Die Grenze zum zweiten Drittel des Lebens
Hektisch. Unsicher. Schlechtgelaunt. Mindestens eins dieser wenig entzückenden Gefühle lässt die Vorfreude auf den 30. Geburtstag bei den allermeisten minimal ausfallen. Die einen schicken Party-Einladungen mit der Betreffzeile "Das letzte Mal feiern". Die anderen würden am liebsten beim Einwohnermeldeamt den Personalausweis ändern lassen, forever 29.
Dabei sehen die beiden Ziffern 3 und 0 so harmlos aus! Doch in Kombination fühlen sie sich an wie eine Grenze. Hinter 30 fängt das "alles entscheidende zweite Drittel des Lebens" an, wie Psychologin Eva Wlodarek es formuliert.
Beim 18. Geburtstag dachten wir: "Jetzt werden wir erwachsen" - und sind es nicht geworden. Beim 25. Geburtstag dachten wir: "Jetzt werden wir wirklich erwachsen" - und haben höchstens damit angefangen. Und mit 30 spüren wir plötzlich sehr dringend: "Eigentlich müssten wir schon längst erwachsen sein!" Mit 30 muss man anfangen, sich festzulegen, sagt auch Psychologin Eva Wlodarek.
Mache ich alles richtig?
Wer also den Ernst für's erste drittel Leben in den Partykeller gesperrt hatte, muss ihn langsam wieder rauslassen - notfalls findet er den Weg ins Wohnzimmer sowieso ohne Hilfe. Und dann fragt er einen Sachen wie: Ist das zehnte Praktikum wirklich das, was du im Job erreichen wolltest? Wieso haben eigentlich alle deine Freundinnen schon Kinder - nur du nicht? Findest du den Kleinwagen nicht auch ein bisschen popelig? Mit diesem Kerl willst du den Rest deines Lebens verbringen?
Die Falten kommen. Die biologische Uhr geht einem auf den Wecker. Freunde werden zu Konkurrenten um das Prädikat "erfolgreiches Leben". Gute Männer vergnügen sich auf Partys, aber sie tragen immer öfter einen Ehering und haben Babyspucke am Hemdkragen.
Gerade wer noch keine Arbeit oder Kinder hat, empfinde den Dreißigsten als krisenhaft, sagt der Tübinger Kulturwissenschaftler Christian Marchetti. Vielleicht auch, weil in einer Ecke unseres Hirns immer noch die Idee einer "Normalbiografie" festklebt - die es als solche gar nicht mehr gibt.
Video: Ist 30 werden heute anders als früher?

Was hilft?
Eine opulente Party, rät Christian Marchetti, kann als Süßstoff für die Geburtstagstorte mit der 30 drauf wirken: "Weil der Dreißigste als Einschnitt in der eigenen Biografie empfunden wird, symbolisiert eine große Feier besser den Übergang in eine neue Lebensphase."
Sonst gilt wie immer: Bitte nicht aufregen! Über seine Pläne nachzudenken, ist gut - Hysterie und Panik beraten einen dabei schlecht. Das Leben soll vorbei sein? Blödsinn. Es geht nur weiter. Und wie schon in den 29 Jahren vorher fragt es einen immer wieder, wofür man sich denn wohl entscheiden möchte. (Das wird es übrigens auch mit 36/ 44/ 59 Jahren noch machen, im Zweifel sogar viel lauter.)
Dann ständig auf Freunde links und rechts zu schauen, hilft viel weniger als der Blick nach innen. Wohin sollen denn nun meine ganz persönlichen zwei drittel Leben? Was heißt für mich Erfolg? Und muss ich wirklich jetzt sofort entscheiden - zum Beispiel ob er der Richtige ist?
Was sich nicht ändern soll, wird sich auch mit 30 nicht ändern. Was man ändern möchte, sollte man nicht nur deshalb anfassen, weil man zufällig gerade Geburtstag hat.
Wir müssen uns nicht neu erfinden. Denn wir kennen uns nach 30 Jahren schon ganz schön gut. Deshalb brauchen wir auch bei keiner Frage verschämt wegzuschauen. Sollen diese zwei Drittel Leben doch kommen! Wir sind erwachsener als wir vielleicht denken.
Drama-Queen oder sorglos? Vier Geburtstags-Typen
Jede findet ihre eigene Strategie, mit dem 30. Geburtstag umzugehen. Wir haben die vier klassischen Typen für Sie zusammengefasst.
Die Sorglose Sie ignoriert die null und geht mit der Leichtfertigkeit einer Dreijährigen auf den Geburtstag zu. Der soll "einfach nur toll" mit vielen Freunden gefeiert werden. Jede Falte wird mit einen "Juchu, jetzt werde ich interessanter" begrüßt und in Gesprächen wird lässig die runde Zahl eingeworfen, ganz nach dem Motto "Dreißig, na und?!" Zu diesem Typus gehört anscheinend Schauspielerin Jasmin Gerat, die im Dezember "ihren Dreißigsten" feiern wird: "Ich habe mich immer auf die 30 gefreut." sagt sie mit Enthusiasmus, "denn ich wusste schon mit fünfzehn, dass ich mit dreißig eine richtig coole Frau sein werde!" Zum Abschied ruft sie: "Wir sind doch noch total jung!" ins Telefon.
Die Perfektionistin Bekommt routiniert vor dem runden Geburtstag noch das erste Kind, erklimmt scheinbar mühelos die nächste Karriere-Stufe, findet zwischendurch noch den Mann für's Leben und sieht einfach toll dabei aus. So gesehen bei Ex-Schwimmerin Franziska von Almsick. "Früher war ich ein Wirbelwind und wollte mit dem Kopf durch die Wand. Das gewöhnt man sich mit knapp 30 ab", sagt sie. Sie wurde im April dreißig: Aus Schwimmerin wurde Moderatorin, letztes Jahr kam der Sohn zur Welt. Sie lebt mit ihrem betuchten Freund in einer schönen Stadt und ließ sich kurz vorm Geburtstag noch einmal die Haare dunkel färben. Wir gratulieren.
Die Drama-Queen Zu dieser Spezies gehören geschätzte neunzig Prozent aller Fast-Dreißiger. Man bedenkt das bisherige Leben und bemerkt plötzlich: Ich bin noch nie durch Australien getrampt! Irgendwie passt mein Partner nicht zu mir! Mein Job macht mich nicht glücklich! Unbarmherzig sitzt die Drama Queen über sich und ihr Leben zu Gericht. Was nicht passt, fliegt raus. So beendete die Fotografin Elenora eine Woche vor ihrem dreißigsten ihre siebenjährige Beziehung. "Das Datum hat schon eine Rolle dabei gespielt" sagt sie im Nachhinein. Auch Schauspielerin Fritzi Haberlandt darf sich Drama Queen nennen. Sie bekannte sich offen zur Panik:" "Ich hatte eine echte Krise. Die begann schon im Januar, ein halbes Jahr vorher." Als es dann soweit war, "habe ich geheult".
Die Verdrängerin Sie geht weiter in die angesagtesten Clubs der Stadt, zwängt ihre Beine in Skinny-Jeans und schummelt sich in Gesprächen ein/ zwei Jahre jünger. Die Verdrängerin ist stolz, mit harter Diät und dem Fitnessabo ihre Teenie-Figur zu halten. Ihre grundsätzlich jüngeren Freunde präsentiert sie wie Trophäen. Graue Haare sind für sie kein Thema und werden auch nie eins sein: Wozu gibt es Färbungen? Für diesen Typus lässt sich leider kein prominentes Beispiel finden. Denn wer dazugehört, würde nie jemandem das wahre Alter sagen.