwortet: "Danke, alles bestens." Worüber soll man denn dann noch reden? Deswegen unterhalte ich mich so gern mit Frauen: Sie sind interessant, weil sie nie zufrieden sind.

Manchmal tun sie mir regelrecht leid, die einsamen, älter werdenden Männer. Diese unreformierten, Horst-Seehoferartigen Wesen mit Haarbüscheln in den lappigen Ohren. Typen, die sich immer als Oberhäupter von Staaten, Familien, Ehen oder Gemüsebeeten definieren mussten und müssen und die Sache mit dem Älterwerden durch radikales Verdrängen und rustikales Zähnezusammenbeißen angehen. Sie versuchen, eisern den Schein zu wahren, ihre Altersschwächen zu kaschieren und sich in hastigen Zeugungsversuchen mit jungen Gebär-Müttern das Todesgrauen vom Hals zu schaffen. Als könne man die zweite Hälfte des Lebens so leben wie die erste, wenn man bloß entschieden dementiert oder die weibliche Hauptrolle neu und jünger besetzt.

Immer wieder haben mir ältere Männer das Gefühl vermittelt, ich würde ihr Leben unnötig verkomplizieren. Ich bin ihnen zu emotional, zu irrational, zu sentimental. Man warf mir vor, ich würde immer alles gleich persönlich nehmen, Dinge zerreden und mich rationalen Sichtweisen gegenüber störrisch oder weinerlich verschließen.

Sie verschwenden meine Zeit! 

"Emotion ersetzt keine Argumentation", kanzelte mich vor zwei Jahren während einer Jurysitzung ein alter, weißer Mann ab, als ich einen Text "zu Herzen gehend" genannt hatte. Ich schwieg beschämt. Warum? Aus Feigheit, Unsicherheit, falscher, konventioneller Zurückhaltung und jener chronisch weiblichen Selbstunterschätzung, die mit der chronisch männlichen Selbstüberschätzung so dramatisch korrespondiert.

Heute weiß ich, dass weder Jurys noch Familien, weder Betriebe noch Staaten gut funktionieren, wenn nicht mindestens eine Frau mit am Tisch sitzt, die alles persönlich nimmt und den anderen mit ihrer Emotionalität und ihrem ständigen Diskussionsbedarf auf die Nerven geht. Und vielleicht werde ich irgendwann auch mutig genug sein, das nicht nur zu schreiben, sondern es einem dieser selbstgerechten Steinzeitmänner ins Gesicht zu sagen, die immer wollen, dass man sie ausreden lässt, obwohl sie mit eigenen Worten nur das wiederholen, was andere, zum Beispiel ich, vor ihnen längst gesagt haben. "Sie verschwenden meine Zeit!" werde ich beim nächsten Mal unerschrocken rufen. Oder beim übernächsten Mal. Aber auf jeden Fall noch in diesem Leben. Ich habe ja noch Zeit.

Bequem und ängstlich

Die beschämende Wahrheit ist nämlich: Ich bin bequem und ängstlich und liebe Herausforderungen nicht. Meine Komfortzone endet an der nächsten Straßenecke. Ein scharfes Wort zur falschen Zeit, und mein Ego geht ins Exil. Ich bin ein leichtes Opfer für Angstmacher. Wenn einer "Buh!" ruft, bin ich die Erste auf dem Baum. Mit jedem Akt des Terrors, jedem Amoklauf, jedem Krieg und jedem Verbrechen, von dem mir in Großbuchstaben und reich bebildert berichtet wird, sinkt mir der Mut noch ein Stückchen weiter.

Täglich kämpfe ich darum, die Zuversicht nicht zu verlieren, und manchmal wäre ich gern wieder das Kind, das bei Gewitter den Kopf in den Schoß seiner Mutter legt. Sie streicht dir die Haare aus der Stirn und sagt: "Alles wird gut, ich bin ja da." Ich bin selber seit vielen Jahren Mutter, ich tröste, ich streiche meinen Söhnen das Haar aus der Stirn und sage: "Alles wird gut, ich bin ja da." Ich halte schützend die Hand über sie, ich bin ihr Zuhause. Meine Mutter und mein Vater sind seit einem Vierteljahrhundert tot und mein Elternhaus ist schon lange ein Haus ohne Eltern.

Ich wurde in Aachen geboren und liebe das Rheinland. Die Frage nach meiner Herkunft und meinen Wurzeln ist eine, die mich zunehmend beschäftigt. Im letzten Sommer bin ich nach mehr als 30 Jahren zurückgekehrt. Ich wollte noch einmal einen Tag und eine Nacht dort verbringen, wo ich aufgewachsen bin, und habe den Besitzer meines Elternhauses gefragt, ob ich heimkehren dürfe, ob er mir ein letztes Mal mein altes, mein erstes Zuhause für ein paar Stunden überlassen würde.

Warum?

Keine Ahnung. Ich werde älter. Daran liegt es vermutlich. Ich bin eine sentimentale Kuh, voller Heimweh und Sehnsucht nach der Zeit, als die Sommer noch endlos waren. Das Essen hatte keine Kalorien und die Füße keine Hornhaut. Alle waren noch am Leben, die Dinge geschahen noch zum ersten Mal und im November roch es im ganzen Haus nach Quittenmarmelade. In meinem Elternhaus habe ich immer wunderbar geschlafen. Ich musste mich nicht fragen, ob die Gartentür abgeschlossen, die Kerzen gelöscht und der Herd ausgeschaltet ist. Nie bin ich nachts noch mal aufgestanden und die schmale Treppe runtergestiegen, um zu überprüfen, ob die Mülltonnen am Straßenrand stehen und der Hund in seinem Korb liegt. Ich war nicht zuständig. Es war mein Versteck vor dem Erwachsenwerden.

Und dann bin ich wieder da. Als sei keine Zeit vergangen. Das Rauschen des Windes und der Autobahn. Die vier Tannen am Ende des Gartens. Immer da, rund um die Uhr und bei jedem Wetter, die Leibwächter meiner Kindheit. Wann sind Tannen eigentlich erwachsen? Diese jedenfalls sind in den letzten dreißig Jahren nicht mehr größer geworden. An der ein oder anderen Stelle sind sie etwas schütter, sie wirken insgesamt ein wenig gebrechlich. Noch nicht alt. Aber älter. So wie ich. Ein paar Sterne funkeln am Himmel und die Tannen wiegen sich bedächtig im Wind. Lieber keine falsche Bewegung in dem Alter. Ich kenne das. Senioren-Schunkeln.

Die perfekte Mischung aus Sicherheit und Abenteuer

Ich habe diesen Garten über alles geliebt. Er war für mich die perfekte Mischung aus Sicherheit und Abenteuer. Hier konnte ich mich was trauen. Ich habe Indianer gespielt, bin durchs Unterholz geschlichen, ich war frei und mutig – und wenn es bei uns zu Hause Pfannkuchen gab, konnte ich es bis in die Büsche am äußersten Rand des Grundstücks riechen.

Der Garten war für mich das, was der Laufstall für ein kleines Baby ist: unendlich und groß. Eine Welt für sich. Voller Abenteuer und Herausforderungen. Du lernst gehen und stehen und gucken und staunen und vertrauen. Drum herum ein Geländer, dass dich davor bewahrt, ins Nichts zu fallen oder unversehens über das Ende der Welt zu kippen. Schade, dass ich diese Angst nie ganz verloren habe. Im Grunde fürchte ich mich bis heute vor allem, was weiter weg ist, als ich die Pfannkuchen meiner Mutter riechen kann.

Ihren letzten Weg sind wir gemeinsam gegangen. Ich erinnere mich an die dunkelgraue Kurzhaar-Perücke, die manchmal, bei genauerem Hinschauen, ein wenig schief saß. Oberhalb der Schläfen lugte dann ein kleines Stück schorfiger, leicht geröteter Kopfhaut hervor. Wie ein Riss in einer Fassade. Eine undichte Stelle. Ein ungewollt gewährter Einblick in verborgene Seelenwinkel, wo die Angst sitzt und die Ahnung, dass die Stunden gezählt sind.Die alte Küchenuhr tickt mich mitleidig an. Armes Kind, bist ja kein Kind mehr.

Das Leben ist eine Gerade

Lange Zeit dachte ich, zum Älterwerden gehöre es, die Sehnsucht und das Heimweh nach dem Früher hinter sich zu lassen. Ich dachte, man kann nur Zufriedenheit erlangen und Frieden finden, wenn sich die Kreise schließen und sich die losen Enden irgendwann wieder verknüpfen. Ich habe mich geirrt. Das Leben ist eine Gerade. Hoffentlich eine möglichst lange. Es wäre albern und vergeblich, es zu einem Kreis verbiegen zu wollen. Anfang und Ende finden nie wieder zusammen, und für das, was mir fehlt, gibt es keinen Ersatz.

Vor zwei Jahren, während ihrer ersten Chemotherapie, haben meine Freundin und ich uns etwas versprochen. Sie sagte: "Ich gebe dir mein Wort darauf, dass ich noch nicht tot bin, wenn dein Buch erscheint." Ich sagte: "Wenn du noch lebst, werde ich es dir widmen."

Und dann haben wir auf unseren Deal mit dem Schicksal angestoßen, wir haben gelacht und geweint und womöglich beide nicht wirklich daran geglaubt, dass wir unser Versprechen würden einhalten können. Meine Freundin sagt, dass es keine falsche Hoffnung gibt. Und dass man sich nicht zu früh freuen kann. Nur zu spät.

"Es wird Zeit": Ums Loslassen, Abschiednehmen und Ankommen geht es in Ildikó von Kürthys neuem Roman, der gerade erschienen ist. (320 S., 20 Euro, Wunderlich)

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BRIGITTE 19/2019

Wer hier schreibt:

Ildikó von Kürthy
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