Gedanken lesen: Darauf kommt es an!

Der Mentalist Timon Krause kann nicht nur von anderen Menschen die Gedanken lesen – sondern sie auch gut von etwas überzeugen!

BRIGITTE: Als Gedankenleser müssen Sie sehr kurze, flüchtige Gesichtsausdrücke erkennen und richtig interpretieren. Kann das jeder lernen oder braucht man dafür ein besonderes Talent?

TIMON KRAUSE: Es ist vergleichbar mit Klavierspielen: Einige sind dafür begabter als andere. Aber prinzipiell kann es jeder lernen. Auch ich habe mich anfangs schwergetan, Mikroexpressionen – also eine Mimik, die nur für eine Zwanzigstelsekunde übers Gesicht huscht – zu erkennen, aber heute klappt es gut. Diese Mikroexpressionen geben sehr viel über die Gefühle des anderen preis, da man sie, anders als Körpersprache, kaum kontrollieren kann und sie universell sind, also bei jedem Menschen gleich.

Einigen Leuten kann man ja sehr gut am Gesicht ablesen, was in ihnen vorgeht, aber anderen ...?

Wir nehmen es aber oft intuitiv wahr. Wir haben das Gefühl, dass etwas nicht stimmt, auch wenn die Freundin lachend sagt, es ist alles okay. Und wir haben dieses Gefühl, weil wir unbewusst den flüchtigen Ausdruck der Trauer in ihrem Gesicht bemerkt haben. Wir können lernen, das auch ganz bewusst zu erkennen. Es gibt sieben Basisemotionen – Wut, Angst, Ekel, Freude, Überraschung, Trauer und Missbilligung. Wir können uns anhand von Fotos im Internet einprägen, wie sich diese Gefühle im Gesicht zeigen. Wie sieht ein trauriges Gesicht aus? Was machen die Mundwinkel, was machen die Augen, die Nasenflügel? Das ist wichtig, denn Mikroexpressionen dauern buchstäblich nur einen Wimpernschlag, und oft sehen wir gar nicht das ganze Bild, sondern nur ein Detail.

Kann man todsicher erkennen, wann jemand lügt, zum Beispiel, wenn er einem nicht in die Augen schaut?

Nein. Es kann auch sein, dass der Lügner Ihnen jetzt erst recht in die Augen schaut. Aber was fast immer der Fall ist: Die Person weicht im Moment der Lüge in irgendeiner Form von ihrem Normalverhalten ab, ihrer "Baseline". Diese Abweichung kann in jede Richtung gehen: Sie spricht entweder höher oder tiefer als sonst, schneller oder langsamer, ihre Körpersprache wird extrovertierter oder introvertierter. Es hilft also, die "Baseline" eines Menschen zu kennen. Dazu muss man sich nicht jahrelang kennen, sondern nur einige Sätze ausgetauscht haben.

Wie bringe ich jemanden dazu, etwas zu machen, was vor allem ich will?

Auf keinen Fall "Du solltest" sagen! Mein Ansatz wäre immer, der Person den Eindruck zu geben, dass es ihre ganz eigene Idee war, zu der man sie nur leicht hingeleitet hat.

Wenn ich also dieses Wochenende mit einem Freund einen Ausflug aufs Land machen möchte, der sagt, er habe im Moment leider wirklich keine Zeit ...

Dann müssen Sie erst mal wissen, was der wirkliche Grund ist, warum er nicht mitfahren will. Nehmen wir an, dass er ein Projekt fertigstellen muss und Angst hat, es ohne Arbeit am Wochenende nicht zu schaffen. Nun können Sie ihn also zu der Idee hinleiten, dass er seine Arbeit nach einem freien Wochenende sogar besser schaffen wird, weil er dann erholter ist. Unterstellen Sie ihm das aber nicht, er muss selbst darauf kommen. Nehmen Sie seine Argumente auf, zeigen Sie Verständnis und stellen ihm schließlich lieber eine offene Frage, die aber eigentlich nur eine Schlussfolgerung zulässt. Vereinfacht gesagt etwa die Richtung: Wie wirst du dich fühlen, nachdem du zwei Tage nicht gestresst durchgearbeitet hast, sondern aufs Land gefahren bist: weniger oder mehr produktiv? Und es gibt noch tausend andere Techniken.

Fazit: Ein sehr praxisnahes, locker geschriebenes Buch, in dem es sympathischerweise eher um Empathie als um Manipulation geht.

Timon Krause, 24, lebt in Amsterdam, tourt als Gedankenleser über Bühnen, gibt Seminare und ist jüngster "Best European Mentalist". In seinem neuen Buch will er uns davon etwas beibringen (256 S., 18 Euro, Campus).

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Brigitte 26/2018

Wer hier schreibt:

Sonja Niemann
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