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Hikikomori Das japanische Phänomen der Isolation

Hikikomori: Frau sitzt im Dunkeln am Fenster
© kenchiro168 / Shutterstock
Der Film "1000 Arten Regen zu beschreiben" machte bereits 2018 auf ein Phänomen namens Hikikomori aufmerksam. Was dahinter steckt, erklären wir hier. 

Die Coronakrise hat viele Menschen dazu gezwungen, viel Zeit zu Hause zu verbringen und auch ihre Work-Life-Balance ganz schön durcheinandergebracht. Es gibt jedoch Menschen, die begeben sich freiwillig in soziale Isolation – schon lange vor Corona. In Japan existiert ein eigener Namen für sie: Hikikomori.

Was bedeutet Hikikomori?

Das Phänomen und der Begriff stammen aus Japan und stehen für den sozialen Rückzug, die Isolation im eigenen Zuhause für 6 Monate, manchmal auch für Jahre. Die Betroffenen verlassen ihre Wohnung oder gar ihr Zimmer nicht oder nur kaum, sehen höchstens ihre Familie und scheuen Kontakte zu anderen, außer vielleicht in virtuellen Chats. Häufig leben sie auch im Erwachsenenalter noch zu Hause bei ihren Eltern, die weiterhin für sie sorgen.

Gründe für den sozialen Rückzug unklar

Warum die Menschen die Isolation wählen, ist nicht wirklich erforscht. Als Grund wird vermutet, dass es die hohen Erwartungen in der Gesellschaft sind, die die Menschen überfordern. Wie Deutschlandfunk Kultur berichtet, sieht die gelernte Krankenschwester und Gründerin der Hilfsorganisation "Hidamari", Miho Goto, Mobbing und familiäre Probleme als häufige Auslöser an, unter Umständen gefolgt von Depressionen. Sie versucht mit ihrer Organisation den Hikikomori zu helfen und ihnen eine Anlaufstelle zu bieten, um langsam wieder ins gesellschaftliche Leben zurückzugelangen.

Grundeigenschaften und psychiatrische Faktoren

Das Phänomen ist noch nicht weitreichend erforscht. Die beiden Wissenschaftlerinnen Roseline Yong und Kyoko Nomura werteten eine Studie mit über 3200 Probanden zwischen 15 und 39 Jahren, die zufällig aus 200 unterschiedlichen Orten in Japan ausgewählt wurden, aus. Demnach trafen die Hikikomori-Kriterien auf etwa 1,8 Prozent (58) der Teilnehmer zu, 41 Prozent davon lebten seit mehr als drei Jahren als Hikikomori. Der Männeranteil war mit 65,5 Prozent deutlich höher als der Frauenanteil.

Über die assoziierten Grundeigenschaften der Hikikomori fanden die beiden noch folgendes heraus:

  • Die Hikikomoris brachen eher die Schule ab,
  • hatten eher schon psychiatrische Behandlungen,
  • haben ein höheres Suizidrisiko als Nicht-Hikikomori,
  • sind auch eher anfällig für Süchte und
  • haben Schwierigkeiten im zwischenmenschlichen Bereich. So gab ungefähr die Hälfte an, Angst davor zu haben, Menschen zu treffen, die sie kennen (48,3 Prozent) oder Angst davor zu haben, was Menschen über sie denken (51,7 Prozent).

Doch diese Teilnehmer sind nur ein Ausschnitt des Phänomens: Man schätzt die Zahl der Einsiedler, unabhängig vom Alter, auf insgesamt über eine Million. Und es ist kein japanisches Problem. Es sind bereits Fälle aus den verschiedensten Teilen der Welt bekannt, z. B. aus dem Oman, aus Spanien, Kanada, Frankreich, Brasilien und den Vereinigten Staaten von Amerika.

Hikikomori in Deutschland?

Ob und wenn wie viele extreme Einsiedler es in Deutschland gibt, ist unklar. Hierzulande wird eher eine Sozialphobie diagnostiziert, wenn Menschen z. B. zwischenmenschliche Kontakte aus Angst vermeiden oder sie fürchten sich in der Öffentlichkeit zu sprechen und zu essen oder andere Interaktionen mit fremden Kontakten scheuen. Diese kann zu Vermeidungsverhalten führen, wie bspw. Ausreden zu finden, um das Haus nicht mehr verlassen zu müssen. In Deutschland sind etwa 1,7 Millionen Menschen von einer Sozialen Phobie betroffen (Stand 2015). Behandelt wird sie häufig mithilfe einer Psychotherapie und mit Medikamenten. Zudem finden Betroffene auf der Website des Selbsthilfeverbands für Soziale Phobie (VSSP e. V.) eine Übersicht von Selbsthilfegruppen.

Quellen

Deutschlandfunk Kultur

frontiersin.org

gbe-bund.de

jd

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