Frauen müssen Wut zeigen können

Wut ist unweiblich, unattraktiv, egoistisch – das lernten wir als kleine Mädchen. Dabei ist sie so viel mehr: Sie warnt uns, schützt vor Ungerechtigkeit, treibt uns an. Warum nutzen wir diese Kraft nicht?

Es begann vor drei Jahren. Meine Beziehung war gerade in die Brüche gegangen, aus unserem Sohn wurde ein Trennungskind. Ich war erschüttert, brauchte Trost. Stattdessen sollte ich abends am Telefon unangenehme Fragen von Familienmitgliedern beantworten. "Vielleicht hast du ihm nicht genug Freiheiten gelassen?" und "Hattet ihr vielleicht zu wenig Sex?" oder "Warum musstest du auch so früh wieder arbeiten gehen?". Ich war also nicht locker genug, nicht willig genug oder viel zu karrieristisch. Die Trennung war offenbar meine Schuld.

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Enttäuschung und Wut 

Ich spürte, wie sich mein Magen zusammenzog. Enttäuscht und unfassbar wütend hätte ich am liebsten bis zur Heiserkeit ins Telefon gebrüllt. Aber ich hatte Angst. Sorge, meine Familie auch noch zu vergraulen – und entschied mich fürs Weinen. Ich beantwortete ihre Fragen und weinte wieder. Wie ein kleines Mädchen, das sich gerade das Knie blutig geschlagen hatte. Als ich dann endlich allein war, riss ich die Tapete von der Wohnzimmerwand.

Meinen Freunden verkaufte ich den Ausraster als Renovierungsaktion, "neuer Abschnitt im Leben und so", und renovierte wochenlang vor mich hin. Im Geheimen. Ich empfand es als normal, so hatte ich es von meiner Mutter gelernt, die viele Male wütend das Badezimmer schrubbte. Und sie hatte es von ihrer Mutter, die heute noch zornig in der Küche vor sich hin köchelt.

Du bist doch ein Mädchen 

"Wir lernen schon als Mädchen, dass Wut unweiblich, unattraktiv und egoistisch ist", schreibt die US-Aktivistin Soraya Chemaly in ihrem Buch "Rage Becomes Her – The Power of Women’s Anger". Sie passt nicht zu der gesellschaftlichen Erwartung an das feminine Bild. Aufgeblähte Nasenflügel, verzerrte Lippen, fletschende Zähne – Wut ist eine natürliche, aber hässliche Emotion. Hässliche Frauen? Nicht so schön. Gern dürfen sie sich bei Freude freuen, bei Trauer trauern, bei Scham schämen. Bei Wut wüten? Lieber nicht. Frei nach dem Motto: Du bist doch ein Mädchen!

Wut als Fortschritt 

Wut aber ist so viel mehr als ein hässliches Gefühl. Sie warnt uns, beschützt uns vor Ungerechtigkeit, Erniedrigung, Überforderung. Sie ist ein Antreiber, ein Katalysator, ein gigantisches Megafon. Sie zwingt uns dazu, endlich nach Lösungen für ein Problem zu suchen, die vorher nicht in Betracht gezogen wurden. Wenn man sie richtig zu kanalisieren weiß, ist Wut also Fortschritt.

Frauen und ihre Wut zu leugnen bedeutet also, sie in ihrer Weiterentwicklung zu stören. "Keine Revolution ohne Wut" stand jüngst auf den Plakaten der Kinder auf den "Fridays for Future"-Demos. Soraya Chemaly ist überzeugt davon, dass Zorn und Selbstbewusstsein stärker zusammen gedacht werden müssen. Und dass wütend werden kein moralisches Eigentum von Männern sein darf. Was, seien wir mal ehrlich, im Jahr 2019 immer noch der Fall ist.

Ein Beispiel: Vor Kurzem diskutierte eine Freundin mit ihrem Mann über die Frauenquote. Als das Gespräch leidenschaftlicher wurde, fragte er, warum sie so hysterisch werde. Dass dieses Unwort Frauen heute immer noch rasend macht, haben wir, wie könnte es auch anders sein, einem alten weißen Mann zu verdanken: "Hysterie" kommt aus dem Altgriechischen "hystéra" und bedeutet Gebärmutter. Es war Hippokrates, der Hysterie zu einer körperlichen und psychischen Störung erklärte, die von einer "rasend gewordenen" Gebärmutter ausgelöst wird, wenn die Frau zu lange nicht penetriert wurde. Anders ausgedrückt: Wütende Frauen sollten also ordentlich ge***** werden, um sich wieder entspannen zu können. Hallo?!

Weiblicher Zorn wurde kriminalisiert 

Mehr noch: Weiblicher Zorn wurde lange Zeit nicht nur pathologisiert, sondern auch kriminalisiert. Im Europa des 17. und 18. Jahrhunderts durften Ehemänner den Nörglerinnen zu Hause eine Schandmaske um den Kopf legen. Die Vorrichtung aus Stahl besaß einen Mundknebel mit einer dornenbestückten Metallplatte, um die Zunge der Frau im Zaum zu halten. Heute beißen sich viele Frauen leider selbst auf die Zunge.

Wut als männliches Privileg 

Wut ist ein männliches Privileg, schrieb jüngst Journalistin Alena Schröder im Magazin der "Süddeutschen Zeitung". Ein wütender Mann ist ein Kämpfer, der weiß, was er will, animalisch, attraktiv sogar. Eine wütende Frau ist eine Furie, Zicke, hysterisch eben. Klischee? Überholt? Ein Hirngespinst aus längst vergangenen Zeiten? Leider nein. "Frauen haben verinnerlicht, wie wichtig es für die öffentliche Wahrnehmung ist, dass sie ihre berechtigten Anliegen freundlich vortragen", schreibt Alena Schröder. Nur so können sie ernst genommen werden.

Eine Frau, die sich öffentlich nicht daran hielt und nun ebenso öffentlich hingerichtet wurde, ist Andrea Nahles. Mit dem Rücktritt der Ex-SPD-Chefin wurde einmal mehr deutlich, wie es um die weibliche Wut steht. Nach einem Jahr an der Spitze haben Medien vor allem an ihre laute Art und ihre ironischen "In die Fresse"- und "Bätschi"-Sprüche nach der Bundestagswahl 2017 erinnert. Gerhard Schröder ("Basta"), Sigmar Gabriel ("Pack") oder Peer Steinbrück, der sich mit Mittelfinger für ein Magazin-Cover ablichten ließ – sie waren rotzig, impulsiv.

Jungs halt. Nahles aber war von Anfang an zu laut, zu dominant, zu wütend. So denken viele. Und das ist ein Problem.

Zornige Frauen als unglaubwürdig 

Zwei Psychologinnen von der Arizona State University haben in einer Studie gezeigt, wie unfair das im Alltag werden kann: In einem nachgeahmten Gerichtsprozess bewerteten Studienteilnehmer die Glaubwürdigkeit verschiedener Geschworener. Die Wut von Männern verschaffte ihnen Einfluss. Zornige Frauen hingegen wurden als emotional und weniger glaubwürdig bewertet.

Die Studie warf die Frage nach Sexismus in Gerichtsverhandlungen auf – und sagte genau jenes Problem voraus, von dem sich die Welt drei Jahre später im Vergewaltigungsprozess gegen den US-Kandidaten für den Obersten Gerichtshof, Brett Kavanaugh, überzeugen sollte: Während Kavanaugh bei seiner Anhörung wütend auftrat, war es für die Klägerin Christine Ford und ihre Glaubwürdigkeit wichtig, gefasst und freundlich zu wirken. Obwohl sie das eigentliche Opfer war. Obwohl sie Morddrohungen bekam. Obwohl ein Mann, dem eine Vergewaltigung vorgeworfen wurde, in Zukunft liberale Gesetze kippen und konservative verschärfen konnte. Auf Lebenszeit.

Eine Gesellschaft, die Frauen nicht akzeptiert 

Wie geht das? Wie kann man da nicht rasend werden? Wie kann man nicht seinen Fernseher anbrüllen, wenn Politiker darin ganz selbstverständlich erklären, dass eine Frau nicht frei über ihren Körper entscheiden dürfe, dass es für Männer natürlicher sei, mehr zu verdienen, dass Frauen in kurzen Röcken es ja auch nicht anders verdient hätten? Eine weltweite Verschärfung der Abtreibungsgesetze, der Rechtsruck durch Europa, Ehegattensplitting, Gender-Pay-Gap, alte weiße Politiker, die nicht in der Lage sind, Umweltgesetze auf den Weg zu bringen. "Eine Gesellschaft, die weibliche Wut nicht respektiert, ist eine Gesellschaft, die Frauen nicht respektiert", sagt Soraya Chemaly. Es ist Zeit, dass die weibliche Wut gesellschaftliche Akzeptanz erhält. Auf globaler Ebene oder in unserem eigenen kleinen Kosmos.

Nach der Trennung war ich zwei Jahre lang alleinerziehend und fühlte mich zerrissen zwischen Job und Kind, Haushalt und Finanzen, fremden Erwartungen und denen an mich selbst. Ich war wütend über die lächerliche Steuerklasse II für Alleinerziehende, die mir monatlich nur 40 Euro mehr einbrachte als Singles. Und darüber, dass 250 Euro Unterhalt im Monat meinen Vollzeitjob als Mutter aufwiegen sollten.

Ich war wütend, dass ich in Teilzeit im Büro nur noch die Hälfte mitkriegte und trotz 1,0-Abschluss fast nur noch Aufgaben bekam, die auch jeder Praktikant hätte erledigen können. Ich suchte die Schuld bei mir, natürlich. Dachte, es läge an meiner Einstellung, machte Yoga, las Achtsamkeitsbücher. Nach zwei Jahren Emotionsunterdrücken bekam ich eine stressbedingte Hormonstörung und eine Depression.

Bedürfniss anderer über die eigenen stellen 

Ohne es zu merken, wurde ich ein Profi im "Self-Silencing". So nennt man das, wenn Frauen die Bedürfnisse anderer stets über die eigenen stellen und im Stillen wütend sind – mit Bewältigungsstrategien wie Meditation, einem Glas Wein oder einem Schaumbad. Doch was in Sozialen Netzwerken als #Selbstliebe gefeiert wird, vermittelt Frauen den Eindruck, sie müssten immer so weitermachen, solange es abends dafür Pralinen vor dem Fernseher gibt.

Was können wir also tun? Ein erster Schritt wäre, endlich aufzuhören, sich ständig und für alles zu entschuldigen. Wut light quasi. Studien zeigen, dass 75 Prozent aller Entschuldigungen von Frauen kommen. Fürs Stören, fürs Aufgabenverteilen, für ihre Meinung. Es gibt sogar Apps, die unnötige Entschuldigungsfloskeln aus E-Mails entfernen. Problematisch wird es nur, wenn andere Frauen nicht mitziehen oder, noch schlimmer, die Entschuldigungsdiät als Arroganz missverstehen. Würde man das bei einem Mann auch als hochnäsig empfinden?

Noch nie war das Private politischer

Der zweite Schritt: mit so vielen Frauen wie möglich über ihre Frustmomente und den Zorn dahinter sprechen. Nur so können wir weibliche Wut salonfähig machen. Auch wenn die Gründe dafür privater Natur sind – noch nie war das Private politischer.

Drittens: statt Ausraster wegzumeditieren, hinter die unerfüllten Bedürfnisse schauen, zermürbende Alltagsstrukturen verändern, also das, was uns erst auf die Palme bringt. Nach dem Konzept der Gewaltfreien Kommunikation (GFK) zum Beispiel. Es lehrt, alle Gefühle wertzuschätzen – auch die Wut. Denn sie ist ein Kompass, der zeigt, welche Bedürfnisse nicht erfüllt sind. Wertschätzung? Vertrauen? Oder das Gefühl, im Haushalt alleingelassen zu werden? Es geht darum, das Bedürfnis zu erkennen und auszudrücken.

Bedürfnis nach Ruhe und Sinn 

So hat mir die Wut geholfen, mein Bedürfnis nach Ruhe und Sinn zu sehen. Ich hatte es satt, alleinerziehend zu sein, während mein Ex die Rolle des Wochenendpapas übernahm. Wir sprachen viel, und ich stand endlich für meine unterdrückten Wünsche ein. Wir entschieden uns für das Modell "getrennt erziehend", in dem jeder die Hälfte der Care-Arbeit übernahm. Auch auf meinen Job war ich wütend, auf die Unflexibilität, die starren Arbeitszeiten, die Rollenbilder. Also kündigte ich. Und erfüllte mir das Bedürfnis nach Selbstbestimmtheit, Flexibilität, Eigenverantwortung.

Die österreichische Umweltaktivistin Madeleine Daria Alizadeh schrieb kürzlich auf ihrem Instagram-Account: "Wut und Weiblichkeit zu trennen bedeutet, dass wir Mädchen und Frauen von der Emotion trennen, die uns vor Ungerechtigkeit schützt. Eine Frau, die keine Wut empfindet, wird auch nicht zur Gefahr, sie kann nichts an der eigenen, ungerechten Realität ändern."

Am Ende stimmt es: keine Revolution ohne Wut. Und keine Wut ohne Macht. Wir sollten anfangen, uns beides zurückzuholen. Verdammt noch mal.

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BRIGITTE WOMAN 09/2019

Wer hier schreibt:

Anne Dittmann
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