VG-Wort Pixel

Freundschaft auf Distanz - geht das?


Was, wenn die beste Freundin ins Ausland zieht? Hält die Freundschaft auch auf Distanz? Ein Mail-Wechsel zwischen Hamburg und Sydney.

Liebe Dani,

zwar fühlte sich mein Kopf am nächsten Morgen an, als wäre ein Radlader drübergerollt, aber es war ganz große Klasse, nach so langer Zeit mal wieder in Ruhe mit Dir zu quatschen und zwei Flaschen Rotwein zu leeren ...

Nur eines muss ich loswerden: Warum hast Du mir denn nicht schon früher etwas gesagt?! Dass Dein Mann so viel arbeitet und Du nicht an ihn rankommst? Dass Du die Kinder allein an der Backe hast und einem Nervenzusammenbruch nahe bist? Ich habe erst am Morgen nach unserem Weinabend realisiert, wie sehr mich Dein Verhalten vor den Kopf stößt. Wo ist Dein Vertrauen? Es fühlt sich ein bisschen an wie betrogen werden, die Dinge erst zu erfahren, wenn sie schon wieder vorbei sind. Viele Grüße aus der Ferne, Deine Bine

Meine liebe Bine,

das hat doch nichts mit Vertrauen zu tun. Ich brauchte eben jemanden, der mich auch mal in den Arm nimmt und tröstet. Jemanden, der hier bei mir in Hamburg ist, bei dem ich spontan anrufen oder klingeln kann - und das geht eben mit Dir nicht mehr, seit Du so weit weg bist. Selbst Telefonieren ist bei zehn Stunden Zeitverschiebung nur mit vorheriger Absprache möglich.

Und ich habe manchmal einfach keine Lust, miese Gefühle, die schon ein paar Tage alt sind, wieder herauszukramen, nur damit auch Du Bescheid weißt. Dich in Hamburg zu haben, habe ich übrigens auch sehr genossen - ich war allerdings so schlau, vor dem Schlafen noch zwei Kopfschmerztabletten zu schlucken. Wie war denn Dein Rückflug? Alles Liebe, Dani

Hallo Dani,

der Flug war ein Albtraum - Josh hat kaum geschlafen, und ich bin gefühlte 20 Stunden mit ihm auf dem Gang hin- und hergelaufen, um ihn vom Schreien abzuhalten - quengelige Zweijährige im Flugzeug sind wirklich unerträglich!

Dass Du schreibst, ich könne Dir über die Distanz bei Deinen Problemen nicht helfen, ist zwar ehrlich, hat mich aber geschockt. Es ist für mich schon schwer genug, den Kontakt zu Familie und Freunden in Deutschland zu halten. Was mir Halt gibt, ist das Vertrauen, dass eine tiefe Freundschaft auch eine Distanz zwischen Deutschland und Australien aushalten kann. Aber kann sie das wirklich? Und wenn ja, in welcher Intensität? Liebe Grüße an Deine Jungs, Bine

Liebe Bine,

image

die Frage ist doch: Wie häufig müssen Freundinnen sich sehen und miteinander sprechen, um die Nähe nicht zu verlieren? Ist die Intensität von Freundschaft zu bemessen in Monaten, Tagen, Stunden? Wir probieren das gerade aus: gar nicht so einfach! Ich habe mal gelesen, dass Ehrlichkeit, Toleranz und Rituale wichtig sind, wenn man eine Freundschaft über eine weite Distanz erhalten möchte. Na ja, Ehrlichkeit und Toleranz lernen wir auf jeden Fall gerade :-) Rituale haben wir auch. Leider funktionieren die für mich aber nicht immer: Dienstags ist unser fester Telefontag. Ich sitze dann in meinem Büro und arbeite, während Du schon müde bist und ins Bett gehen möchtest. Klar freue ich mich, wenn Du anrufst. Aber oft werde ich mitten aus der Arbeit gerissen und habe den Kopf mit anderen Dingen voll. Und was kann man in 30 Minuten schon erzählen? Wir haben den Anschluss an den Alltag der anderen verloren. Ich habe nicht gesehen, wie Dein Bauch während der Schwangerschaft dicker wurde. Und ich war nicht dabei, als Dein Sohn auf die Welt kam. Das fehlt mir. Bis bald, Deine Dani

Hallo Dani,

vielleicht muss man versuchen, mehr in der Gegenwart zu leben und die Umstände zu meistern, so gut es eben geht, sonst ist man immer irgendwie traurig. Ich finde: Es ist doch nicht der Alltag, der einen verbindet, es sind die innigen Momente, die man zusammen erlebt hat. Küsschen, Bine

Hallo Bine,

da bin ich anderer Meinung! Klar, wir haben viele Premieren gemeinsam erlebt: den ersten Liebeskummer, den ersten Urlaub ohne Eltern. Oder den unvergesslichen Abend, als wir zum ersten Mal Haschisch ausprobieren wollten und ganze zwei (!) Gramm in den Keksteig gebröselt haben. Erst taumelten wir wie hypnotisiert über die Tanzfläche einer Disco, dann haben wir zwei Stunden lang in einer Kneipe gesessen, ohne ein Wort miteinander zu sprechen, um dann kurze Zeit später auf meinem Badezimmerteppich einzuschlafen ... Aber reicht das - für immer? Mir fehlen die Gespräche über banale Dinge. Viele Grüße, Dani

Liebe Dani,

image

gestern musste ich an Dich denken, als ich mit meiner Freundin Cloe im Kino war, um den letzten Brad-Pitt-Film zu sehen. Der Mann wird einfach immer schöner! Wahnsinn: Wie lange ist es bitte her, dass wir ihn bei "Thelma und Louise" gemeinsam angeschmachtet haben? Als ich gestern selbst nach Ende des Films nicht aufhören konnte zu heulen, hat Cloe mich ganz pikiert angeschaut. So, als wäre ihr mein Verhalten unangenehm. Sag mal: Haben wir beide je darüber nachgedacht, was andere Leute über uns denken, wenn wir bei einem Film weinen mussten? Mit neuen Freundinnen ist irgendetwas anders. Man mag sich. Aber wenn man wichtige Dinge im Leben teilt wie Schule, Trennungen, Ausbildung, dann bekommt Freundschaft eine andere Tiefe, ein wortloses Verständnis. Und die Gewissheit: Man ist sich nicht peinlich. Schon gar nicht, weil man heult. Grüß Deine Familie, Bine

Hallo Bine,

ich glaube nicht, dass man so einfach eine neue (beste) Freundschaft aufbauen kann. Wir haben dazu fast 19 Jahre gebraucht. Und mit Mitte 30 ist man nicht mehr so leicht für eine neue Freundschaft zu begeistern wie früher. Das braucht Zeit, und davon hat man immer weniger.Sei gedrückt, Deine Dani

Liebe Dani,

heute nur ein paar kurze Zeilen, ich will gleich zum Tauchkurs an den Strand! Die Sonne und das Meer sind ohne Zweifel unbestreitbare Vorteile meines neuen Lebens am anderen Ende der Welt. Trotzdem vermisse ich die Heimat. Heimat ist übrigens ein komisches Wort, es klingt nach kitschigen, alten Filmen und Alpenwiesen. Wie viele Menschen es wohl heutzutage gibt, die in einer ähnlichen Situation sind wie wir? Schnelle Grüße, Bine

Liebe Bine,

ich weiß es nicht. Aber das ist ja oft so: Die Dinge haben zwei Seiten. Da kommt ein Kerl und lockt Dich ans andere Ende der Welt. Und ich bin froh und wütend zugleich. Froh, dass Du mit Ben den Mann gefunden hast, der Dich glücklich macht. Wütend, weil er Dich mir weggenommen hat. Warum konntest Du nicht in Deutschland einen tollen Typen treffen? Dicken Schmatz, Dani

Liebe Dani,

was meinst Du mit "wütend"? Dass Du so richtig ärgerlich bist? Oder schreibst Du das nur, weil Du mir ein schlechtes Gewissen machen möchtest? Was Du ganz gerne tust. Ich traue mich ja nicht mehr, mich zu wehren, geschweige denn, etwas zu sagen oder zu tun, was Dich verärgern könnte. Aus Angst, unsere Freundschaft zu gefährden, bin ich vorsichtig geworden. Dadurch hat sich das Gleichgewicht zu Deinen Gunsten verschoben. Du bestimmst jetzt die Stimmung, während ich mich wie ein Chamäleon anpasse. Ganz schön anstrengend manchmal ... Muss jetzt weg, melde mich bald! Bine

Liebe Bine,

image

Du nennst es anstrengend - mich bringt Deine angestrengte Nettigkeit manchmal ganz schön auf die Palme. Weihnachten zum Beispiel, als Du bis ein Uhr nachts aufgeblieben bist und auf meinen Anruf gewartet hast. Umsonst, denn ich hatte unsere Verabredung vergessen. Aber anstatt wütend zu werden, warst Du wie immer verständnisvoll. Manchmal komme ich mir neben Dir vor wie das boshafte Fräulein Rottenmeier neben der lieben Heidi. Warum lässt Du Dir denn von mir so viel gefallen? Das hast Du gar nicht nötig. Es würde mir sogar ganz guttun, wenn Du mich mal in die Schranken weist. Ach ja, langsam beginne ich zu akzeptieren, dass Du wirklich weg bist. Grüß mir die Aussies, Dani

Meine liebe Dani,

mir geht's auch so: Jetzt, nach über drei Jahren, habe ich begriffen, dass ich meinen Lebensmittelpunkt in Australien habe. Und vielleicht hast Du recht: Ich werde daran arbeiten, mir von Dir nicht mehr so viel gefallen zu lassen. Umarmung, Bine

Meine liebste Bine,

Australien hat ja auch sein Gutes: Ich lerne noch ein bisschen was von der Welt kennen ... :-) Und ich halte mich an einem Satz von Dir fest, kurz hingeworfen nach Deinem Umzug: "Vielleicht kommen wir ja in ein paar Jahren zurück nach Deutschland." Ich will nicht darüber nachdenken, was wird, falls Du für immer in Australien bleibst. Das ist ein Punkt, den wir nie ansprechen. Es ist ja auch sinnlos ..., ob Ben hier einen Job findet, ob Eure Beziehung hält (was ich natürlich sehr hoffe, trotz meines egoistischen Wunsches, Dich wieder bei mir haben zu wollen) - wer weiß das alles schon ... Ich drücke Dich, Deine Dani

Dani, Dani,

ich fürchte, wir können noch unzählige Mails schreiben und werden doch keine Lösung finden - weil wir unsere Lebensumstände zurzeit nicht ändern können. Ich weiß nicht, ob wir irgendwann zurückkommen werden. Ich glaube aber ganz fest daran, dass wir beide uns an die neuen Umstände gewöhnen. Wir sind dabei, zu akzeptieren, dass das Alltägliche, das Spontane fehlt, dass wir aber trotzdem auf unsere Freundschaft zählen können.

Die Aussies sind zwar sehr nett, aber nicht die Tiefgründigsten, und die Sprachbarriere macht es nicht leichter. Die Zwischentöne trifft man nicht, egal wie gut man die Sprache gelernt hat. Ich vermisse Dich. Gerade jetzt ist mir so nach Quatschen mit Dir ... Alles Liebe, Deine Bine

Text: Sabine Dowson und Daniela Stohn Illustration: Silja Goetz Ein Artikel aus der BRIGITTE BALANCE 03/09

Mehr zum Thema