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Geld ausgeben: Warum es jetzt sinnvoll ist

Geld ausgeben: Geldscheine
© Vlad Ispa / Shutterstock
Konsumverzicht ist eine Tugend geworden – aber gerade in Krisenzeiten kann unsere Sparsamkeit andere die Existenz kosten, sagt Nikola Haaks.

Es war die WhatsApp meiner Hundesitterin, die mich kürzlich unfassbar wütend machte. Sie schrieb an alle ihre Kunden, sie würde trotz Corona weiterarbeiten, mit diversen Sicherheitsvorkehrungen, die sie an uns schickte. So weit, so gut. Doch dann las ich am Ende der Nachricht folgenden Absatz: "Wer die Betreuung für die nächsten vier Wochen aussetzt, sollte sich im Klaren sein, dass dieser Zeitraum für meinen kleinen Betrieb existenzbedrohend ist. Überlegt doch mal bitte, ob nicht wenigstens ein oder zwei Tage Hundebetreuung bei mir möglich sind."

Auch mal über den eigenen Tellerrand hinausschauen

Was mich daran so wütend machte? Ich konnte nicht glauben, dass es in unserem doch recht gut betuchten Stadtteil, in dem wir es uns immerhin leisten können, unsere Hunde tagsüber betreuen zu lassen, während wir im Büro oder anderswo sind, tatsächlich Menschen gab, die so gehandelt hatten.

Natürlich war auch mein allererster Gedanke gewesen: Homeoffice auf unbestimmte Zeit? Super, dann kann ich mir ja die Hundebetreuung sparen! Aber noch bevor dieser Gedanke komplett durch mein Hirn diffundiert war, schämte ich mich schon dafür. Mir war klar, dass genau das das Unsolidarischste wäre, was ich tun könnte, denn natürlich würde es meiner Hundesitterin finanziell das Genick brechen, wenn mehrere Menschen so dächten. Und dann musste ich einige Tage später lesen, dass anscheinend mehrere Menschen so dachten.

Helfen statt falschem Geiz

Ich würde mich nicht als besonders sozial engagiert bezeichnen, aber ich gehe grundsätzlich mit der Einstellung durchs Leben, dass Menschen wie ich, die einen festen Job und keine großen finanziellen Sorgen haben, nicht die Ersten sein sollten, die unnötig ihr Geld zusammenhalten sollten. Und das gilt noch mal mehr in dieser Krise.

Meine Putzfrau war der nächste Fall. Natürlich wäre es ein Leichtes gewesen, ihr abzusagen, um jeglichen Kontakt zu vermeiden, aber ich befürchte, dass sie auf das Geld sehr angewiesen ist. Ich verließ also das Haus, bevor sie kam, und ließ sie ihre Arbeit tun. Der nächste Schritt wäre, ihr zumindest auch ohne Putzen das Geld zu zahlen – so wie meine Kollegin Daniela es bei ihrer ehrenwerterweise macht. Und sie ist damit nicht die Einzige, das weiß ich.

So lange man es kann, sollte man jetzt Geld ausgeben.

Ich finde, so lange man es kann und nicht selbst stark in seiner Existenz bedroht ist, sollte man jetzt Geld ausgeben. Sollte die Menschen, die Restaurants, die Läden unterstützen, die einem sonst das Leben schöner machen. Oder überhaupt erst möglich – so wie meine Hundesitterin.

Ich saß kürzlich mit einer Freundin zusammen – im Garten mit genügend Abstand natürlich – und wir sprachen über verschiedene Gefühle, die diese Zeit in uns auslöst. Sie sagte, das Schöne sei ja dieser Konsumverzicht! Man könnte nichts kaufen, aber man bräuchte ja auch nichts, weil man nur noch so wenig vor die Tür gehe. Ich ging im Kopf die Online-Bestellungen durch, die ich in den letzten Tagen nicht allzu knapp getätigt hatte und sagte: "Halt, völlig falscher Gedanke! Jetzt musst du doch gerade kaufen!" Zur Not eben online. Ich weiß, soll man nicht, normalerweise. Total klar. Aber ganz ehrlich: Wo soll denn das hinführen, wenn wir jetzt kein Geld mehr ausgeben? (PS: Der DHL-Bote bekommt selbstverständlich jedes Mal Trinkgeld von mir!)

Ich bin wahrlich keine große Aktivistin, aber sollte ich auf die Idee kommen, demnächst eine Kampagne zu starten, weil es mir im Homeoffice vielleicht doch zu langweilig wird, dann hieße sie: Shoppen gegen Corona.

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BRIGITTE 10/2020

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