Gier: die Fahndung nach einem Gefühl

Wie unsere Konsumgesellschaft die Todsünde der Habgier fördert - ein Gespräch mit der Tübinger Theologin und Psychologin Dr. Beate Weingardt

BRIGITTE: Gier wurde in der Psychologie bisher wenig beachtet - warum?

WG-Casting: Junge Frau sitzt lächelnd auf einem Sofa in der Küche

DR. BEATE WEINGARDT: DR. BEATE WEINGARDT: Weil die Gier in der psychologischen Praxis nicht auftaucht. Es gibt keinen Menschen, der von sich sagt: Mein Problem ist, dass ich habgierig bin. Im Gegenteil, das Phänomen des Habenwollens ist doch gar nicht verwerflich in unserer Konsumgesellschaft, sondern anerkannt. Wenn einer sagt, ich will Millionär werden, finden das alle toll. Wer die Gier aber schon immer problematisiert hat, war die Kirche. Habgier ist eine der sieben Todsünden. Sie ist eine Art Sucht, die den Menschen völlig ausfüllen und gefangen nehmen kann.

BRIGITTE: Woher kommt diese Sucht?

DR. BEATE WEINGARDT: Der Besitz, den die Gier unmittelbar nach sich zieht, deckt scheinbar viele Grundbedürfnisse des Menschen ab. Sicherheit, auch das Bedürfnis nach Anerkennung und Macht, nach Exklusivität, nach Besonderheit und nach Genuss. Haben macht attraktiv und stärkt das Selbstwertgefühl: Ich bin ein wertvoller Mensch, wenn ich Werte anhäufe. Auch wenn man schlimme Katastrophen trotzdem nicht verhindern kann, denn die passieren auf zwischenmenschlicher Ebene. Was nützt den Leuten Geld, wenn sie einsam oder krank sind? Seine Gier zu befriedigen ist ja nur ein momentaner Genuss, der ablenkt von der großen Leere.

BRIGITTE: Heißt das, Habgierige wissen nicht, was sie tun? Wie die Moderatorin Andrea Kiewel, die ihre Weight-Watchers-Erfolge pries, ohne dass jemand ahnte, dass sie einen PR-Vertrag mit der Firma hatte. Oder Kurt Biedenkopf, der bei Ikea einen Sonderrabatt aushandeln wollte und sich damit lächerlich machte . . .

DR. BEATE WEINGARDT: Zumindest Biedenkopf hat nicht gemerkt, dass er damit sein Ansehen ruiniert. Habgier ist etwas Irrationales, was von den Leuten selbst nicht kritisch reflektiert wird. Sie wird vom Unterbewusstsein gesteuert. Wer habgierig ist, äußert sich auch nicht dazu oder findet pseudorationale Gründe dafür. Ein Steuerhinterzieher, wie Herr Zumwinkel zum Beispiel, wird vermutlich sagen: "Ich bezahle doch trotzdem noch viele Steuern." Argumente, denen man anmerkt, dass diese Menschen ihr Tun nicht zu Ende denken und sich nicht fragen: Was habe ich eigentlich von meiner Habgier? Was habe ich davon, wenn ich so viel Geld anhäufe?

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BRIGITTE: Warum endet die Gier nicht, wenn unsere Bedürfnisse gesättigt sind?

DR. BEATE WEINGARDT: Wer sagt denn, was genug ist? Wir vergleichen uns ständig, und wir vergleichen uns immer nach oben. In dem Moment, in dem wir zum Beispiel ein Haus haben, drehen wir uns um und sehen: Hoppla, der andere hat ein größeres. Es gehören sehr viel innere Unabhängigkeit und Selbstbewusstsein dazu, um zu sagen: Mir reicht, was ich habe.

BRIGITTE: Man kann also nicht eingrenzen, ab wann jemand wirklich gierig ist?

DR. BEATE WEINGARDT: Ich fände es sogar gefährlich, Gier erst ab einem bestimmten Umfang zu definieren. Wenn Reiche gierig sind, kommt einem das nur grotesker vor als bei Armen, weil man sich sagt: Die haben doch schon alles. Aber wo Reichtum beginnt, kann keiner sagen.

BRIGITTE: Was hat Geiz mit Gier zu tun?

DR. BEATE WEINGARDT: Viel. Geiz und Gier gehören zusammen. Schnäppchenjagd ist für mich totales Gier- Verhalten. Diese Schnäppchenmentalität - darauf fällt jeder herein, ganz egal, ob er etwas braucht oder nicht.

BRIGITTE: Aber keiner würde sich selbst als gierig bezeichnen, als geizig schon eher.

DR. BEATE WEINGARDT: Nein, auch nicht als geizig, eher als clever. In unserer Gesellschaft gelten Haben, Sparen, Wenigausgeben, Vielkassieren, Mehrhaben als Varianten von schlau und klug.

BRIGITTE: Warum sind manche Menschen habgierig? Aus sportlichem Ehrgeiz? Oder ist es die Gelegenheit, die sie gierig macht?

DR. BEATE WEINGARDT: Beides - wobei auch die Werbung und die Medien eine große Rolle spielen. Unendliche Vergleichsmöglichkeiten stacheln die Habgier systematisch an. Jetzt spricht die Theologin in mir, aber ich denke, der Mensch braucht einen Sinn im Leben und eine Identitätsgrundlage: Was macht mich wertvoll? Der Mensch braucht etwas, in das er sein Herzblut investiert. Und wenn er das Herzblut nicht in Menschen oder ideelle Ziele investiert, dann sucht er sich etwas Greifbares. In dem Maß, in dem menschliche Beziehungen oberflächlicher werden, nimmt die Gier zu. Viele Männer in Toppositionen leben in einer permanenten Vernachlässigung von Beziehungen, Frauen, Kindern, Freunden.

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BRIGITTE: Gibt es Unterschiede zwischen männlicher und weiblicher Gier?

DR. BEATE WEINGARDT: Grundsätzlich sicher nicht - denken Sie an das Märchen vom Fischer und seiner Frau, die immer mehr will und am Ende mit ihrer Gier alles zerstört. Doch tendenziell gründen Frauen ihr Selbstwertgefühl mehr als Männer darauf, dass sie in guten und harmonischen Beziehungen leben.

BRIGITTE: Macht, Geld und Einfluss sind Männern mehr wert als Frau und Kinder?

DR. BEATE WEINGARDT: Noch immer - allerdings nicht bei allen. Ein Mann wird nicht hoch geschätzt, wenn er nachmittags nach Hause geht, um Zeit mit seinen Kindern zu verbringen. Sondern wenn er sagt: Die Familie muss zurückstecken. Ein Chefarzt sagte mir einmal, bei ihm mache keiner Karriere, der seine Kinder abends noch wach sehen möchte.

BRIGITTE: Sind Frauen weniger habgierig, weil sie in weniger wichtigen Positionen sind?

DR. BEATE WEINGARDT: Nur wenige Frauen wollen in Positionen, in denen sie ihre Kinder kaum sehen.

BRIGITTE: Ist der Verlust von zwischenmenschlichen Beziehungen die Kehrseite der Gier?

DR. BEATE WEINGARDT: Gierige Menschen sind oft nur mit ihresgleichen zusammen, eine exklusive Schicht. Je größer das Ansehen durch Besitz, desto weniger werden das menschliche Miteinander und die Solidarität. Gierige Menschen stehen ihrer Umgebung misstrauisch gegenüber, weil sie nie wissen, ob sie nicht beneidet oder ausgenutzt werden.

BRIGITTE: Kinder sind oft sehr gierig. Woher kommt das? Sichert Gier das Überleben?

DR. BEATE WEINGARDT: Die Gier ist ein angeborener Trieb oder ein Impuls, aber nicht unbedingt notwendig zum Überleben. Bei Kindern ist sie sehr sprunghaft, sie wollen die Schaufel im Sandkasten haben und geben sie auch wieder her, ohne lange zu überlegen. Kinder legen meist keine großen Vorräte an, sie sind impulsiv, wollen, was sie sehen, sofort haben, um es dann wieder zu vergessen.

BRIGITTE: Erwachsen werden heißt demnach auch, das Maßhalten zu lernen?

DR. BEATE WEINGARDT: Das gilt für alle angeborenen Impulse. Auch für den Impuls, sich zu rächen oder viel zu essen. Zivilisation und Kultur bedeuten aber, einen regulierenden Umgang mit seinen Trieben zu lernen. Sonst greifen Primitivität und Barbarei um sich. Habgier macht den Umgang mit der Schöpfung kaputt. Nehmen wir zum Beispiel die Massentierhaltung - ausschließlich profitorientiert. Der Anspruch, eine kultivierte Gesellschaft zu sein, und das "Wo-gibt's-das-billigste- Fleisch"-Kaufverhalten widersprechen sich völlig. Das ist barbarisch.

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BRIGITTE: Gibt es Positives an der Gier? Die Neugier, die Wissbegierde, die Lebensgier?

DR. BEATE WEINGARDT: Auch die Neugier ist etwas sehr Zwiespältiges. Im Grunde sehr oberflächlich. Wenn mich jemand neugierig fragt, wie es mir in meinem Job geht, merke ich meist sofort, ob es demjenigen um mich geht oder nur um Informationsgewinn. Auch die Wissbegier, was steckt dahinter? Mehr wissen als andere? Wenn es sonst nichts gibt, was einen im Leben ausfüllt, muss eine Nebensache wie die Gier zur Hauptsache gemacht werden.

BRIGITTE: Wie kann ich mich gegen meine eigene Gier schützen?

DR. BEATE WEINGARDT: Ziele im Leben suchen, immaterielle Werte. Dann rutscht das Habenwollen fast automatisch an den richtigen Fleck. Wenn ich sage, eine Wohnung ist zum Wohnen da und ein Auto zum Fahren. Mehr nicht. Die Dichterin Gertrud von Le Fort sagte: "Von allem, was ich hatte, blieb mir nur das Verschenkte." Ich glaube, dass das Leben seinen Sinn durch die Beziehung zu Gott, zu den Mitmenschen und zu sich selbst gewinnt. "Liebe Gott und deinen Nächsten wie dich selbst": Schon wenn du anfängst, darüber nachzudenken, bekommst du ein gewisses Bewusstsein für viele Dinge . . .

Dr. Beate Weingardt

BRIGITTE: . . . das Steuerhinterzieher nicht haben?

DR. BEATE WEINGARDT: Steuerhinterzieher zeigen uns, dass sie in ihrem Leben nichts anderes gefunden haben als das Besitzanhäufen. Eine armselige Lebensbilanz und ein armseliges Demokratieverständnis. Aber wenn Steuerhinterzieher schnell wieder rehabilitiert sind wie Otto Graf Lambsdorff nach der Flick-Affäre, dann hat sich das Risiko des Habenwollens doch fast gelohnt. Dabei wäre die einzig richtige Reaktion, sich zu schämen.

BRIGITTE Heft 09/08 Text: Marianne Moesle
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