Wer DIESE Dinge nach der Trennung tut, kann mit dem Ex befreundet bleiben

Sich trennen, aber trotzdem Freunde bleiben - auch "Conscious Uncoupling" genannt - liegt voll im Trend. Der Paartherapeut Dr. Mathias Jung erklärt, weshalb das so ist.

Die Beziehung ist vorbei – aber man mag sich immer noch. So geht's vielen Paaren nach der Trennung. Die große Frage ist: Kann eine Freundschaft wirklich funktionieren? BRIGITTE hat mit einem Experten gesprochen.

BRIGITTE: Warum wollen heute alle nach der Trennung Freunde bleiben?
DR. MATHIAS JUNG:
Das ist eine positive Entwicklung, und die hängt damit zusammen, dass Trennungen und Scheidungen den Grad der Normalität erreicht haben. Auch die Rechtsprechung spielt eine große Rolle, weil das Kindeswohl heute an erster Stelle steht. Da ist mehr Rationalität eingekehrt. Führt dagegen jemand Rosenkrieg oder instrumentalisiert die Kinder, ist er nicht trennungsfähig und weigert sich, die eigene Verantwortung anzuschauen. Aber Hass und Wut sind immer leichter auszuhalten als Trauer und Selbsterkenntnis.

Spielt dabei die Vernunft eine Rolle, oder besteht ein wirkliches Bedürfnis, mit dem Ex-Partner befreundet zu sein?
Was die Elternschaft angeht, ist der Wunsch nach einer freundschaftlichen Verbindung heute sicher da. Kinder sind viel wichtiger als in den 50er- oder 60er-Jahren - gerade für Väter. Die wollen ihre Kinder begleiten. Männer haben sich in den letzten 20 Jahren entwickelt, sind weicher geworden. Und auch das Ökonomische spielt mit hinein. Frauen sind gut ausgebildet und verdienen das Geld. Das zwingt die Männer in Richtung Geschlechterdemokratie, schafft beidseitige Autonomie und somit neue Realität. Männer können mit gebildeten Frauen doch heute gar nicht anders umgehen.

Aber es dauert doch seine Zeit, bis man dem Ex freundschaftlich begegnen kann. Machen wir uns da nicht was vor?
Am Anfang sind starke Gefühle absolut notwendig zum Entlieben. Man hat sich ja bislang als "Partner von ..." definiert. Um sich davon zu lösen, braucht man Aggression und ungerechte Gefühle. Das geht nicht anders. Wir benötigen, um uns loszulösen, ein gewisses Maß an Aggression und Distanz. Das ist unser Schutzverband. Und nach und nach kann man so wieder dem anderen verzeihen und sich selbst verzeihen. Wenn es gelingen soll, eine Beziehung sofort in eine Freundschaft umzuwandeln, gehört dazu ein gewisses Talent zur Reflexion, Distanz und zu sich selbst einnehmen zu können, und Trennungserfahrung.

Das heißt: je mehr Trennung, desto gelassener ist man?
Ja, man weiß dann, dass es irgendwann auch wieder bergauf geht. Ich selbst bin mit unsäglichen Schwierigkeiten nach 21 Jahren aus meiner ersten Ehe gekommen. Ich habe als ehemaliges Scheidungs- und Internatskind unsäglich geklammert. Hätte ich heute noch mal eine Trennung, wüsste ich, das Leben geht weiter. Ich finde, es ist sehr wichtig, dass wir im Leben positive Trennungserfahrungen machen, das stärkt unsere Widerstandskraft. Denn das Leben besteht nun mal aus Trennungen. Wir sollten eine Kunst der Trennung entwickeln.

Wie zum Beispiel?
Zum einen ist es wichtig, mit anderen zu sprechen. Mit Leuten reden, die selbst Trennungen erfahren haben. Dadurch verliert man die Scham und das Gefühl der Schande, das eine Trennung oft begleitet. Und Selbstreflexion ist außerordentlich wichtig. Hier gibt es drei Fragen zu beantworten. Erstens: Wovon trenne ich mich gern? Zum Beispiel: "Du warst lieblos. Du hast nicht mit mir kommuniziert. Du warst in der Sexualität rücksichtslos." Zweitens: Wovon trenne ich mich schwer? Etwa, "von deiner Verlässlichkeit. Deiner Großzügigkeit. Deinem Humor." Drittens: Was nehme ich mit? So integriert man die vergangene Lebensperiode und nimmt das Kostbare mit. Nichts ist schlimmer, als wenn man abfällig über den Partner denkt. Damit machen wir uns selbst schlecht. Es hilft auch, eine Handvoll Therapiestunden zu nehmen, um sich durch die Trauer- und Wutarbeit begleiten zu lassen. Später kommt die Begriffsarbeit dazu, in der man versteht, was passiert ist, und seinen Teil daran sieht und annimmt. Dann geht man aus dieser Krise gereift heraus.

Gibt es Parameter für eine Trennung in Freundschaft?
Ja, etwa, dass das Paar sich während und nach der Trennung gründlich ausgesprochen hat und nicht in die Wortlosigkeit gegangen ist. Oder dass sich ein Paar im Zweifel Hilfe holt und dass es gute Absprachen getroffen hat. Ganz entscheidend dabei: die ökonomischen Absprachen. Zahlt der Partner keine vernünftigen Unterhaltszahlungen für die Kinder, wird es düster. Liebe und auch Trennung geht übers Geld. Ein anderer Parameter ist, den Partner und die gemeinsamen Jahre weiterhin wertzuschätzen.

Trennen wir uns heute eigentlich leichtfertiger?
Heute - und das ist die dunkle Seite der hohen Scheidungsraten - wird die Flinte viel zu oft bei der ersten schweren Krise ins Korn geworfen. Die Liebe ist Arbeit. Knochenarbeit. Und ich wäre ein schlechter Paartherapeut, wenn ich die Leute nicht immer wieder auffordern würde, alles zu tun, um ihr Beziehungsgebäude zu retten.

Liegt das daran, weil wir generell unverbindlicher in allen Beziehungen werden?
Ja, die moderne Unverbindlichkeit verstärkt das und wird durch die digitale Revolution unterstützt. In Deutschland sind rund 12 Millionen Menschen im Internet auf Liebessuche. Ich hatte einen Patienten, der hatte 200 Kontakte von Frauen innerhalb von zwei Jahren. Mit 52 Frauen hat er sich getroffen, aber trotzdem war angeblich keine gut genug. Dabei waren das alles erfolgreiche attraktive Frauen. Doch das ist eine moderne Neurose, die vor allem bei Männern vorkommt: sich nicht entscheiden zu wollen. Man sieht nicht mehr die klare Verpflichtung, die eine Beziehung mitbringt, und nicht die Erkenntnis, dass dies eine existenzielle Entscheidung ist.

Wie sehen Sie die Zukunft der Liebe?
Es hat etwas Entscheidendes in den letzten Jahrzehnten stattgefunden: Die Liebe ist die Religion der Moderne, alte Normen gelten nicht mehr. Was übrig geblieben ist, ist das Gehaltensein durch die Liebe. Doch damit wird sie gewaltig überfordert. Sie muss uns alles bieten, aber das kann sie nicht. Aber wir haben das Recht zur Korrektur. Wir bleiben nicht mehr in einer liebesarmen Beziehung, sondern hauen ab. Und auch wenn ich finde, dass oft wenig Konfliktfähigkeit vorhanden ist, ist das zunächst positiv.

Können Trennungen uns also stärken?
Ja, indem wir unsere eigne Handlungskompetenz erkennen: "Ich bin fähig, mein Leben selbst zu gestalten. Ich bin nicht abhängig." Eine Trennung gehört zu den schwersten Stressfaktoren, aber danach weiß man: Ich schaffe das. Trennungen machen uns reifer.

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Merle Wuttke, ein BRIGITTE-Artikel aus Heft 3/17

Wer hier schreibt:

Merle Wuttke
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