Geschlechtersensible Sprache - ist das so wichtig?

Vielleicht nicht. Für den Sprachwissenschaftler Prof. Dr. Anatol Stefanowitsch ist das trotzdem kein Argument gegen geschlechtersensible Sprache.

BRIGITTE: Der Bundesgerichtshof hat entschieden: Banken dürfen Frauen weiterhin mit männlichen Bezeichnungen ansprechen, also als Kunde statt als Kundin. Wie bewerten Sie das Urteil?
Prof. Dr. Anatol Stefano-Witsch: Aus juristischen Gründen mag man es vielleicht nachvollziehen, aber eigentlich geht es doch um eine symbolische Frage: Wollen wir, dass unsere Kundinnen sich genauso angesprochen fühlen wie unsere Kunden?

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Selbst wenn dort nur Kunde steht, wissen Frauen doch, dass sie gemeint sind.
Aber mitgemeint ist nicht dasselbe wie direkt gemeint. Das generische Maskulinum ist eben nur ein Maskulinum. Frauen sind zwar von klein auf daran gewöhnt, einen Augenblick nachdenken zu müssen, ob sie auch gemeint sind; deswegen fällt es nicht mehr auf. Da hilft eine Perspektivumkehr: Als die Uni Leipzig ihre Satzung vor ein paar Jahren in eine ausschließlich weibliche Form brachte, gab es große Aufregung. Sobald die Tradition kippt, dass Männer der Normalfall sind, sieht man, wo das Problem liegt.

Diese Reaktionen zeigen: Erzwingen kann man geschlechtersensible Sprache nicht.
Im Allgemeinen ist es besser, wenn die Einsicht langsam wächst. Ich denke jedoch, die Akzeptanz für gerechtere Sprache ist viel größer als gedacht, und unsere Gewohnheiten haben sich ja auch schon sehr stark verändert. Als Angela Merkel das erste Mal gewählt wurde, hat man zum Beispiel noch darüber diskutiert, ob man sie nun Bundeskanzler oder Bundeskanzlerin nennt.

Und das dritte Geschlecht - muss man das nicht auch berücksichtigen?
Geschlechtsneutrale Formulierungen sind sicher das Beste, also etwa "die Studierenden" oder "Wer am Straßenverkehr teilnimmt ..." Wo das nicht möglich ist, sind Doppelformen wie Kunde/Kundin zumindest ein guter erster Schritt. Man kann in Sprache immer nur zu einem gewissen Grad eingreifen.

Neulich habe ich gelesen "liebe Mitgliederinnen". Das ist dann schon absurd.
Oder schlicht ein Versehen, das nur im Plural passiert. Wegen der Endung -er und weil man so daran gewöhnt ist, "Lehrerinnen und Lehrer", "Bürgerinnen und Bürger" zu sagen. Manchmal geht es aber auch darum: "Das Mitglied" ist sprachlich neutral, aber trotzdem klingt "unser neuestes Mitglied kam mit seiner Frau" normaler als "unser neuestes Mitglied kam mit seinem Mann". Um diese starke nichtsprachliche Dominanz des Männlichen sichtbar zu machen, kann man auch mal ganz bewusst "Mitgliederinnen" verwenden. Ähnliches gilt oft für Formen mit Unterstrich, Sternchen oder was es da noch gibt. Die sind nicht immer dafür gedacht, verwendet zu werden, sondern sollen explizit stören, damit auffällt, wie problematisch der normale Sprachgebrauch sein kann. 

Ist Sprache für Sie denn der Schlüssel zu einer gleichberechtigteren Welt?
Nein, das die materielle und rechtliche Gleichstellung. Sprache ist ein Baustein. Und die Gleichstellung ist erst abgeschlossen, wenn es sprachliche Gleichheit gibt.

Anatol Stefanowitsch ist Professor für Linguistik an der Freien Universität Berlin und Autor des Buches "Eine Frage der Moral. Warum wir politisch korrekte Sprache brauchen" (Dudenverlag).

Brigitte 11/18

Wer hier schreibt:

Antje Kunstmann
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