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Hirnforscher verrät Warum du dich dafür interessierst, was andere von dir denken – obwohl du es nicht willst

Psychologie: eine nachdenkliche Frau
© javiindy / Adobe Stock
Unser Gehirn ist genial, doch manchmal gibt es uns im Alltag Rätsel auf. Wieso zum Beispiel bedeutet uns das Feedback anderer Menschen so viel, auch wenn wir am liebsten darüber stehen würden? Der Neurobiologe Professor Doktor Martin Korte hat es uns erklärt.

Was spielt es schon für eine Rolle, was andere Menschen über mich denken. Wie sie meine Leistungen beurteilen. Ob sie mich sympathisch finden oder attraktiv. Was sie von meinen Entscheidungen halten. Die Hauptsache ist doch, dass ich mit dem, was ich tue, zufrieden bin und stolz auf mich sein kann. So weit die Theorie. Und ein Stück weit auch mein Mantra. Denn wer möchte schon von der Meinung anderer Menschen abhängig sein? Ich jedenfalls nicht. Schließlich teile ich die Meinung anderer Menschen oftmals gar nicht.

Doch in der Praxis? Da kann mir manchmal schon ein einziges Kompliment den Tag retten. Andersherum kann mir negative Kritik komplett die Laune verderben. Erwarte ich von anderen Menschen Feedback und bekomme keines, bin ich irritiert bis verunsichert. Lobt mich hingegen eine Person überraschend, von der ich womöglich auch noch besonders viel halte, entzündet das eventuell ein kleines emotionales Feuerwerk der Freude in mir. Wieso ist das so? Warum liegen Theorie und Praxis, Vorsatz und Wirklichkeit bei meinem Umgang mit anderer Leute Feedback teilweise so weit auseinander? Warum kann ich, ebenso wenig wie die meisten Menschen, nicht einfach darüber stehen, was andere über mich denken? Darüber habe ich mit dem Hirnforscher Professor Doktor Martin Korte gesprochen.

Empathie als evolutionärer Vorteil

"Zunächst einmal ist zur Beantwortung dieser Frage wichtig zu verstehen, dass wir Menschen nicht nur konkurrierende, aggressive Wesen sind, sondern dass wir vor allen Dingen kooperativ sind und nach Möglichkeiten suchen, als Gruppe zu agieren", ", sagt Martin Korte. "Das ist, was uns als Spezies Mensch besonders ausmacht. Im Laufe der Evolution haben uns nicht etwa unsere langen Zähne oder unsere Fingernägel den entscheidenden Vorteil gebracht, sondern unsere Fähigkeit, mit anderen Menschen zu kooperieren." Dass sich unsere Vorfahren zusammengetan, einander etwa bei der Nahrungsbeschaffung, Aufzucht von Kindern, dem Bau von Unterkünften und dergleichen unterstützt haben, hat sie sich gegenüber Raubtieren und anderen störenden Mit-Erdlingen durchsetzen lassen – vielfach bekanntlich mit fatalem Ausgang für Letztere – und uns den Weg bereitet, um in einer Welt mit Supermärkten, beheizten Wohnungen, Röhrenjeans und Epiliergeräten leben zu können.  

Allerdings gelingt eine harmonische Zusammenarbeit üblicherweise nicht so ohne Weiteres. "Um erfolgreich miteinander zu kooperieren, ist es erforderlich, sich in die Köpfe anderer Menschen hineinzuversetzen, es bedarf der Empathie", sagt der Hirnforscher. Empathie wiederum, das heißt, die Fähigkeit zu erspüren, was in anderen Menschen vorgeht, setzt voraus, dass wir uns dafür interessieren und dass wir aufmerksam gegenüber den Signalen sind, die sie uns geben. "Man könnte sagen, wir sind genetisch darauf geeicht, auf das Zusammenwirken mit anderen Menschen hin zu agieren und damit immer zu versuchen zu ergründen, was sie denken und fühlen", so Martin Korte. Und gegen so eine Eichung, die sich im Zuge der Evolution als vorteilhaft und überlebenswichtig ergeben hat, kann der individuelle, aus bestimmten Überlegungen und Stimmungen heraus gefasste Beschluss, auf die Meinung anderer Menschen zu pfeifen, nur bedingt etwas ausrichten.

Unser Gehirn reagiert auf persönliches Feedback auffällig stark

Damit es uns nun leichter fällt, die Bedeutung sozialer Anbindung und Kooperation für unser Leben wahrzunehmen, löst das Feedback einer Person nachweislich eine Reaktion in unserem Kopf aus, die sich schwerlich ignorieren lässt. "Erfahren wir persönliche Wertschätzung von einem anderen Menschen, aktiviert das das Belohnungssystem in unserem Gehirn außerordentlich stark", sagt der Neurobiologe. Wenn wir zum Beispiel Lob oder ein Kompliment bekommen, das uns, wohl gemerkt, ehrlich und authentisch erscheint, reagiert ein bestimmtes Segment unseres Gehirns namens Nucleus accumbens mit der Ausschüttung körpereigener, mit Opium verwandter Substanzen – wir erleben eine Art High. Das gleiche passiert, so der Hirnforscher, sobald wir zum Beispiel ein bestimmtes Ziel erreichen, das wir uns gesteckt haben, oder schöne, rote, reife Erdbeeren essen, allerdings nicht in derselben Intensität wie bei einem wertschätzenden Feedback. "Die Belohnungsreaktion bei echter persönlicher Wertschätzung ist deutlich stärker als etwa bei einer Bonuszahlung oder wenn wir Schokolade essen", sagt Martin Korte. Gesteigert werden könne dieses Hochgefühl nur noch, wenn das Kompliment für uns überraschend kommt – dann schenkt unser Nucleus accumbens nämlich so richtig aus. 

Abgesehen von dieser kurzfristigen Glücksreaktion, an der mit dem Nucleus accumbens als Hauptverantwortlichen übrigens maßgeblich ein eher ursprünglicher und archaischer Teil im vorderen Drittel unseres Gehirns unterhalb der Großhirnrinde beteiligt ist, den wir mit anderen Säugetieren gemeinsam haben, gebe uns Feedback von anderen Menschen langfristig Orientierung und könne unsere Resilienz stärken, so Martin Korte. Die Erfahrung, in einer vergleichbaren Situation Bestätigung bekommen zu haben, könne uns vor einer neuen schwierigen oder unübersichtlichen Herausforderung Selbstvertrauen vermitteln. "Diesen Effekt kann übrigens auch Kritik haben", sagt der Wissenschaftler, "Kinder bis 12 Jahre reagieren vor allem auf Lob, aber Jugendliche und Erwachsene können ebenso Kritik als wertschätzend und motivierend empfinden." Gar kein oder zu wenig Feedback auf unser Verhalten zu erhalten, führe hingegen nahezu unweigerlich zu Unsicherheit und Irritation. Und selbst die süßesten Erdbeeren können da kaum Abhilfe schaffen.  

Glücksgefühle versus Zufriedenheit: Warum wir trotzdem nicht fremdbestimmt leben müssen

Nun hat das auf der einen Seite etwas Tröstliches: Es liegt nicht unbedingt an unserem außergewöhnlich schwachen Charakter oder unserer mangelnden Willensstärke, wenn uns die Meinung anderer Menschen etwas bedeutet und wenn wir es nicht schaffen, cool und unabhängig unser Ding zu machen, egal was der Rest der Welt davon hält. Es liegt uns in der Natur, uns für die Sichtweise unserer Mitmenschen zu interessieren, weil es sich für unser (Über-)Leben bewährt hat, und wir teilen diese vermeintliche Charakterschwäche mit vielen, vielen anderen Menschen.

Auf der anderen Seite könnten wir ein wenig deprimiert sein: Sind wir dazu verdammt, unser Leben lang Lob und Feedback nachzujagen und das, was wir selbst als gut, wichtig und richtig erachten, hinten anzustellen? Nein, so einfach ist es glücklicherweise nicht. Schließlich leben wir nicht mehr in Höhlen, sondern in beheizten Wohnungen. Sozialer Anschluss ist für uns als menschliche Wesen nach wie vor von zentraler Bedeutung, doch im Gegensatz zu unseren Höhlen bewohnenden Vorfahren müssen wir nicht den Großteil unserer Zeit dem bloßen Überleben unserer Sippe und unserer selbst widmen, sondern können darüber hinaus nach Lebensvarianten suchen, die uns größtmögliche Zufriedenheit bescheren – und das sind nicht zwangsläufig diejenigen mit den meisten und intensivsten Glücksmomenten. "Ein Glücksgefühl, beispielsweise ausgelöst durch Feedback, ist kurzfristig, wohingegen Zufriedenheit etwas ist, das sich langfristig im Gehirn einstellt", sagt Martin Korte, "sie wird auch nicht im Nucleus accumbens kodiert, sondern lässt sich eher in Hirnarealen in der Großhirnrinde verorten, etwa im frontalen Cortex."

Archaische Orientierungshilfen wie gewisse Glücksgefühle, die sich durchgesetzt haben und uns bis heute geblieben sind, weil sie unser Überleben sicherten, weisen uns in unserer modernen Welt nicht immer den Weg, auf dem wir Zufriedenheit finden. In ähnlicher Weise, wie wir gelernt haben, mit einem Überangebot an Nahrung zu leben, ohne uns ständig zu überessen, sind wir in der Lage, uns an eine komplexere Gesellschaftsstruktur und ein verändertes Sozialleben anzupassen: Wir können zwischen Feedback differenzieren, das aus unterschiedlichen Gründen wichtig für uns ist, und solchem, das womöglich weniger Relevanz hat, weil es beispielsweise von einer Person kommt, deren Werte und Lebensziele sich von unseren unterscheiden. Wir können uns Rückmeldung einholen, wenn wir uns unsicher fühlen, doch wenn wir uns einer Sache tatsächlich hundertprozentig sicher sind, können wir die Meinung anderer zumindest einigermaßen beiseiteschieben. Wir können Komplimente als Stimmungsaufheller dankend annehmen, ohne uns davon abhängig zu machen und uns zu verbiegen, um welche zu bekommen. Wir können soziale Wesen sein, die sehr viel gemeinsam haben und miteinander teilen, und gleichzeitig Individuen, die ihren ganz eigenen Weg und ihre eigene Weltsicht entwickeln. Unser Gehirn wird uns dabei jedenfalls nicht in die Quere kommen. Ganz im Gegenteil.

Hirnforscher verrät: Warum du dich dafür interessierst, was andere von dir denken – obwohl du es nicht willst
© PR

Professor Doktor Martin Korte ist Neurobiologe und Leiter der Abteilung "Zelluläre Neurobiologie" an der Technischen Universität Braunschweig. Seine Forschungsschwerpunkte sind unter anderem zelluläre Grundlagen von Lernen und Gedächtnis sowie Wechselwirkung zwischen Immunsystem und Gehirn bei der Entstehung der Alzheimer Erkrankung. In seinen Büchern "Hirngeflüster“, "Wir sind Gedächtnis“ und "Jung im Kopf“ bereitet er Erkenntnisse aus der Hirnforschung alltagsrelevant und für ein breites Publikum auf. Fernsehzuschauer:innen kennen Martin Korte vielleicht aus der RTL-Quizshow mit Günther Jauch "Bin ich schlauer als …", für die er die Fragen entwickelte.

Für unsere Kolumne "durchdacht" wird der Neurobiologe von nun an regelmäßig auf Phänomene eingehen, die uns in unserem Alltag Rätsel aufgeben und die uns über uns selbst stutzen lassen. Du möchtest ein solches Phänomen erklärt haben? Dann kannst du unserer Autorin deinen Themenvorschlag sehr gerne in einer E-Mail senden (schumann.susanne@guj.de).

Brigitte

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