Gäste einander vorstellen - warum macht das keiner mehr?

Die Gäste einander vorstellen – macht keiner mehr. Till Raether findet es schade, dass auf Partys kaum noch jemand weiß, wer die anderen sind.



Wenn man irgendwo eingeladen ist, gibt es eigentlich nur zwei Möglichkeiten: Entweder man kennt die Leute schon, dann redet man mit ihnen, und es ist wie immer; oder man kennt die Leute nicht, dann redet man vielleicht auch mit ihnen, aber unter Umständen hat man nicht genau hingehört, als sie gemurmelt haben, sie seien Lars oder Lara oder Lisa oder Linus. Oder niemand hat überhaupt einen Namen gesagt, weil alle dachten: Na ja, bestimmt nur ein kurzer Floskelaustausch.

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Mehr mit anderen reden

Gerät man dann aber in ein ganz interessantes Gespräch, wird es schwierig, irgendwann noch seinen Namen einzuschieben und den anderen zu erfahren. Diese Unterbrechungen haben immer etwas Theatralisches, übertrieben Demonstratives. "Übrigens, ich bin ..." – so, als hätte man sich den Höhepunkt des Abends dafür vorbehalten, diese Mitteilung zu machen. Ein bisschen staatstragend, kein bisschen leicht und geschmeidig.

Eigentlich sind die Gastgeber*innen für so was da, aber ich sehe natürlich ein, dass sie eh schon genug zu tun haben. Jacken wollen genommen, Getränke angeboten werden. Und es klingelt schon wieder. Und wohin mit den Geschenken? Klar, dass da keine Zeit dafür bleibt, ein paar Gäste, die einander noch nicht kennen, kurz miteinander bekannt zu machen. Geht das nur mir so? Wäre es nicht schön, wenn wir uns das wieder ganz fest vornehmen würden? So erleichternd und sehr in die Zeit passend, in der wir doch alle wieder mehr mit anderen reden sollen?

Ein Halbsatz pro Kopf reicht aus

Ich musste eine Weile nachdenken, wie der Vorgang überhaupt heißt. Die Leute "vorstellen" klingt irre steif und auch ein bisschen bedrohlich. Aber wie schön ist das ein bisschen altbacken verschrumpelte "Darf ich euch mal miteinander bekannt machen?" Ich hab’s lange nicht mehr gehört, ehrlich gesagt auch lange nicht mehr selbst gesagt, und dabei ist es ein so hübsches Versprechen: Menschen in Aussicht stellen, dass sie einander ab jetzt kennen können, weil man das für eine gute Idee hält.

Es geht ja ganz schnell, es reicht pro Kopf ein Halbsatz: Das ist Lars, der hat auch kein Lastenfahrrad, das ist Lara, die stellvertretende Elternsprecherin, Lisa, die kein Fleisch mehr isst, Linus, mit dem ich früher im "YPS"-Detektivclub war. Es reicht ein Detail, um einen Gesprächseinstieg zu ermöglichen, und mehr noch: um sich etwas unter einer bisher fremden Person vorstellen zu können.

Nähe durch dritte Instanz

Denn sobald man eine Assoziation, einen Gedanken zu einem Menschen hat, kann man sich diesem Menschen zuwenden und auch selbst was von sich zeigen. Aber, wie gesagt, es braucht die Gastgeber*innen, es braucht diese dritte Instanz, die Fremde einander nahebringen kann. Es wäre sehr seltsam, wenn ich auf einer Party zu einer mir unbekannten Person träte und sagte: "Hallo, ich bin Till, ich wohne hier auch im Haus."

Wobei, wenn ich es mir jetzt so anschaue, klingt es eigentlich recht normal und nur etwa zu 20 Prozent creepy. Aber ich kriege das allein nicht gut hin, und, wie ich seit Jahrzehnten feststelle, offenbar auch sehr, sehr viele andere Menschen nicht, denn so gut wie nie tritt jemand vor mich und sagt so etwas zu mir auf einer Party.

Gastgeber*innen, bitte nehmt uns doch für diese eine Sache kurz an die Hand und führt mich mit jemandem zusammen. Ich werfe dafür meine Jacke gern selbst aufs Bett und hole mir was zu trinken. Es wäre ein Ende der Sprach-, Namens- und Ideenlosigkeit, und wenn ihr das nächste Mal zu mir kommt, mach ich das auch für euch, versprochen. 

Anderen zugewandt

Till Raether, der keine Veranstaltungen mit Namensschildern mag, weil er immer vergisst, die wieder abzumachen. Sein neues Buch heißt "Ich werd dann mal: Nachrichten aus der Mitte des Lebens" und versammelt Texte aus BRIGITTE, von anderswo und Neues. 

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BRIGITTE 22/2019

Wer hier schreibt:

Till Raether
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