Hochstapler-Syndrom: Hast du es vielleicht auch ...?

Wer das Hochstapler-Syndrom hat, lebt mit der Angst, als inkompetenter Glückspilz entlarvt zu werden, der eigentlich gar nicht kann, was er tut. Unsere Autorin kennt das ganz gut ...

Mein Abi ist jetzt gute zehn Jahre her und noch immer wache ich alle paar Monate in mittelgroßer Panik auf, weil in meinem Traum jemand festgestellt hat, dass ich gar keine richtigen Abi-Klausuren geschrieben habe. Doch das ist nichts im Vergleich zu früher: Wenn ich als Kind einen Wettkampf im Sport gewann oder eine Eins für einen Aufsatz bekam, habe ich meistens meine Eltern dafür verantwortlich gemacht – ich war überzeugt, sie hatten den Schiedsrichter oder meine Deutschlehrerin bestochen und habe mich furchtbar schlecht deshalb gefühlt. Und wenn es nicht meine Eltern waren, hatten eben die Glücksbringer gewirkt, die ich bei jeder "Leistungskontrolle" dabei hatte ...

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Hochstapler-Syndrom: Was ist das denn?

Wäre ich damals kein Kind, sondern erwachsen gewesen, hätten mir Psychologen vermutlich das Hochstapler-Syndrom bzw. Impostor-Phänomen diagnostiziert: Die von Selbstzweifeln ausgelöste Überzeugung, die eigenen Erfolge gar nicht zu verdienen und nicht ansatzweise so kompetent oder talentiert zu sein, wie es aussieht. Aus dieser Überzeugung resultiert bei Betroffenen eine ständige Angst, beim kleinsten Fehler oder durch einen "echten" Pro mit Durchblick aufzufliegen und als Betrüger beurteilt zu werden – deshalb Impostor, das englische Wort für Betrüger, Hochstapler.

Zwar neigen nahezu alle Menschen zu Selbstzweifeln und Selbstunterschätzung (logische Gründe, warum wir uns selbst oft unterschätzen, findest du in unserem Artikel), doch bei Personen mit dem Hochstapler-Syndrom sind die Zweifel so stark ausgeprägt, dass sie auch in Erfolgen, Lob oder Komplimenten keine Bestätigung sehen können. Für sie haben immer andere Dinge ihren Erfolg bewirkt – Glück, Zufall, Missverständnisse, Fehleinschätzungen, Beziehungen, Sympathien ... nur eben nicht ihre eigenen Leistungen und Fähigkeiten.

Hochstapler-Syndrom: Ursachen und Folgen

Die Gründe, aus denen manche Menschen das Impostor-Syndrom entwickeln, liegen einerseits in der Psyche der Betroffenen selbst und sind unter anderem:

  • Mangel an Selbstwertgefühl
  • Überzogene Vorstellung von Leistung und Kompetenz
  • Große Angst zu versagen
  • Starke Fixierung auf Erfolg

Davon abgesehen spielen auch äußere Faktoren eine Rolle, zum Beispiel:

  • Leistungsdruck und -orientierung im sozialen Umfeld
  • Gesellschaftlich vorgegebene, standardisierte Maßstäbe, nach denen Menschen kategorisiert werden (Schulnoten, Statussymbole, Einkommen, BMI ...)
  • Abwertung und Ausgrenzung von Minderheiten oder auffälligen und besonderen Menschen aus der Gesellschaft

Die Auswirkungen des Impostor-Syndroms auf das Leben der Betroffenen sind je nach Ausprägung und Intensität unterschiedlich stark. Oft führt das Phänomen zu ...

  • ständigen Stress- und Angstgefühlen
  • sozialer Rückzug
  • weiterer Schwächung des Selbstwertgefühls
  • Beeinträchtigung des Leistungsvermögens und der Selbstentfaltung
  • psychischen Krankheiten wie Burn-Out, Essstörung, Depression u. Ä.

Hochstapler-Syndrom: Wer ist betroffen?

Theoretisch kann jeder in der einen oder anderen Weise erfolgreiche Mensch mit hohen Ansprüchen und großen Selbstzweifeln das Impostor-Syndrom entwickeln. Besonders oft tritt es aber bei folgenden Persönlichkeitstypen bzw. Personen auf:

Perfektionisten

Klar, wer nach Perfektion strebt, sieht natürlich in allem, was er tut, noch Luft nach oben und fühlt sich niemals gut genug – auch nicht, wenn er es nach menschlichen Standards locker ist. 

Naturtalente

Andere rackern sich ab, um das Abi überhaupt nur zu bestehen, man selber stößt einmal für zwei Stunden zur Lerngruppe mit den Mitschülern dazu und schreibt dann 14 Punkte in der Klausur – da kann ja irgendwas nicht stimmen! Etwa in dieser Art entwickeln oft Menschen mit besonderen Begabungen das Impostor-Syndrom: Sie sehen, dass ihnen etwas zufliegt, für das andere sich anstrengen müssen, und denken dann, sie hätten ihren Erfolg gar nicht verdient.

Frauen

Laut Experten sind Frauen häufiger vom Impostor-Syndrom betroffen als Männer. Womöglich hat das einen kulturellen Hintergrund: Mädchen wurde in der Vergangenheit oft beigebracht, dass sie bescheiden sein sollten. So wurden sie quasi darauf trainiert, Lob und Komplimente abzuschwächen und ihre Erfolge anderen Gründen zuzuschreiben als ihren eigenen Fähigkeiten.

Mütter

Das Hochstapler-Phänomen wird zwar meist auf High-Performer im Job bezogen – doch tatsächlich sind auch zahlreiche Mütter davon betroffen. Sind die Kinder glücklich und wohlauf und gehen ihren Weg, sind viele Mütter wahnsinnig stolz auf ihren Nachwuchs. Läuft dagegen etwas schief und hat das Kind Probleme, suchen dieselben Mütter sofort die Schuld bei sich. Sie sehen nur, was sie falsch gemacht haben oder besser hätten machen sollen, aber nie ihren Anteil am Erfolg/ Glück des Kindes. Klassisches Impostor-Dilemma.

Stars

Auch wenn wir uns das Leben der Stars und Promis meist in erster Linie glamourös vorstellen – am Ende sind's doch nur ganz normale Menschen, die ebenso an sich zweifeln wie wir alle. Allerdings haben Promis offensichtlich und per Definition überdurchschnittlich großen Erfolg – und sind damit besonders anfällig für das Betrüger-Synonym. Von Emma Watson beispielsweise stammt folgendes Zitat: 

Es fühlt sich für mich so an, als ob jeden Moment jemand herausfinden könnte, dass ich eine totale Betrügerin bin und das, was ich bisher erreicht habe, gar nicht verdiene. 

Und Jodie Foster sagte einst:

Ich fühle mich immer wie eine Hochstaplerin. Ich habe keine Ahnung von dem, was ich mache. Vielleicht ist dies das Geheimnis meines Erfolgs.

Hochstapler-Syndrom: Hast du es auch?

Abgesehen von so eindeutigen Aussagen wie die von Jodie Foster und Emma Watson weisen Menschen mit dem Hochstapler-Syndrom einige Symptome auf, die in einer leistungsorientierten Gesellschaft zum Teil als normal oder sogar wünschenswert wahrgenommen werden. Unter anderem deshalb ist es oft schwierig, das Hochstapler-Phänomen zu erkennen, insbesondere bei sich selbst. Wenn du folgende Anzeichen bei dir bemerkst, solltest du aber definitiv aufmerksam werden: Dann könnte es nämlich sein, dass du das Impostor-Syndrom hast oder zumindest gefährdet bist.

  1. Du hast meistens das Gefühl, nicht gut genug zu sein
  2. Du gibst stets 110 Prozent und tust oft mehr als andere und als andere von dir erwarten (Überstunden, sämtliche neuen Erziehungsratgeber lesen, freiwillige Projekte übernehmen ...)
  3. Über Erfolge freust du dich nur kurz
  4. Stagnation empfindest du als Rückschritt
  5. Du hast Angst, alles was du erreicht hast, zu verlieren (weil jemand erkennt, dass du eigentlich gar nichts drauf hast)
  6. Du fühlst dich häufig überfordert (würdest es aber nie zugeben)
  7. Du bittest andere so gut wie nie um Hilfe
  8. Komplimente und positives Feedback kannst du nicht ernst nehmen
  9. Manchmal hast du das Gefühl, du verschwendest dein Potenzial/ Leben
  10. Andere scheinen dich zu überschätzen und viel positiver und kompetenter wahrzunehmen, als du bist (bzw. als du dich wahrnimmst)

Hochstapler-Syndrom: Das kannst du tun

Wenn dir die genannten Anzeichen vertraut sind, ist zumindest deine Selbstwahrnehmung offenbar gestört – und womöglich hast du das Impostor-Syndrom. Manchen Menschen helfen schon diese Erkenntnis und das Wissen, dass es so ein Phänomen überhaupt gibt, sich und die eigenen Selbstzweifel stärker zu hinterfragen. Um wiederum die belastenden Gefühle Stück für Stück loszuwerden und zu lernen, stolz auf sich zu sein bzw. sich selber unabhängig von Leistung und Erfolg zu lieben (oder zumindest zu akzeptieren), müssen Betroffene gezielt ihr Selbstwertgefühl stärken und bezüglich ihrer Wahrnehmung und Bewertungen ihre Gewohnheiten ändern (Tipps dazu findest du in unseren Artikeln!). Bei einem voll ausgeprägten Hochstapler-Syndrom, das gegebenenfalls sogar bereits zu einer weiteren psychischen Störung geführt hat, sollten sich Betroffene unbedingt professionelle Hilfe suchen, d. h. Rat bei einem Psychotherapeuten!

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