VG-Wort Pixel

Freunde: "Freundschaft umdefinieren"


Stirbt die Freundschaft in der modernen Netzwerkgesellschaft? Ein Interview mit Trendforscher Dirk Bathen über Freunde.

Das Trendbüro Hamburg spricht vom Auslaufmodell "Freundschaft": In der modernen Netzwerkgesellschaft haben Menschen zwar viele oberflächliche Bekanntschaften, aber immer weniger Freunde, mit denen sie sich über wichtige Dinge austauschen. Auch Soziologen an der Duke University und der University of Arizona haben das Phänomen erforscht und herausgefunden: In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat sich die Anzahl der Leute verdoppelt, die niemanden haben, dem sie sich in Krisenzeiten anvertrauen können.

image

Brigitte.de: Jeder Vierte hat niemanden, mit dem er sich über persönliche Probleme austauscht. Woran liegt das?

Dirk Bathen: Wir leben in einer Leistungsgesellschaft und müssen Job, Überstunden, Familie, Freunde und eigene Interessen unter einen Hut bekommen. Hinzu kommt, dass wir in der Freizeit mehr Möglichkeiten haben. Wir haben also beruflich und privat viel mehr Stress als früher. Das führt dann zu solch interessanten Phänomenen wie dem Button "Schnellsuche" bei der Partnerbörse neu.de. Wer sich nicht mal für die Partnersuche Zeit lässt, muss schon sehr unter Zeitarmut leiden. Ein Problem ist auch, dass "Bekanntschaft" zum Teil stärker belohnt wird als "Freundschaft". Vitamin B wird immer wichtiger, um Zugang zu Informationen zu erhalten. Beruflich helfen mir heute nicht mehr drei, vier starre Kontakte weiter, ich brauche möglichst viele Kontakte und muss meine Fühler in alle Richtungen ausfahren. Und unter der Menge der Kontakte, die schließlich auch der Pflege bedürfen, leidet dann jeder einzelne Kontakt.

Brigitte.de: Lockere Bindungen ersetzen also zunehmend intensive Freundschaften. Vereinsamen wir?

Dirk Bathen: Nein. Dass wir weniger intensive Freundschaften haben heißt nicht, dass wir uns isolieren. Im Gegenteil: mit dutzenden Emails im Posteingang und hunderten "friends" in Internet-Communities haben viele Menschen heute sogar mehr Bekanntschaften als je zuvor. Der Punkt ist nur: Diese Kontakte sind meist keine "ganzheitlichen" Freundschaften, sondern eher fokussierte Interessengemeinschaften. Bei "MySpace" pflegen wir Musikkontakte, bei "OpenBC" geht es um den Job. Das heißt aber auch, dass oftmals kein Platz mehr für die Diskussion persönlicher Probleme bleibt.

Brigitte.de: Es zählt nicht mehr die ganze Person, sondern viel mehr nur deren Position oder Eigenschaft. Beziehungen werden funktionaler. Mit anderen Worten: Man hat einen Partner, weil man nicht allein sein will, und eine Freundin, weil sie einen Donnerstags zum Yoga begleitet. Ist es wirklich schon so schlimm?

Dirk Bathen: Nein, das glaube ich nicht. Aber Freundschaft bedeutet, das Kosten-Nutzen-Denken über Bord zu werfen, und das fällt uns heute schwer. Jeder hat wenig Zeit, also wird abgewogen: Nützt mir derjenige was? Wenn ich jemand Neues kennen lerne, ist entweder gleich die klassische geistige Bindung da, oder ich überlege mir, ob ich diesen Kontakt vielleicht einmal beruflich oder privat "gebrauchen" kann. Es kann aber auch schön sein, funktionale Bereiche zu haben: Ich freue mich, dass ich die Freundin fürs Yoga habe, weil ich mit ihr so schön schweigen kann, oder die Jungs zum Fußball spielen, obwohl ich sonst nicht viel mit ihnen am Hut habe. Da vollzieht sich dann eine "Arbeitsteilung" in der Freundschaftspflege.

Brigitte.de: Das hat aber nicht viel mit Freundschaft zu tun, oder?

Dirk Bathen: So eine Beziehung ist sicherlich keine Freundschaft im klassischen Sinne. In dieser Hinsicht ist "Freundschaft" vielleicht tatsächlich ein Auslaufmodell. Es kann sein, dass sie irgendwann einmal eine Renaissance erlebt wie die Ehe heute. Vielleicht ist es aber auch an der Zeit, "Freundschaft" neu zu denken. Vielleicht sollte man sie nicht mehr als Seelenverwandtschaft verstehen, nicht mehr im klassischen Verständnis als "Brüder im Geiste", die zusammen durch Dick und Dünn gehen, sondern eher wertneutral. Freundschaft kann auch distanzierte Sympathie bedeuten. Warum ist zum Beispiel mein Kollege, mit dem ich den Großteil meiner Zeit verbringe, nicht mein Freund? Auch am Arbeitsplatz kann man eine intensive Beziehung haben, ohne dass man privat etwas zusammen unternimmt.

Brigitte.de: 80 Prozent der Amerikaner besprechen wichtige Dinge nur noch in der Familie - vor 20 Jahren waren es nur 57 Prozent. Heißt das, dass die Familie im Rahmen von Globalisierung und Digitalisierung einen immer wichtigeren Stellenwert einnimmt?

Dirk Bathen: Wirtschaftliche Unsicherheit und Individualisierung führen dazu, dass heute bei vielen Menschen, auch und gerade bei Jugendlichen, eine gewisse Rückkehr zu klassischen Werten zu beobachten ist. Das sieht man ja schon daran, dass die Ehe eine Renaissance erlebt. Dieser Trend korrespondiert mit der Beobachtung, dass man sich insgesamt wieder stärker ins Private zurückzieht. Der Leitspruch "My home is my castle" ist aktueller denn je. Man schafft sich einen Flachbildfernseher an, um sich das Kino nach Hause zu holen, oder man stellt sich zu Hause eine Zapfanlage hin, um das Kneipengefühl im Wohnzimmer zu erleben. Familie wird wichtiger, ja. Aber wenn Probleme nur noch innerhalb der Familie besprochen werden, kann das auch ein Schmoren im eigenen Saft bedeuten. Die viel interessantere Frage ist doch: Was meinen diese 80 Prozent mit "besprechen"? Das Fernsehen mit seinen Problemshows ersetzt heute vielerorts das eigene Problemgespräch. Man schaut sich eher zusammen die "Super Nanny" an, als darüber zu diskutieren: Was ist eigentlich bei uns in der Familie los?

<frage name="Brigitte.de">Wenn selbst in der Familie kein richtiger Austausch stattfindet: Was kann man tun, um mit seinen Problemen nicht allein zu bleiben?</frage> <antwort name="Dirk Bathen">Man sollte sich vielleicht mal zurückziehen und überlegen: Wer ist wirklich mein Freund? Mit wem kann und will ich über mein Inneres sprechen und mit wem eher nicht? Dabei sollte man allerdings weder in Kosten-Nutzen-Denken verfallen, noch dem Glauben aufsitzen, "je mehr Leute ich kenne, desto akzeptierter bin ich". Das ist pure Suggestion. So kommt es schnell zu einem "Kontaktinfarkt": Man hat möglichst viele Bekannte und fühlt sich am Ende trotzdem einsam. Noch wichtiger als diese Selbstreflexion ist eine neue Ehrlichkeit. Seit den 90ern steht das Selbstdesign im Vordergrund: Die Leute arbeiten an ihrem Körper, an ihrem Aussehen, an ihrer Fassade. Aus Angst vor beruflichen oder privaten Folgen traut man sich nicht mehr, eine brüchige Person mit Ecken und Kanten zu sein. Anstatt mit Freunden oder der Familie die eigenen Probleme zu diskutieren, bewahrt man lieber den guten Schein: nach außen heile Welt und im Innern brodelt die Krisenküche. Man sollte ruhig mal den Mut haben zu zeigen, wie es hinter der Fassade aussieht. Vielleicht stellt man dann fest, dass es dem anderen genauso geht. Das ist dann möglicherweise der Anfang einer wundervollen Freundschaft.</antwort>

Susanne Arndt

Mehr zum Thema