Ich liebe meine Mutter - seitdem sie tot ist

Angelika erlebte ihre Mutter als grausame, unberechenbare Frau - und brach schon vor Jahren den Kontakt ab. Erst nach ihrem Tod sehnte sie sich nach einer Versöhnung. Ein Rückblick.

Seit Langem hatte ich mich gefragt, wie ich reagiere, wenn der endgültige Anruf kommt. Ob ich lachen oder vor Erleichterung aufatmen würde. Wie oft war ich davon überzeugt gewesen, dass ich an ihrem Grab stehen und mich freuen werde, dass sie endlich weg ist, für immer und unwiederbringlich.

Der Anruf kam an einem Novembersonntag, und als meine Schwester sagte: "Die Mama ist tot", bin ich einfach zusammengesackt und habe stundenlang geweint um die Frau, die meine Mutter war. Ich habe in dem Moment nicht um meine Mutter geweint. Sondern um unsere verpassten Chancen. Bis zuletzt hatte ich gehofft, sie würde sich bei mir entschuldigen, mir sagen, dass sie mich liebt. Nun war es zu spät. Ich wäre so gern von ihr geliebt worden.

Meine Mutter tat für jeden außerhalb der Familie alles Mögliche, um zu hören, wie toll sie sei. Nach außen hin spielte sie die Perfekte, und wir spielten mit. Innerhalb des Hauses war sie aber die Frau, die alles zu hassen schien. Und sie lebte das aus, auch an uns Kindern. Wenn ihr etwas nicht passte, schlug sie einfach zu. So bin ich groß geworden. Ich tat alles, um sie nur nicht zu reizen. Mein Stiefvater hat die Familie irgendwann verlassen; er konnte wenigstens gehen.

Hund im Laub

Meine Mutter war grausam.

An dem Tag, an dem sie mal hörte, wie stolz ich auf meine langen Haare sei, schnitt sie mir sie nachts im Schlaf ab. Da war ich zwölf. Als eine Freundin bei mir übernachten durfte, fragte sie mich, ob wir denn Spaß hätten. Ich sagte "Ja", und sie holte aus und gab mir eine Ohrfeige. "Jetzt kannst du wieder in dein Zimmer gehen und weiter Spaß haben." Da war ich elf.

Dann zwischendurch doch etwas wie Liebe, ganz unvermittelt. An eine Sache erinnere ich mich noch sehr gut: Zu meinem 14. Geburtstag schenkte sie mir eine wunderbare Kette, und ich dachte: Sie liebt mich doch. Ich war innerhalb eines Augenblicks bereit, ihr alles zu verzeihen, weil ich so glücklich war. Aber als sie meine Freude sah, nahm sie mir die Kette wieder ab und sagte, ich hätte sie nicht verdient.

Als ich später irgendwann den Film "Schindlers Liste" sah, wurde mir schlagartig klar, an wen mich der grausame Lagerkommandant Amon Göth erinnerte. Es war das gleiche Muster, das meine Mutter verfolgte. Willkür. Hass. Man konnte keine Regeln befolgen. Ich vermute, dass bei ihr selbst Grenzen überschritten wurden und sie dann selbst keine mehr kannte. Für uns Kinder war das nicht gesund. Meine drei Geschwister und ich konnten uns auf nichts und niemanden verlassen. Unsere Gefühle wechselten teilweise sekündlich.

Sie beleidigte und verhöhnte mich.

Als Kind zog ich mich immer mehr in Traumwelten zurück. Ich träumte von einem anderen Leben. Ich stellte mir vor, ich hätte eine gute Mutter, und hoffte immer, sie würde es noch werden. Irgendwann ließ ich sie nicht mehr an mich rankommen, zeigte keine Emotionen mehr.

Nachdem ich alt genug war, um auszuziehen, meldete ich mich erst mal nicht mehr bei ihr, legte auf, wenn sie anrief. Die Folge war, dass sie mich mit ihren Anrufen regelrecht terrorisierte, bis ich doch einknickte. Ich brachte ihr Geld, weil sie immer hohe materielle Ansprüche hatte und daher chronisch pleite war, ich bezahlte ihre Rechnungen und hörte dafür nie ein Danke. Sie beleidigte und verhöhnte mich. Ich war beruflich erfolgreich, sie wollte, so sagte sie mir, dass ich "in der Gosse lande". Ich ging immer zu ihr zurück. Weil sie mir leidtat. Weil sie ja meine Mutter war. Weil ich hoffte, sie würde sich noch ändern. Ich hatte ja gelernt, mit Schmerz umzugehen.

Doch dann, vor vielen Jahren, wurde ich krank, war in Therapie. Ich brach den Kontakt dann wirklich und endgültig ab. Danach ging es mir besser und besser. Ich atmete auf. Das Böse war unter Kontrolle.

Bis der Anruf kam.

Bekannte sprachen mir ihr Beileid aus, wünschten Kraft in dieser sehr schweren Zeit, ich dachte nur: Wenn die alle wüssten, wie sie war. Man konnte ja keinem die Wahrheit erzählen. Es war mir peinlich, dass nichts normal war. Dann das Gespräch mit dem Pfarrer. Was sollte er sagen? Meine Schwester und ich versuchten, ihm unsere Mutter zu erklären. Ich hatte das Gefühl, er dachte, wir übertreiben.

Wir suchten eine schöne Urne und einen schönen Baum in einem Begräbniswald aus. Trotz allem dachte ich: Wir müssen unsere Mutter gut unter die Erde bringen. Ich hielt mich an dem Satz "Das gehört sich so" fest. Ich brauchte wenigstens im Ablauf dieser Dinge Normalität, wollte alles so regeln, wie "normale" Familien das getan hätten.

Es war tatsächlich das erste Mal, dass in unserer Familie etwas nach geordneten Mustern ablief.

Auf einmal konnte ich sie mit anderen Augen sehen.

Dann waren wir in Mamas Wohnung. Ich ging in ihr Schlafzimmer, sah ihr Bett, da lag ihr Schlafanzug. Ich dachte: Es riecht nach Mama. Etwas stieg in mir hoch, das ich vorher nicht kannte. Es dauerte ein paar Minuten, bis ich draufkam, was es war: ein Gefühl von Liebe. Ich kann nicht erklären, warum. Ich weiß nur, dass es da war. So, als ob es jetzt möglich wäre. Jetzt, wo sie weg war.

Dann raste die Wut in mir los. Ich prügelte auf das Bettzeug ein, schrie, dass ich sie vermisse und immer wieder: "Warum?" Wieso hatte sie sich nicht helfen lassen? Warum hat sie nicht erkannt, dass da was falsch lief? Es hätte doch Möglichkeiten gegeben! Hätte ich ihr helfen können? Wenn ja, wie? Ich wusste es nicht. Ich wusste aber in diesem Moment, dass ich verzweifelt eine Mutter wollte. Eine richtige Mutter. Keine, der man Blumen mitbringen musste, damit man nicht geschlagen wurde. Ich wollte diese Mutter jetzt, sofort, auf der Stelle. Ich berührte jeden Gegenstand in der Wohnung. Ich wollte sie um alles in der Welt und mit Gewalt zurück. Damit wir von vorn anfangen konnten. Ich hoffte, irgendwo eine Nachricht an mich zu finden. Aber da war nichts. Gar nichts. Nur sie war überall.

Später, nachdem ich mich beruhigt hatte, schaute ich mir gemeinsam mit meiner Schwester alte Fotos an. Und auf einmal konnte ich meine Mutter mit anderen Augen sehen. Wie traurig sie auf vielen Bildern aussah. Wie viel sie trank. Vielleicht weil das der wirklich einzige Ausweg war, mit ihrer eigenen Geschichte fertig zu werden.

Ewige Wut oder Frieden schließen?

Mir wurde langsam klar, dass ich genau zwei Möglichkeiten hatte - entweder ich würde mein Leben lang mit dieser Wut herumlaufen, mich zermürben und aufreiben in der Erinnerung an das Böse, wütend sein über die Tatsache, dass ich keine richtige Mutter hatte. Oder aber ich machte meinen Frieden mit ihr. Akzeptierte, dass sie so war, wie sie war. Nahm die Tatsache an. Und liebte sie einfach. Es war ja auch einfacher - jetzt.

Vielleicht hatte sie sogar versucht, gut zu sein, aber es ist ihr nicht gelungen. Vielleicht hat sie deswegen zwischendurch, wenn auch nur ganz kurz, so was wie Liebe gezeigt. Die Antwort darauf wird sie mir nicht mehr geben können, aber ich habe mich für die zweite Möglichkeit entschieden. Auch weil - es klingt komisch, ist aber die Wahrheit - ich so dankbar dafür bin, dass sie mir nichts mehr tun, mich nicht mehr verletzen kann.

Ich male unser eigenes Bild in hellen Farben.

Ich machte meinen Frieden mit ihr. Es war sehr merkwürdig, und es hat eine Zeit lang gedauert, aber jetzt funktioniert es gut. Manchmal schaue ich abends in den Himmel und nicke ihr zu. Manchmal spreche ich auch mit ihr. Sage ihr, dass ich sie liebe. Das war sehr neu und ungewohnt, aber auch sehr schön. Ich male mir Kopfbilder, stelle mir vor, wie wir zusammen lachen, dass sie "Ich hab dich lieb" sagt, zeichne Szenarien, in denen wir ein wunderbares Mutter-Tochter-Verhältnis haben, in dem Liebe und Vertrauen, Fürsorge und Füreinander-da-Sein eine große Rolle spielen. Ich male unser eigenes Bild in hellen Farben. Gut möglich, dass es sehr schön wird.

Und ich schaue mir jeden Tag ein Foto von ihr an, das nun auf meinem Schreibtisch steht. Es zeigt sie 1962 auf Baltrum. Sie läuft in Shorts und Bluse mit einer Strandtasche und Blumen fröhlich lächelnd die Strandpromenade entlang.

Ich denke, dass sie da noch glücklich war.

Ich hoffe sehr, sie war es.

Und hoffe, sie ist es auch jetzt.

Widersprüchliche Gefühle: Das sagt die Psychotherapeutin

Nachgefragt bei Dr. Corinna Dieterich. Sie ist tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapeutin für Einzel- und Gruppentherapie und praktiziert seit 2002 in eigener Praxis in Hamburg.

BRIGITTE: Sollte man eine Mutter, die sich so grausam verhalten hat, trotz allem lieben - wenn auch, wie hier, erst nach dem Tod?

Corinna Dieterich: Ja. Und das kann sehr wichtig sein. Kinder haben oft die Begabung, liebevolle, wertschätzende Augenblicke des Miteinanders zu verinnerlichen und als großen Schatz zu bewahren. In der Trauerphase entsteht oft ein Emotionschaos aus Zuneigung, aber auch Hass, Groll und Schuldgefühlen. Wenn es einerseits den Wunsch „Frieden zu machen“ gibt, aber Hassgefühle empfunden werden, dann geht es um die Akzeptanz dieser widerstreitenden Gefühle. Bei vielen Menschen entsteht die Angst, dass die oft verwirrenden, widersprüchlichen und bedrohlichen Empfindungen nicht aushaltbar sind oder sogar schädigen können. Das Gegenteil ist oft der Fall. Bestattungsrituale können wesentlich zum inneren Abschied von den Verstorbenen beitragen, von unwiederbringlich verpassten Chancen, von unerfüllten Sehnsüchten. Die Autorin der Geschichte kann mittlerweile die Vergangenheit annehmen, die sie zu dem geformt hat, was sie nun ist. Mit dem, was gelungen ist, und dem, was sie entbehren musste.

BRIGITTE: Besteht die Gefahr, dass jemand mit solch einer Kindheitsgeschichte später genauso ein Mensch wird?

Niemand wird genauso wie seine Eltern. Aber durch so eine Beziehungserfahrung in der prägenden Kindheit entstehen innere Gefühlszustände und Verhaltensmuster, die sich auf die Gestaltung der eigenen Beziehungen auswirken. Oft kann sich bis in das Erwachsenenleben die Fähigkeit nicht ausreichend entwickeln, sich mit den eigenen Bedürfnissen wahrzunehmen, da viele Antennen auf die anderen gerichtet sind. So kann eine Selbstentfremdung entstehen. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Lebensgeschichte scheint mir entscheidend zu sein. Die Autorin hat diesen Weg gewählt. Sie hat eine Therapie gewagt. Sie ist zur Beerdigung der Mutter gegangen. Sie hat diesen Artikel geschrieben.

BRIGITTE: Wieso versuchen Menschen so oft, Erklärungen und Entschuldigungen dafür zu finden, wie die eigenen Eltern waren? Kann man nicht einfach wütend sein?

Beide Regungen sind bedeutsam. Auch wütend sein zu dürfen über das, was einem versagt oder auch angetan wurde, gehört zu dem Prozess dazu. Kein Mensch besteht nur aus dem, was ihm angetan worden ist. Lässt man sich auf die anstrengende Auseinandersetzung ein, kann es möglich werden, das Verpasste zu betrauern und wertschätzende, liebevolle Erlebnisse dankbar anzuerkennen.

Text: Angelika Müller (Name von der Redaktion geändert) Ein Artikel aus BRIGITTE 3/2016
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