Freunde: Die neue Eifersucht

Wir alle sehnen uns nach Freundschaft. Aber unsere Kontakte werden immer beliebiger. Und dabei wächst die Angst, nirgendwo mehr richtig dazuzugehören.

Es ist ein nagendes Gefühl, das sich irgendwo zwischen Herz und Magen reinbohrt. Die Anfangdreißigerin Anna überkommt eine diffuse Eifersucht, wenn ihre Freundin begeistert erzählt, sie habe nette neue Mütter in der Krabbelgruppe kennen gelernt. Silke, Mitte 30, stellt überrascht fest, dass sie eifersüchtig reagiert, wenn sie in der Firma aus den montagmorgendlichen Erzählungen heraushört, dass sich das halbe Team am Wochenende mal wieder verabredet hatte. Claus und Carmen, beide Ende 40, sind von drei Freundespaaren gefragt worden, ob man gemeinsam Skiferien machen wolle; trotzdem fühlen sie sich übergangen, weil ein viertes Freundespaar ohne sie zu fragen ein Ferienhaus mit anderen Bekannten gebucht hat.

Mehr Netzwerke, mehr Gelegenheit zur Eifersucht

Eifersucht ist kein neues Thema. Einerseits. Andererseits hat sie sich auf Lebensbereiche ausgedehnt, in denen sie von der Evolution ursprünglich gar nicht vorgesehen war. Der Sinn der Eifersucht war, dass wir wachsam bleiben und das Interesse am Sex nicht verlieren, damit wir uns fortpflanzen. Nachwuchs ist heute längst nicht mehr einziges Ziel einer Beziehung - wachsam, aufmerksam und interessiert zu bleiben gegenüber seinem Partner, das gehört hingegen sicher noch zum ABC des Zusammenlebens. Was ist aber mit der Eifersucht auf Freunde? Auf Bekannte? Auf Arbeitskollegen? Auf leblose Gegenstände wie das Handy, mit dem der Partner ständig herumspielt?

Ina Grau, Psychologin an der Universität Bielefeld, beschäftigt sich mit solchen Fragen. Es gebe kaum Untersuchungen über die Eifersucht in Freundschaften oder im Bekanntenkreis, sagt sie. Aber grundsätzlich könne man annehmen, dass bei der Menge an Beziehungen, die wir heute knüpfen, Eifersuchtsgefühle schnell aus dem Ruder laufen: Wer immer mehr Freundschaften, Cliquen und Netzwerke unterhält, hat eben auch mehr Gelegenheit zur Eifersucht.

Woher kommt dieses Gefühl eigentlich, das Wissenschaftler wie Ina Grau als ein Gemisch aus Angst, Ärger und Traurigkeit beschreiben? Dieser alarmierende Zustand resultiert aus einem vorgestellten oder tatsächlichen Entzug von Liebe, Zuneigung oder Aufmerksamkeit. Die Qualität der Beziehung, so viel ist klar, hat einen entscheidenden Einfluss auf den Ausbruch von Eifersucht. Sie ist größer, je abhängiger man sich von der jeweiligen Beziehung fühlt. Und Unabhängigkeit ist in diesem Zusammenhang letztlich eine Frage des Selbstwertgefühls: Halte ich mich für einen guten Freund oder Partner? Glaube ich an meine soziale Kompetenz?

Der Spaßkult ist zu Ende

Das Kölner Marktanalyse-Institut Rheingold hat in einer Befragung von Jugendlichen zwischen 18 und 22 Jahren herausgefunden, dass sie bei weitem nicht so positiv gestimmt sind wie noch in der letzten Shell-Studie aus dem Jahr 2002 beschrieben. "Der Spaßkult ist zu Ende", sagt Stephan Grünewald, Diplom-Pychologe und Rheingold-Mitbegründer, die jungen Leute seien von einer "tief greifenden Zukunftsangst" bestimmt. Auf sich allein gestellt zu sein, herauszufallen aus der Gemeinschaft, das sei ihre Grundangst. Und die bekämpften sie, indem sie Sicherheitsnetze knüpften. Sie pflegten nicht einen Freundeskreis, sondern gleich zwei, drei oder vier.

In Hamburg geht gerade ein Handy-Service ans Mobilfunknetz, der seinen Abonnenten via SMS anzeigt, welcher ihrer Freunde sich gerade in der Nähe befindet. Und auf der Homepage der RTL-Serie "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" werden die Besucher animiert, wildfremden Menschen zum Geburtstag eine E-Mail zu schicken.

Die "Pflege blühender Bindungsbiotope" nennt Stephan Grünewald so etwas. Es gab mal eine Zeit, da habe man zwei, drei gute Freunde gehabt, sagt er. Das sei vorbei. Grünewald hat in den zweistündigen Interviews mit den Jugendlichen beobachtet, dass die Eifersucht mit der Zahl der Bezugspersonen zunimmt: "Sie kanalisiert sich nicht mehr auf wenige Leute, sondern wirft sich auf alles und jeden."

Es gibt keine klaren Generationsgrenzen mehr

Das Bedürfnis zu kuscheln haben nicht nur junge Menschen. Das mag zum einen daran liegen, dass es keine klaren Generationsgrenzen mehr gibt. Die Alten erleben ihre zweite Pubertät, die Jungen reifen immer schneller. Netzwerke werden situativ geknüpft, heißt es in der Rheingold-Studie, also mit dem, der gerade verfügbar ist. Gern auch generationsübergreifend.

Junge und Alte sind denselben gesellschaftlichen Stimmungen ausgesetzt: Das augenblickliche Tal des Jammers in Deutschland durchschreiten wir alle. In Krisenzeiten reagieren die meisten Menschen seit Jahrhunderten gleich, nämlich mit verstärkten sozialen Aktivitäten: in der Familie, im Freundeskreis, unter Kollegen. So hofft man auf Halt und Stabilität. Aber ob die Beziehungen beständig sind, weiß niemand. Also bleiben wir wachsam. Und werden eifersüchtig.

Jeder ist für seine sozialen Kontakte selbst verantwortlich

Menschliche Nähe, so glauben viele, ist trotz hoher Scheidungs- und Trennungszahlen immer noch das, worauf man sich am meisten verlassen kann. Das britische Henley-Institut hat kürzlich in einer weltweiten Untersuchung die Frage gestellt: "Was übt den größten Einfluss auf Ihr Wohlbefinden aus?" Egal, wie alt die Befragten waren - die Antwort war immer dieselbe: die Beziehung zum Partner, zur Familie, zu Freunden.

Ganz früher, in Zeiten der ländlichen Großfamilie, rutschte man automatisch in seine Netzwerke. Heute wählen wir die meisten unserer Beziehungen selbst. Das klingt nach großer Freiheit, hat aber auch einen Nachteil: Jeder ist für seine sozialen Kontakte selbst verantwortlich. Brechen sie zusammen, stehen wir ziemlich allein da.

Beziehungen zu Freunden sind wichtiger geworden, sagt Ina Grau, die Psychologin. Sie erweisen sich nicht selten als stabiler als Paarbeziehungen. Vielen Menschen erscheine es deshalb unvernünftig, nur auf einen Partner zu bauen. Der Verlust eines Freundes wiegt manchmal schwerer als der eines Lebensgefährten - weil sich Letzterer leichter ersetzen lässt. Kehren wir zurück zur wissenschaftlichen Definition von Eifersucht: Sie wird stärker, je abhängiger wir uns von einer Beziehung fühlen. Was bedeutet es also, wenn Freunde den Rang einnehmen, der früher dem Partner und der Familie vorbehalten war? Größere Abhängigkeit. Und größere Eifersucht.

Die neue Eifersucht ist anstrengend und kompliziert

Die neue Eifersucht ist ziemlich anstrengend. Nie können wir sicher sein, dass unsere Beziehungen morgen noch genauso bestehen wie heute. Es ist kompliziert, an so vielen Rädchen gleichzeitig zu drehen, um das Netz der unterschiedlichen Freund- und Bekanntschaften zu pflegen. Wer kennt es nicht, das Gefühl, sich bei Freundin A, Freund B und Kollege C unbedingt noch melden zu müssen? Und wie wohlig ist der Gedanke am Ende einer voll gestopften Woche, alle Kontakte am Laufen gehalten zu haben? Gut, zu einem Treffen hat es wieder nicht gereicht. Aber man hat wenigstens via SMS versichert, dass man an den anderen denke und ihn unbedingt nächste Woche treffen wolle. "Die Kehrseite der flexiblen sozialen Bindungspflege ist, dass sich die Leute ständig in sozialer Kleindiplomatie aufreiben", sagt Rheingold-Psychologe Grünewald.

Eine Bindung, heißt es im psychologischen Lexikon, sei eine anhaltende emotionale Beziehung zwischen Menschen. Etwas durchaus Exklusives also, das sich nicht mit beliebig vielen Bezugspersonen teilen lässt. Selbst dann nicht, wenn man ein Meister im Kommunizieren ist, wie so viele heute. Vergessen wir das nicht. Denn dann dürfen wir auch mit Recht ein bisschen eifersüchtig sein.

Text: Christiane Kögel, Medienredakteurin bei der "Süddeutschen Zeitung"
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