Hasskriminalität: Ein Opfer wehrt sich

Die Autorin Sibel Schick hat eine Online-Petition zum besseren Schutz von Opfern von Hasskriminalität gestartet. Sie selbst wird seit Jahren attackiert – und das nicht nur im Internet. 

So aggressiv wie jetzt war der Ton im Netz noch nie. Und besonders heftig trifft der Hass Frauen, die sich politisch äußern. Manche, wie die Autorin Margarete Stokowski, trauen sich, über die Morddrohungen öffentlich zu reden. Andere versuchen, zivilrechtlich gegen ihre Trolle vorzugehen, scheitern dabei aber oft daran, die Rechtswidrigkeit der Postings zu belegen, wie es Renate Künast gerade erlebt. Wieder andere ertragen die Hetze irgendwann nicht mehr, ziehen sich zurück. So wie die sächsische Bürgermeisterin Martina Angermann, die kürzlich ihr Amt niederlegte.

Wie kann Hasskriminalität bekämpft werden? Aufgeschreckt durch den Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke hat die Regierung nun zwei Gesetzesentwürfe vorgelegt. Der Autorin Sibel Schick, selbst vielfaches Ziel von Hetzattacken, greifen die zu kurz. Sie hat im Dezember eine Petition gestartet, in der sie unter anderem härtere Strafen fordert und ein klares Vorgehen gegen "Doxing": Dabei recherchieren Trolle die persönlichen Daten ihrer Opfer und stellen sie ins Netz. Mit beängstigenden Folgen, wie Schick erlebt hat.

BRIGITTE: 2018 wurden Ihre Daten gedoxt. Wie kam es dazu?

Sibel Schick: Ein Blogger hatte einen wütenden Text über mich auf faz.net veröffentlicht und darin auf meinen Twitter-Account und die Website des Vereins verlinkt, bei dem ich damals arbeitete. Das hat Tausende gegen mich mobilisiert. Erst gab es einen Shitstorm auf Twitter mit Selbstmordaufforderungen. Dann riefen aufgebrachte Männer bei dem Verein und den Ministerien an, die den Verein finanzieren, beschwerten sich über mich. Monate später bekam ich massenhaft Werbung und Essen nach Hause geliefert, obwohl ich nichts bestellt hatte.

Die Trolle wussten also, wo Sie wohnten.

Ja. Keine Ahnung, wie sie das herausgefunden haben. Doch wenn so was passiert, wirst du panisch. Nichts ist erschreckender, als wenn jemand, der findet, du wärst besser tot, weiß, wo du nachts schläfst.

Sind Sie zur Polizei gegangen?

Nein. Ich dachte: Bringt sowieso nichts. Heute weiß ich: Stimmt. Die Polizist*innen, mit denen ich bei späteren Hasskampagnen zu tun hatte, waren zwar nett. Aber sie checkten nicht, wie die Trolle vernetzt sind, wie ein Massenangriff funktioniert, wie man die Täter identifiziert. Fast alle Anzeigen, die ich gestellt habe, wurden eingestellt: Der Verfasser der Drohungen sei nicht ermittelbar. Einmal habe ich dann selbst recherchiert und sehr wohl Klarnamen und Standort gefunden. Doch das kostet natürlich Zeit, die die Beamt*innen nicht haben, weil sie so unterbesetzt sind. Wenn wir Hasskriminalität bekämpfen wollen, muss sich das dringend ändern. Derzeit wird ein Gesetzesentwurf diskutiert, der die Netzwerkanbieter verpflichten will, gemeldete Morddrohungen samt IP-Adressen direkt ans Bundeskriminalamt weiterzureichen.

Würde das helfen?

Nicht wenn es auch dort zu wenig Personal gibt. Dazu kommt: Ich will nicht, dass theoretisch jede IP-Adresse ans BKA gemeldet werden kann. Seit 2017 ist das Netzwerkdurchsetzungsgesetz in Kraft, an dem kann man gut sehen, dass solche Maßnahmen auch die Falschen treffen können: Danach reicht es aus, dass Nutzer*innen bestimmte Accounts beim Netzwerkanbieter melden, damit sie gelöscht werden. Inzwischen nutzen das aber vor allem Trolle, um Leute mit anderen Meinungen auszuschalten.

Das Gesetz soll jetzt nachgebessert werden.

Ja, die Nutzer*innen sollen leichter gegen die Entscheidungen der Netzwerkanbieter vorgehen können. Das ist gut. Aber ein Grundproblem bleibt: Die ganzen Neuerungen, die jetzt diskutiert werden, definieren "Hasskriminalität" zu vage. Frauenfeindlichkeit etwa kommt als Kriterium nicht vor. Dabei belegen Studien, dass gerade gegen Frauen immer mehr gehetzt wird. Besonders hart trifft es Menschen wie mich, die in mehrfacher Hinsicht marginalisiert sind, also nicht nur durch ihr Geschlecht, sondern zum Beispiel auch durch ihre vermeintliche Herkunft oder ihre sexuelle Identität. Das müsste sich in den Gesetzen viel stärker spiegeln.

Was half Ihnen bei der Attacke selbst am meisten?

Die Reaktion anderer Nutzer*innen, die mitbekamen, dass ich angegriffen wurde. Sie zeigten sich öffentlich solidarisch, boten Hilfe an. So erfuhr ich, dass viele ähnliche Erfahrungen mit dem Blogger gemacht hatten und dass ich es mit einem Phänomen namens "Sifftwitter" zu tun hatte, einem Mob, der sich gezielt Leute herauspickt, um sie fertigzumachen. Ich selbst habe daher keine Reaktion auf die Attacke gezeigt, das hätte die Trolle nur animiert.

Sind Sie seitdem vorsichtiger?

Im Netz nicht. Drohungen kriege ich deshalb immer wieder, oft so formuliert, dass alle wissen, was gemeint ist, man juristisch aber nichts machen kann. "Ab ins Glas" etwa statt "Ab ins Gas". Im echten Leben passe ich aber schon mehr auf. Letztes Jahr erhielt ich mehrere Morddrohungen und habe in einem Interview darüber berichtet. Eine Person des öffentlichen Lebens hat mir daraufhin eine Beratung durch einen privaten Sicherheitsdienst spendiert. Das half. Auch dass ich seit Kurzem von der Organisation HateAid unterstützt werde. Sie zeigen die Hasspostings in meinem Namen an.

Das klingt fast, als seien Solidarität und Zivilcourage wirkungsvoller als neue Gesetze.

Alles muss gleichzeitig passieren. Härtere Strafen könnten abschrecken. Und würde der Staat zum Beispiel einen Betroffenenfonds einrichten, könnte der Menschen wie mich finanziell unterstützen, falls Trolle Adresse oder Arbeitsstelle doxen und man deshalb Wohnort oder Job wechseln muss.

Sibel Schick, 34, wurde in der Türkei geboren, zog 2009 nach Deutschland und lebt heute in Leipzig. Als Autorin, Youtuberin und Podcasterin beschäftigt sie sich vor allem mit Feminismus und Rassismus. Auf der Plattform WeAct fordert sie schärfere Strafen für Trolle, Hetzer und Hater.

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BRIGITTE 06/2020

Wer hier schreibt:

Kristina Maroldt
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