Hallo, Krise, ich komme!

Da ist er wieder, der Herbst, dunkel, kühl, feucht, die Jahreszeit, die dem Körper mit Kälte und Nässe zusetzt - und der Seele mit Melancholie. Das muss aber nicht sein: Wie wir uns für die Herausforderungen des Lebens wappnen können, wenn wir in guten Zeiten unsere Stärken ausbauen.

Wer bereits jetzt eine verschnupfte Psyche hat, dem droht in den nächsten Monaten womöglich eine Stimmungs-Grippe. Gegen Erkältungen versuchen wir uns mit dicker Jacke, Teevorräten und Vitaminbomben zu schützen. Fragt sich: Kann man auch die Seele wappnen - am besten nicht nur für den nächsten Herbst, sondern für alle rauen Zeiten, für alle Krisen, die uns das Leben zumutet? Denn diese schweren Phasen kommen, so sicher wie der nächste Herbst. Und wie der Herbst, so haben auch sie ihre Zeit - und ihren Sinn.

Brief an alle "hässliche Frauen"

Gerade an den großen Lebenskrisen lässt sich das verdeutlichen. Ob die Pubertät, in der wir uns von zu Hause lösen und uns auf die Suche nach einer selbst gewählten Identität machen müssen, die Rushhour des Lebens, in der wir unsere Ziele oft ehrgeiziger stecken, als es unsere Kräfte erlauben, oder die Midlife-Crisis, in der wir Bilanz ziehen und uns neu orientieren: Alle diese Phasen bergen ihre eigenen Herausforderungen, führen uns auf unbekanntes Terrain, lassen uns straucheln, zweifeln, suchen, bis wir Antworten auf jene Fragen gefunden haben, die sich uns mit 15 oder 45 plötzlich das erste Mal stellen. Der Begriff "Krise" stammt aus dem Griechischen, er steht für "Entscheidung" oder "Wendepunkt": Nur wer eine Krise durchlitten und gemeistert hat, kommt weiter, als er vorher war, und ist bereit für die nächsten neuen Fragen.

Krisen werden begleitet von Unsicherheit und Orientierungslosigkeit, von Rückzug, Sorgen oder Trauer - beim einen mehr, beim anderen weniger, je nach Lebensumständen und Persönlichkeit. Wenn negative Emotionen chronisch werden, wenn sie den Alltag, die Beziehungs- und Leistungsfähigkeit dauerhaft beeinträchtigen, wenn Gespräche mit Freunden und Familie weder Erleichterung noch einen Ausweg bringen, sollte man sich professionelle Hilfe suchen.

Auf der nächsten Seite: Wir können die Stärken der Seele fördern

Ansonsten gilt: 1. Alles ganz normal; und 2. So wie ein starker Rücken auch schwerste Lasten heben kann, ohne zu verrenken, verkraftet die Seele Belastungen umso besser, je stärker sie ist. Und ihre Stärken können wir tatsächlich fördern. Das jedenfalls bestätigen erste Ergebnisse einer neuen, unveröffentlichten Studie, die Schweizer Wissenschaftler durchgeführt haben. Der Leiter dieser Studie, Willibald Ruch, ist Professor für Persönlichkeitspsychologie und Diagnostik am Psychologischen Institut der Universität Zürich und forscht im Bereich der Positiven Psychologie. Die Positive Psychologie - nicht zu verwechseln mit der Theorie des "Positiven Denkens", nach der Erfolg und Glück dem zuteil werden, der fest genug daran glaubt - ist ein Ende der 90er in den USA begründeter Wissenschaftszweig und beschäftigt sich mit der Frage, was in psychologischer Hinsicht ein gutes Leben ausmacht, welche psychischen Stärken dazu beitragen und wie man sie fördern kann.

Kurz: Statt sich dem Ergründen und Heilen seelischer Defizite zu widmen, konzentrieren sich Vertreter der Positiven Psychologie auf die Ressourcen. Wobei Ruch es ablehnt, von "Seele" zu sprechen - ein Begriff, der im Religiösen wurzelt und in der Wissenschaft nicht verwendet wird. "Was wir erfassen, auswerten und erforschen können, ist das Denken, Empfinden und Verhalten einzelner Personen. Dabei hat sich gezeigt, dass Menschen ihr Leben als umso lebenswerter empfinden und auch in Krisen umso stabiler reagieren, über je mehr und ausgeprägtere positive psychische Eigenschaften sie verfügen: die so genannten Charakterstärken, die zusammen das ausmachen, was wir einen guten Charakter nennen." Aber was genau ist ein guter Charakter?

Die klassische Psychologie ging seit den 30er Jahren davon aus, dass Persönlichkeitsmerkmale nicht nach moralischen Kriterien in "gut" oder "schlecht" eingeteilt werden können. Weil sie erstens ambivalent, also mehrdeutig sind: So können die Kehrseiten eines sehr großen Selbstbewusstseins Egoismus und Überheblichkeit sein. Zweitens hängt eine solche Bewertung immer auch davon ab, inwieweit ein bestimmtes Merkmal sozial erwünscht ist oder nicht: Was gestern noch von der Mehrheit der Gesellschaft als aufdringlich empfunden wurde, gilt heute weithin als offenherzig.

Auf der nächsten Seite: Zufrieden durch Tatendrang, Hoffnung, Liebe, Dankbarkeit, Neugierde, Ausdauer und Humor

Die Positive Psychologie jedoch hat herausgefunden, dass es durchaus seelische Merkmale gibt, die weltweit und in allen Kulturen als ausschließlich positiv gelten. Diese sechs Tugenden heißen: Wissen, Mut, Menschlichkeit, Gerechtigkeit, Mäßigung und Transzendenz. Jeder dieser Tugenden werden Eigenschaften zugeordnet, von denen es laut Definition der Positiven Psychologie ebenfalls kein Zuviel geben kann - die Charakterstärken.

Zu den Stärken, die unsere Lebenszufriedenheit besonders nachhaltig beeinflussen, gehören Tatendrang, Hoffnung, Liebe, Dankbarkeit, Neugierde, Ausdauer und Humor. Im Gegensatz zum Temperament eines Menschen seien die Charakterstärken nicht qua Geburt festgelegt, so Willibald Ruch: "Wie die meisten psychischen Merkmale hat der Charakter zwar eine genetische Basis, wird dann aber von der Umwelt und den Lebensumständen immer weiter ausgeprägt.

Das bedeutet: Der Charakter ist nicht in Stein gemeißelt, er kann sich verändern, durch bewusstes Training ebenso wie durch unbewusst verarbeitete Erlebnisse." So könnten selbst traumatische Erfahrungen zu besonders ausgeprägten Charakterstärken führen. Amerikanische Probanden wiesen kurz nach dem 11. September 2001 besonders hohe Werte in den Bereichen Dankbarkeit, Hoffnung, Freundlichkeit, Bindungsfähigkeit, Spiritualität und Teamwork auf.

Der Körper mobilisiert spezielle Abwehrkräfte, wenn er von Krankheitserregern angegriffen wird; offensichtlich verfügt auch die Psyche über ein Immunsystem, das auf Bedrohliches reagiert. Dieses Immunsystem können wir vorbeugend stärken: Auf Seite 138 dieses Dossiers finden Sie dazu eine Auswahl an Übungen. "Das Training ist kein Ersatz für eine Therapie bei ernsthaften psychischen Krisen", so Willibald Ruch. "Aber es hilft, in guten Zeiten Ressourcen aufzubauen für zukünftige Herausforderungen." Damit die Seele fit ist für den Dauerlauf namens Leben.

Text: Julia Karnick ein Artikel aus der BRIGITTE 23/08
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