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durchdacht Warum du Namen oft nicht weißt, wenn du sie brauchst – und sie dir hinterher plötzlich einfallen

Hirnforschung: Eine Frau erlebt den Dümmel-Effekt
© VK Studio / Shutterstock
Unser Gehirn ist genial, doch manchmal gibt es uns im Alltag Rätsel auf. Wie kommt es zum Beispiel, dass wir Namen oft genau dann nicht abrufen können, wenn wir sie brauchen, sie uns aber hinterher plötzlich einfallen, wenn der Moment vorbei ist? Der Neurobiologe Professor Doktor Martin Korte hat es uns erklärt.

Es ging um "Die Höhle der Löwen" und einen der Investoren. Nicht Maschmeyer. Wie war noch gleich sein Name? Der sympathische, mit den schicken Anzügen. Der mit der Moderatorin zusammen ist. Verdammt, wir wussten beide genau, wen wir meinten. Wir kannten seinen Namen, doch er fiel uns nicht ein. "Anna Heesch", sagte mein Freund. Genau, so heißt seine Lebensgefährtin. Ich habe ihn einmal in Hamburg vor einer Pizzeria gesehen, an einem sehr, sehr kalten Wintertag, und einmal in der Schlange vor einem Edeka zu Beginn der Coronapandemie. Sein Gesicht hatte ich klar und deutlich vor Augen, doch sein Name – weg. Nichts zu machen. Tja. Also nächstes Thema. Diesen Frühling fahren wir an die Nordsee. Vielleicht an dem Wochenende vor Ostern. "Ralf Dümmel!" Plötzlich hatte es bei mir Klick gemacht und der Name war wieder da. 

Es war nicht das erste Mal, dass mir das passiert ist, doch seitdem heißt dieses Phänomen für mich "Dümmel-Effekt": Je verbissener ich versuche, mich an einen Namen zu erinnern, der mir gerade nicht auf Anhieb einfällt, umso geringer meine Chance, darauf zu kommen. Gebe ich hingegen auf und beschäftige mich mit etwas anderem, kann ich davon ausgehen, dass der gesuchte Name zeitnah auftaucht. Völlig verrückt. Doch das Tröstliche: Egal wen ich frage, nahezu jeder Mensch scheint den Dümmel-Effekt zu kennen. 

Gesichter und Namen werden unabhängig voneinander abgespeichert

"Dass uns bei unserem Namensgedächtnis vergleichsweise viele Mängel und Fehler auffallen, liegt weniger daran, dass unser Namensgedächtnis so schlecht ist, als daran, dass unser Gesichtergedächtnis so extrem gut ist", sagt Professor Doktor Martin Korte, Neurobiologe an der Technischen Universität Braunschweig. "Wir können Zehntausende Gesichter sicher wiedererkennen, aber uns fällt nicht in gleichem Maße der Name zu diesen Gesichtern ein."

Namen werden in unserem Gehirn an einer anderen Stelle abgespeichert als Gesichter. Während für die Gesichtererkennung ein vergleichsweise großes Areal im hinteren Schläfenlappen zuständig ist (etwa so groß wie ein 2-Euro-Stück), hat das Namensgedächtnis seinen Platz weiter vorne im Schläfenlappen, im sogenannten Wernicke-Areal, und steht in Beziehung zum Stirnlappen. Zwischen einem Namen und dem zugehörigen Gesicht bestehen keine priviligierten neuronalen VerbindungenDeshalb fallen uns Namen nicht automatisch ein, wenn wir ein Gesicht vor Augen haben. Und deshalb passiert es schon mal, dass uns ein Name fehlt, während das Gesicht längst da und zugeordnet ist – und das fällt uns als sonderbar auf.

So können wir zum Beispiel auch leicht ins Schwimmen geraten, wenn wir einen uns bekannten Menschen in einem ungewohnten Kontext treffen. Während wir im Büro kein Problem damit haben, Lieschen Müller als Lieschen Müller zu identifizieren, kann sie beim Samstagseinkauf auf dem Bio-Markt plötzlich "äh ... ja" für uns heißen. Versuchen wir dann hektisch und hoch konzentriert, ihren Namen abzurufen, mag uns wiederum der Dümmel-Effekt heimsuchen. 

Stirnlappen folgt der falschen Spur

Maßgeblich beteiligt an diesem Phänomen ist unser Stirnlappen. Der befindet sich ganz vorne in unserem Gehirn und wird auffällig aktiv, sobald wir uns konzentrieren und nach etwas suchen. Zum Beispiel nach einem Begriff, den wir nicht ständig gebrauchen. Oder nach einem Thema, das wir besprechen wollten. Oder eben nach einem Namen. "Der Stirnlappen ist für uns die oberste Suchinstanz, die wie eine Taschenlampe in unser Gehirn leuchtet", sagt Martin Korte. Dabei konzentriert sich unser Stirnlappen vor allem auf die großen Datenbahnen in unserem Gehirn, da hier der Informationsfluss besonders gut ist und wir über sie in den meisten Fällen am schnellsten finden, wonach wir suchen. Kommt es zu dem Dümmel-Effekt, allerdings – offensichtlich – nicht. Anstatt nun aber auf eine andere Weise oder an einer anderen Stelle zu suchen, versteift sich unser Stirnlappen dann häufig auf sogenannte falsche Assoziationen: Denkansätze, von denen wir meinen, sie müssten uns auf den Namen bringen. Die es aber nicht tun. 

"Bei einer gelungenen Suche wird in unserem Gehirn das raumzeitliche Muster wieder aktiviert, das aktiv war, als wir den betreffenden Namen oder Begriff abgespeichert haben", erklärt der Neurobiologe. Damit mir also zum Beispiel der Name Ralf Dümmel hätte einfallen können, hätte mein Stirnlappen die Erinnerung an den Moment anleuchten müssen, in dem ich diesen Namen gelernt habe. Oder an einen anderen Moment, in dem der Name für mich verfügbar war. Oder auch an einen ähnlich klingenden Begriff, etwa Kümmel. Doch wie oben beschrieben, leuchtete mein Stirnlappen in besagtem Gespräch stattdessen auf eine Szene vor einer Pizzeria, an einem sehr, sehr kalten Tag im Winter, auf eine Schlange bei Edeka und auf Maschmeyer. Mit keiner dieser Vorstellungen scheint bei mir der Name Ralf Dümmel verknüpft (gewesen) zu sein. 

Im entspannten Zustand sucht unser Gehirn in einem anderen Modus weiter

Warum uns ein Name oder Begriff dann aber häufig einfällt, sobald wir aufhören, bewusst danach zu suchen, erklärt Martin Korte folgendermaßen: "In dem Moment, in dem wir aufgeben oder uns etwa durch einen Spaziergang ablenken und uns dabei entspannen, schaltet unser Gehirn in einen anderen Netzwerkzustand, den sogenannten Default-/ Tagtraummodus." In diesem Zustand ist unser Stirnlappen weniger aktiv, dafür werden aber viel mehr kleinere Nervenstränge aktiviert, also jene Pfade, die unsere oberste Suchinstanz bei ihrer Suche prinzipiell vernachlässigt. Und da sich der zuvor gesuchte Name nun einmal irgendwo in den Windungen unseres Gehirns versteckt hält, ist die Chance hoch, dass durch die Aktivierung sehr vieler kleiner Datenwege plötzlich auch die richtige Assoziation geweckt wird, die uns zu dem Namen führt. Das erkennt dann wiederum unser Stirnlappen als Moment der Erleuchtung. "Wir denken zwar, wir hätten aufgehört zu suchen, doch in gewisser Weise sucht unser Gehirn weiter, auch wenn wir der Angelegenheit keine Aufmerksamkeit mehr widmen", sagt Martin Korte. Wir mögen manchmal, zum Beispiel beim Dümmel-Effekt, das Gefühl haben, unser Kopf spiele uns einen Streich. Doch unser Gehirn weiß offenbar, was es tut. 

durchdacht: Warum du Namen oft nicht weißt, wenn du sie brauchst – und sie dir hinterher plötzlich einfallen
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Professor Doktor Martin Korte ist Neurobiologe und Leiter der Abteilung "Zelluläre Neurobiologie" an der Technischen Universität Braunschweig. Seine Forschungsschwerpunkte sind unter anderem zelluläre Grundlagen von Lernen und Gedächtnis sowie Wechselwirkung zwischen Immunsystem und Gehirn bei der Entstehung der Alzheimer Erkrankung. In seinen Büchern "Hirngeflüster“, "Wir sind Gedächtnis“ und "Jung im Kopf“ bereitet er Erkenntnisse aus der Hirnforschung alltagsrelevant und für ein breites Publikum auf. Fernsehzuschauer:innen kennen Martin Korte vielleicht aus der RTL-Quizshow mit Günther Jauch "Bin ich schlauer als …", für die er die Fragen entwickelte.

Für unsere Kolumne "durchdacht" wird der Neurobiologe von nun an regelmäßig auf Phänomene eingehen, die uns in unserem Alltag Rätsel aufgeben und die uns über uns selbst stutzen lassen. Du möchtest ein solches Phänomen erklärt haben? Dann kannst du unserer Autorin deinen Themenvorschlag sehr gerne in einer E-Mail senden (schumann.susanne@guj.de).

Brigitte

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