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Psychologie Harvard-Professor enthüllt das Geheimnis eines glücklichen Lebens

Psychologie: Eine glückliche Frau liegt im Gras und schaut in den Himmel
© Dirima / Shutterstock
Erfolg? Liebe? Macht? Reichtum? Was brauchen wir wirklich, um ein glückliches Leben zu führen? Harvard-Professor Robert Waldinger will die Antwort haben.  

Nach Meinung des griechischen Philosophen Platon müssten sich, damit wir ein glückliches Leben führen können, unsere drei Seelenteile, Vernunft, Wille und Begehren, im Einklang miteinander befinden bzw. jeweils das tun, was ihre Aufgabe ist: Die Vernunft herrschen, der Wille dafür sorgen, dass wir ihren Anweisungen folgen, und das Begehren die Energie liefern, die uns antreibt – idealerweise durch den Willen im Zaum gehalten in die Richtung, die unsere Vernunft uns vorgibt.   

Knapp 2.500 Jahre und unzählige Forschungen, Theorien und Beobachtungen über das Glück später ist klar: So bereichernd, schlüssig und wahr Platons (hier sehr stark vereinfacht und verkürzt dargestellte) Seelenlehre sein mag, die Frage, was ein glückliches, gelingendes Leben ausmacht, hat sie offenbar nicht erschöpfend beantwortet. Und das war wahrscheinlich auch Platon selbst schon damals klar.

Harvard study of adults development: 80 Jahre Daten über Sorgen und Glück

Der Harvard-Professor und Psychiater Robert Waldinger setzt sich mit der Frage nach einem glücklichen, guten Leben bereits seit einigen Jahrzehnten aus psychologischer Sicht auseinander. Als vierter Leiter der "Harvard study of adults development" (Harvard-Studie der Erwachsenenentwicklung) kann er sich dabei außerordentlich aussagekräftiger Daten bedienen: Im Rahmen dieser einzigartigen Langzeitstudie beobachten und befragen Forschende eine Gruppe von Männern seit 1938 kontinuierlich auf ihrem Lebensweg. Von den ursprünglich 724 Versuchspersonen sind heute noch 60 am Leben, allerdings wurde der Kreis der Proband:innen mittlerweile um mehr als 2000 Kinder und einige Partnerinnen der Originalkandidaten erweitert. 

Anhand der Daten, die übrigens nicht nur mithilfe von Fragebögen gesammelt werden, sondern auch in zusätzlichen, persönlich geführten Gesprächen, können die Psycholog:innen genau nachvollziehen, wie die Leben ihrer Versuchspersonen verlaufen (sind). Welche Krisen mussten sie meistern? Wie (gut) meisterten sie sie? Welche Sorgen begleiteten sie? Wie erfolgreich waren sie im Job, ihrer Ehe? Wie fühlen sie sich unter welchen Umständen? Kurz: Sie können unheimlich viel über Menschen herausfinden. In einem millionenfach gestreamten TED-Talk teilte Robert Waldinger nun eine seiner wesentlichen Beobachtungen:

Die wichtigste Botschaft, die wir aus der 75-jährigen Studie erhalten, ist: Gute Beziehungen machen uns glücklicher und gesünder. Punkt.

Ob es Freundschaften sind, Partnerschaften oder verwandtschaftliche Beziehungen, spielt dabei offenbar keine oder allenfalls eine untergeordnete Rolle. "Es zeigt sich, dass Leute, die sozial verbunden sind, mit ihrer Familie, mit Freunden, mit der Gemeinschaft, glücklicher und gesünder sind und leben länger als Leute, die weniger gute Beziehungen haben", so der Psychiater. Dagegen fühlten sich Menschen, die einsamer sind, als sie sein wollten, weniger glücklich: "Ihre Gesundheit verschlechtert sich früher in ihrer Lebensmitte, ihre Gehirnfunktion lässt eher nach und sie sterben früher als Menschen, die nicht einsam sind."

Qualität statt Quantität: Wen könntest du mitten in der Nacht anrufen?

Robert Waldinger betont dabei, dass nicht die Quantität unserer sozialen Verbindungen entscheidend sei, sondern ihre Qualität. Um diese einzuordnen, nannte er im Gespräch mit dem Psychologen Dr. Leon Windscheid, aus dem Auszüge im Podcast "Betreutes Fühlen" erschienen sind, folgendes Kriterium: Wie viele Menschen kennst du, die du mitten in der Nacht anrufen könntest, wenn es dir schlecht ginge oder du Angst hättest? Wem auf diese Frage mindestens eine Person einfällt, sei laut dem Experten signifikant glücklicher als jemand, der keinen einzigen Namen nennen kann. "Ein gutes Leben besteht aus guten Beziehungen", so Waldinger. Nicht aus vielen.

Diese Beobachtung aus der Harvard-Studie mag auf den ersten Blick tatsächlich so naheliegend für einige von uns erscheinen, dass sie nicht sonderlich beeindruckt – und dass die Botschaft, die wir daraus ableiten könnten, nicht ankommt. Schließlich ist es ja allzu einleuchtend: Natürlich fühlen wir uns glücklicher, wenn wir Menschen in unserem Leben haben, mit denen wir gerne Zeit verbringen, auf die wir hundertprozentig zählen können, die uns kennen, verstehen und lieben. Hätten wir auch ohne Studie drauf kommen können.

Aber wenn es doch so klar ist: Warum investieren trotzdem einige Menschen zum Beispiel mehr Energie in ihre Karriere als in ihre Freundschaften? Warum verbringt auch nur eine Person Abende im Büro statt mit einem Freund oder ihrem Partner? Warum priorisiert jemand einen Besuch im Fitnessstudio höher als den Besuch einer guten Freundin im Krankenhaus? Wenn enge Beziehungen der zentrale Faktor für echtes, langfristiges Glück sind, wäre es sinnvoll, unsere Freundschaften, Partnerschaften, Verhältnisse zu Eltern und Geschwistern über alles andere in unserem Leben zu stellen. Und wer weiß? Vielleicht bringt ja, das bei unseren Entscheidungen und Prioritäten zu beherzigen, auch unsere drei Seelenteile leichter miteinander in Einklang.

Verwendete Quellen: Podcast "Betreutes Fühlen", ted.com

sus Brigitte

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