Freundin schwanger: Baby statt Party

Wenn die beste Freundin schwanger wird, betrifft das auch die Freundschaft. Wie können Freundinnen gut mit der neuen Situation umgehen? Psychologin und BRIGITTE-Autorin Kirsten Khaschei erklärt, was eine Schwangerschaft an einer engen Freundschaft ändern kann - und wie sie erhalten bleibt.

Kirsten Khaschei

Brigitte.de: Meine beste Freundin ist schwanger, und bei mir kommt keine Freude auf - sondern eher die Sorge, dass unsere Freundschaft unter der neuen Situation leiden könnte. Ist das berechtigt?

Kirsten Khaschei: Das ist eine realistische Einschätzung der Situation, auch wenn diese Bewertung erst mal auf einem Gefühl basiert und nicht auf Tatsachen. Die schwangere Freundin gründet eine Familie - und ich bleibe allein zurück. Da braucht man kein schlechtes Gewissen zu haben, wenn man sich nicht gleich richtig mitfreut.

Brigitte.de: Wie kann ich mit so einem Gefühl umgehen?

Kirsten Khaschei: Zunächst für sich stehen lassen und anschauen: Es zeigt, wie wichtig mir meine Freundin ist. Oder dass mir das Thema 'Kinder kriegen' nicht gleichgültig ist. Am besten ist, das Gefühl erst mal sacken zu lassen.

Brigitte.de: Aber die Gefahr, dass meine Freundin - Stichwort Hormone, neue Einstellung zum Leben - mir fremd wird, ist doch da. Wie kann ich damit konkret umgehen?

Kirsten Khaschei: Ich schlage vor, auf Vertrauen zu setzen - und gegenseitige Toleranz. Wenn eine oder beide anfangen, kleine Marotten zu entwickeln, kann man sich darüber ärgern. Oder das Ganze mit Gelassenheit und Humor nehmen. Wenn beide große Sorge haben, dass die Freundschaft leidet, hilft vielleicht eine Art Freundinnen-Vertrag. Darin können beide - am besten noch vor einer Schwangerschaft - festhalten, was ihnen wichtig ist und wie sie in der neuen Situation miteinander umgehen möchten.

Brigitte.de: Auf was sollten die Vertragsunterzeichnerinnen dabei achten?

Kirsten Khaschei: Das kommt auf die Freundschaft an. In einer sehr direkten Beziehung kann es okay sein, wenn eine sagt "du nervst mich total mit deinen Babyklamotten-Katalogen!". Solche Freundschaften können Offenheit vertragen. Das kann man vorher ausloten. In einer harmonischen Beziehung, in der die Freundinnen alles zusammen machen, ist die Basis in erster Linie Gemeinschaft. Hier sollten sich beide klar machen, dass es in Zukunft sehr viel weniger Zeit für gemeinsame Unternehmungen geben wird - und sich das gegenseitig 'erlauben'.

Brigitte.de: Wie kann so ein Vertrag dann aussehen?

Kirsten Khaschei: Die Freundinnen entlasten sich gegenseitig. Man beschließt zum Beispiel, dass man damit leben wird, eine Zeit lang nicht mehr so viel gemeinsam machen zu können. Dass man gegenseitig toleriert, wenn eine oder beide sich neue Bekanntschaften suchen. Beiden sollte aber auch klar sein, dass sich das Leben mit all' seinen Gefühlen manchmal nicht an Verträge hält - eine echte Bewährungsprobe: Wirklich gute Freundinnen sind flexibel genug, auch in solchen unerwarteten Lebenssituationen zueinander zu halten und Lösungen zu finden.

Brigitte.de: Und was mache ich, wenn ich merke, dass trotzdem die Eifersucht an mir nagt?

Kirsten Khaschei: Ruhe bewahren. Früher hat meine Freundin viel freie Zeit mit mir verbracht. Jetzt verbringt sie sie mit ihrem Kind - und das auch noch ohne mit der Wimper zu zucken. Ich stehe nicht mehr ganz oben auf der Prioritätenliste. Hier kann man zeigen, dass man eine gute Freundin ist, indem man ihr keine Vorwürfe macht, sondern darauf vertraut, dass auch wieder andere Zeiten kommen.

Brigitte.de: Angenommen, ich merke, das Kind meiner besten Freundin gefällt mir nicht: Ich finde es hässlich, mag sein Quieken nicht, habe keine Lust, es auf den Arm zu nehmen...

Kirsten Khaschei: Das kann sein. Auch wenn es meine beste Freundin ist, muss ich ihr Kind nicht lieben.

Brigitte.de: Wann sollten Themen wie Babysitten und Patenschaft angesprochen werden?

Kirsten Khaschei: Das sollte man der Freundin überlassen. Jede Mutter ist zu einem anderen Zeitpunkt bereit, ihr Kind abzugeben. Viele Frauen glauben gerade in dem Punkt, sie müssten für ihre Freundin mitdenken.

Brigitte.de: Sie meinen, mit guten Ratschlägen missversteht man den Status als beste Freundin?

Kirsten Khaschei: Ja. Themen wie Patenschaft oder Babysitten gehören eher in die Partnerschaft. Die Frage ist ja auch, wie viel Anteilnahme die Freundin überhaupt haben möchte? Für sie ist es auch eine neue, ungewohnte Situation. Man sollte sich gegenseitig Zeit lassen, in die neue Rolle hinein zu wachsen, gucken, welche Bedürfnisse sich auftun. Und nicht ungeprüft Klischees übernehmen...

Brigitte.de: ... wie 'meine Freundin hat jetzt nur noch ihr Kind im Kopf'...

Kirsten Khaschei: ... oder 'jetzt hat sie sowieso keine Zeit mehr, zu telefonieren oder mit mir in die Kneipe zu gehen'. Dabei ist die Freundin vielleicht dankbar für jeden Draht ins Leben. Wenn man automatisch das Gegenteil annimmt, fühlt sie sich möglicherweise verletzt und unverstanden. Das Ganze kann eine Eigendynamik entwickeln, die die Freundschaft in Gefahr bringt. Mit einfachen Fragen wie "Hast du Lust, über den Job zu sprechen?" oder "Magst du ein paar Geschichten aus der Firma hören?" kann man eigene Klischees leicht überprüfen.

Brigitte.de: Man sollte also nicht einfach Dinge voraussetzen, sondern die Freundin fragen.

Kirsten Khaschei: Auf jeden Fall. Eine Freundschaft ist etwas Kostbares, die beste Freundin ein Mensch, der einen wirklich gut kennt. Da sollte man sich nicht von Mutter-Klischees vereinnahmen lassen und sie einfach so abschreiben. Ein Blick in die Zukunft kann helfen: Wäre es nicht schön, in fünf Jahren noch immer eng befreundet zu sein - auch mit Kindern? Freundschaften zeichnen sich dadurch aus, dass man sich in verschiedenen Lebenssituationen begleitet und sie meistert.

Brigitte.de: Wie schafft man es, dabei einen guten und engen Kontakt zu halten?

Kirsten Khaschei: Mit gegenseitigem Vertrauen. Es ist wichtig, der anderen zu signalisieren, dass man für sie da ist, dass sie - mit oder ohne Kind - weiterhin wichtig und interessant bleibt. Freundinnen können sich auch Rituale schaffen wie ein festes Treffen, das über die Jahre unter allen Umständen stattfindet.

Brigitte.de: Die Beziehung kann sich also tiefgreifend verändern. Ist das nicht auch eine reizvolle Chance für die Freundschaft?

Kirsten Khaschei: Ja, wenn man es schafft, sich individuell zu sehen und verstehen - mit oder ohne Bauch, und mit oder ohne Baby. Wenn die beste Freundin Mutter wird, lernt man sie ein Stück weit neu kennen, entdeckt eine weitere Seite ihrer Persönlichkeit. Und im besten Fall erfährt man dabei auch viel Neues und Spannendes über sich selbst.

Interview: Wiebke Peters Foto: Andreas Herzau (1)
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