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Ildikó von Kürthy "Als ich 50 wurde, hat mich der Blick in meine Zukunft erschreckt"

Ildikó von Kürthy: eine Frau steht mit ausgebreiteten Armen auf einem Feld
© PhotoGranary / Adobe Stock
Wo will ich hin, wenn ich mir von niemandem mehr sagen lasse, wo es langgeht? Wer bin ich, wenn ich mir nur noch selbst gefallen will und nicht mehr allen anderen? Bestsellerautorin Ildikó von Kürthy über die Geschichte einer Befreiung.

Du willst nicht stören? Dann wird dich niemand hören

Es sind nur zwei Worte.

Ich habe Stunden und Tage überlegt. Ich habe sie ausgewählt, abgewogen und verworfen, dann doch erneut aufgeschrieben. Bin den Zweifel bis zum Schluss nicht losgeworden, ob es richtig ist oder falsch, liebevoll oder hartherzig, ehrlich oder schonungslos. Vermutlich all das.

Und jetzt stehen sie da, die beiden Worte, und erzählen ein ganzes Leben. Vom Schicksal des ausgebombten Kindes, von der Überforderung der erstgeborenen Tochter mit vier Geschwistern, von der Hausfrau in Kittelschürze, der Ehefrau im Schatten ihres Mannes, der selbstlosen Mutter. Zwei Worte, die von der Frau erzählen, die auf dem Friedhof neben meinem Vater liegt, keine 200 Meter entfernt von der Autobahn. Sie hat ihr Leben lang schlecht geschlafen.

Meiner Mutter.

Das ist mehr als eine Widmung. Es ist ein Nachruf, ein Vorwurf und eine Entschuldigung. Es ist meine Hommage an eine schwache Frau und es ist mein Versuch, sie zu verstehen und, jedenfalls in meinen Gedanken, mein Angebot sie zu befreien. Vielleicht auch nur aus meiner Vorstellung von ihr.

Ich weiß nicht, ob meine Mutter sich die Fragen gestellt hat, die in dem Roman, den ich ihr gewidmet habe, eine so zentrale Rolle spielen: Wer bin ich, und wie war ich ursprünglich mal gedacht? Wer war ich, bevor ich damit anfing, anderen gefallen zu wollen und mich den Ansprüchen anderer unterzuordnen? Steckt auch in mir ein wildes, kantiges, kreatives, egoistisches, schillerndes Wesen, eine Frau, die ungezähmt ist und verwegen, die sich wehrt, sich nicht anpasst und ihre Stärken und Schwächen zeigt?

Tue ich meiner Mutter Unrecht, wenn ich vermute, dass sie ein Leben in der zweiten Reihe geführt und ihre Träume gegen Pflichterfüllung und Selbstlosigkeit eingetauscht hat?

Selbstlosigkeit statt Träume

Selbstlosigkeit. Eigenartigerweise gilt sie nur bei Frauen als gute Eigenschaft. Der selbstlose Mann wurde noch nicht erfunden. Warum auch? Es gibt ja genug brave Weiblein, die sich bereitwillig ihres Selbst entledigen, um in erster Linie dafür zu sorgen, dass es anderen gut geht. Die Frage nach dem Selbst stellt sich irgendwann nicht mehr.

Ich bin mir nicht sicher, ob meine Mutter je hätte befreit werden wollen und ob sie sich je gefangen gefühlt hat. Trotzdem möchte ich ihr ein Vierteljahrhundert nach ihrem Tod sagen: "In deinem Kopf fangen viel zu viele Sätze an mit: 'Am liebsten würde ich …' Was würde passieren, wenn du all das tätest, was du am liebsten tun würdest? Was, wenn du den Konjunktiv, den Modus der Möglichkeit, aus deinem Leben verbannen und stattdessen den Indikativ, den Modus der Wirklichkeit, zu deiner Leitlinie erklären würdest? Von der Möglichkeitsform zur Wirklichkeitsform. Machen statt wollen. Scheiß doch auf den Konjunktiv, Mama!"

Aber womöglich würde sie nur lächeln und sich wieder dem Abwasch zuwenden. Und meine Protagonistin Gloria, die wuchtige, rebellische Romanfigur, die sich wehrt gegen Konvention und Einengung, würde ihr aufgebracht entgegenschleudern: "Hör auf damit! Hört alle auf damit zu lächeln! Wie sie mich aufbringen, diese sanften Schafe! Wie sie mich empören, diese zahnlosen Frauen, die sich alles gefallen lassen, bloß um zu gefallen! Sie hungern sich aus ihren natürlichen Körpern heraus, verzichten auf Nachtisch und Karriere, kümmern sich um alles außer um sich selbst, decken den Tisch und räumen ihn wieder ab, entschuldigen sich ständig um des lieben Friedens willen und kapieren nicht, dass sie dieser Frieden ihr eigentliches, wahrhaftiges Leben kostet. Sie begnügen sich mit dem Platz backstage, applaudieren laut, klagen still und bleiben weit hinter dem zurück, was sie können und was sie einmal wollten. Du möchtest niemandem im Weg sein? Dann wirst du nie deinen eignen Weg gehen. Du willst nicht stören? Niemand wird dich hören!"

"Ach mein Liebchen", höre ich meine Mutter sagen und sehe sie, wie sie Dosenspargel in Scheiben gekochten Schinkens einwickelt, die sie vorher dick mit Mayonnaise bestrichen hat. Ich habe gelesen, dass man gezüchtete Tiger nicht auswildern kann und dass die meisten Tiere, die im Zoo geboren wurden, in freier Wildbahn verenden, weil sie nicht jagen können und es gewohnt sind, gefüttert zu werden. Kann man Freiheit verlernen und so sehr fürchten, dass man lieber freiwillig in Abhängigkeit bleibt?

Zu Anfang sind wir alle frei

Es gibt Raubtiere, und es gibt Haustiere. Aber daran mag ich nicht glauben. Zu Anfang sind wir alle vollkommen frei – so lange, bis wir anfangen, in Poesiealben zu schreiben, Kalorien zu zählen, gute Noten und lange Haare haben zu wollen und uns an dem zu orientieren, was andere von uns erwarten.

Meine Mutter hat nur ein Rexona-Deo benutzt und einen einzigen Lippenstift besessen, den sie auch als Rouge verwendete. Aber selbst das hat sie selten getan. Äußerlichkeiten seien ihr nicht wichtig, hat sie gesagt. Die Wahrheit war, so vermute ich heute, dass sie sich selbst nicht wichtig genommen hat. Weder ihr Äußeres noch ihr Inneres. Sie hat sich, wie so viele Frauen ihrer Generation, gefügt, geduckt und ihre Talente und Leidenschaften verscharrt wie eine überfahrene Katze am Straßenrand.

Die Farbe, so kommt es mir heute vor, war im Laufe der Jahre aus meiner Mutter gewichen. Auf Familienfotos war sie entweder im Hintergrund oder gar nicht drauf, weil sie die Aufnahme gemacht hatte oder gerade in der Küche war. Meine Mutter hat nicht gerne gekocht. Kochen war eine Notwendigkeit – wie fast alles in ihrem Leben. Ich sah sie verblühen. Aber ich sah auch immer wieder zwischendurch den Schalk in ihren Augen blitzen. Sie war klug und interessiert, belesen und nachdenklich, kritisch und neugierig. Manchmal ahnte ich, wer sie hätte sein können.

Und bis heute trauere ich auch um diese Frau.

Wenn ich, so wie jetzt gerade, auf meine Hände herabschaue, dann sehe ich die Hände meiner Mutter. Schrumpelig und trocken, mit einigen, ersten Altersflecken. Sie sind wie ein Souvenir aus lang vergangenen Tagen, ein Andenken an die Zeit, als ich noch Kind war und meine Vorbilder Papa, Batman und Arpád der Zigeuner hießen. Eine Frau war nicht darunter.

Ich frage: Worauf habe ich Hunger?

Jetzt, wo ich länger als ein halbes Jahrhundert mit diesen Händen gelebt habe, wo ich selbst Mutter geworden bin, meine Kinder flügge werden – einer von ihnen hat die Hände meiner Mutter –, entstehen neue Lebensräume, neue Denkräume, neue Möglichkeiten und mit ihnen die manchmal überfordernde Forderung, das Beste aus ihnen zu machen.

"Warum kann denn nicht alles so bleiben, wie es ist", höre ich mich manchmal seufzen, nicht nur beim Blick in den Spiegel. Das Bindegewebe geht in den Vorruhestand und ich erinnere zunehmend an einen Pfirsich, der sich auf dem Weg zum Trockenobst befindet. Das Abschminken wird zu einem interessanten Vorgang, bei dem Dinge zu Tage treten, die am Morgen noch nicht da waren und über Nacht nicht verschwinden werden.

Ich begegne meinem Alterungsprozess mit Neugier und, darum bemühe ich mich redlich, mit Wohlwollen und freundlicher Anteilnahme. Oft rühren mich die Zeitzeichen in meinem Gesicht und an meinem Körper. Zum Glück geht die zunehmende Verschrumpelung des Körpers mit gleichzeitiger Reifung des Geistes einher. Das ist eine sehr gelungene Kombination. Ein junger Mensch würde sich mit meinen Nasolabialfalten ja gar nicht aus dem Haus trauen.

Ich bemerke an mir eine erstaunliche, manchmal erschreckende Radikalisierung. Ich schaue genauer hin, ich bin strenger, mit mir und anderen, ich lache nicht mehr über jeden Scheiß, ich habe ein feines Gespür für Menschenfeindlichkeit entwickelt und versuche patriarchale Strukturen zu erkennen und zu verändern, auch die in mir. Ich frage mich nicht mehr, wie ich sein soll, sondern wie ich sein will. Ich bin sehr anstrengend geworden. Für andere und für mich selbst auch.

Plötzlich ein klarer Blick

Was ist bloß los mit mir?

"Sie erleben eine Art Rückabwicklungsprozess", sagt Dr. Sheila de Liz, Gynäkologin und Autorin des fabelhaften Wechseljahresbestsellers "Woman On Fire". "Der Östrogen-Nebel, der sich in der Pubertät über Sie gelegt hat, lichtet sich. Im Klimakterium bekommen Frauen einen klareren Blick und fangen an, mit kühlem Kopf auszusortieren, mit wem und mit was sie ihre verbleibende Zeit verbringen wollen."

Ich habe meinen Wandlungsprozess also weniger dem Zuwachs an Lebensweisheit, sondern dem Verlust von Östrogen und Progesteron zu verdanken? Auch irgendwie ernüchternd. "Da kommt beides zusammen", sagt die Expertin aufmunternd. Die Nestbau-, Kuschel- und Harmonie-Hormone machen sich aus dem Staub, übrig bleibt das gute alte Testosteron. Und dann wird es ungemütlich. Frauen erinnern sich daran, wovon sie mal geträumt haben, und fragen nicht mehr: "Was soll es heute Abend zum Essen geben?" sondern: "Worauf habe ich Hunger?" Und der Partner versteht die Welt nicht mehr.

"Seid nett zu euren Frauen, wenn ihr nicht aussortiert werden wollt", rät Sheila de Liz den verdutzten Männern. "Es ist sehr zu begrüßen, dass Frauen darauf achten, dass es ihnen gut geht. Wenn es den Frauen gut geht, geht es allen gut."

So manche Ehe, manche Freundschaft, manch überholter Lebensentwurf hält allerdings dieser neuen Strenge, der Unordnung, die in eine Umordnung mündet, nicht stand. Es geht darum, die Bühne des eigenen Lebens zu betreten und sich nicht mehr kleiner zu machen, als man ist, damit andere sich größer fühlen können, als sie sind.

Es ist ein Aufbruch zu sich selbst. Und es ist ein Aufbruch in unbekannte Gefilde.

"Sicherheit gehört zu unseren Grundbedürfnissen," sagt die Psychologin und Podcasterin Claudia Bechert-Möckel. "Die Komfortzone unseres Lebens muss sich keineswegs immer komfortabel anfühlen. Sie kann muffig und ungemütlich sein, aber es ist der Bereich, in dem wir uns über lange Jahre eingerichtet haben und in dem wir uns auskennen. Viele sehnen sich nach dem, was außerhalb dieses Bereichs liegt, aber es fehlt ihnen der Mut, ohne Landkarte in ein unbekanntes Land aufzubrechen."

Es ist nie zu spät

Genauso fühlt sich Ruth, eine der Protagonistinnen in meinem neuen Roman. Sie ist die Frau, die viel zu lange geblieben ist, die im Schatten eines narzisstischen Mannes friert und erst langsam beginnt, sich der Wahrheit über ihre Ehe und über sich selbst zu stellen. Soll sie gehen? Aufbrechen ins Ungewisse?

Ihre spontane Antwort: "Dafür ist es doch viel zu spät!"

Ruth atmet durch und fügt hinzu: "Ich finde diesen Satz in dem Moment, wo ich ihn laut sage, so schrecklich und so falsch, dass ich ihn am liebsten zurücknehmen, in der Luft zerreißen und mit einem lebenslangen Fluch und Aussprechverbot belegen möchte. Seit wie vielen Jahren entschuldige ich meine Lethargie, meine Angst vor Veränderung schon damit, dass es angeblich zu spät ist, um noch mal neu anzufangen? Wie lange rede ich mir schon ein, dass mir nicht genug fehlt, um zu gehen? Wie lange schon gebe ich mich mit zu wenig zufrieden und behaupte, das wenige sei für mich gerade genug? Manchmal regen sich ein paar Ideen für ein anderes Leben in mir wie Vogelküken in einem Nest. Bloß werden die meisten von ihnen niemals flügge. Sie verenden irgendwo auf dem steinigen Weg zwischen Imagination und Wirklichkeit und scheitern an ihren drei schlimmsten Feinden: der Trägheit, der Angst und dem Zögern."

Und wer würde sie nicht kennen, diese Feinde des Aufbruchs? Manchmal, so wie jetzt gerade, regen sie sich noch, die dahinsiechenden Ideen, und versuchen, noch mal auf die Beine zu kommen. Leise gemurmelte Fragen gegen das ohrenbetäubende Rauschen der Gewohnheit: Wo will ich hin, und was hält mich auf? Wer will ich sein, und wer hindert mich daran? Brauche ich ein Ziel oder reicht ein Weg? Suchen. Statt finden. Wege wagen. Mich aufmachen, mich ausprobieren, notfalls umdrehen und einen neuen Versuch starten. Warum nicht jetzt? Ich kenne meine Antworten: zu alt, zu riskant, zu spät. Was würde es über mich aussagen, wenn ich jetzt alles hinschmeißen würde? Dann hätte ich ja quasi umsonst gelebt.

In der Wirtschaft nennt man das einen Versunkene-Kosten-Irrtum. Man wirft gutes Geld schlechtem Geld hinterher und der Verlust wird immer größer. Im echten Leben heißt das: klammern. Nicht loslassen können. Nicht kapieren, dass, wenn etwas zu Ende geht, das nicht bedeutet, dass es gescheitert ist. Es ist nur vorbei.

In ihrem großartigen Buch "Der unendliche Augenblick" schreibt die Philosophin Natalie Knapp: "Um Fehler zu vermeiden, halten wir uns an erprobte Wege, anstatt neue zu erkunden. Unsere Lebensroutine suggeriert uns dauerhafte Stabilität, und wir vergessen, dass gerade unsichere, unklare und widersprüchliche Situationen unser schöpferisches Potenzial aktivieren. Nur wenn wir nicht wissen, wie es geht, suchen wir nach neuen Wegen. Kreativität ist ohne ein großes Maß an Unsicherheitstoleranz also schlicht und einfach nicht möglich."

Ohne aktive Abschiede wird das Leben zum Aushalten, zum sturen Beharren auf Bekanntem, zur Weigerung, sich bewusst und selbstbestimmt zu verwandeln. Wie viele Frauen klammern sich ängstlich an vermeintliche Sicherheit, verkanten in überholten Beziehungen und stopfen ihrer inneren Stimme das Maul mit Phrasen von Duldungskompetenz, Durchhaltevermögen und Kompromissbereitschaft?

Loslassen gehört nicht zu meinen Kernkompetenzen

Es gibt ein sehr passendes Zitat von Ruth in meinem Buch: "Leben heißt Kompromisse machen. Und mein Leben ist kein schlechter Kompromiss. Es ist gut genug, so wie es ist. Ich war noch nie gut im Loslassen. Ich breche schon bei nichtigen Abschieden wie dem Abschmücken des Weihnachtsbaumes, dem Abspann von 'Schicksalsjahre einer Kaiserin' oder dem Ende der Freibadsaison in Tränen aus. Ich bin unglücklich. Zumindest nicht unglücklich genug."

Geben wir uns mit zu wenig zufrieden? Oder ist wenig genug? Es ist einfach verdammt schwer, zufrieden zu sein, wenn man 15 Jahre verheiratet, ein halbes Jahrhundert alt ist und Heidi Klum auf Instagram folgt. Wer keine Kompromisse macht, kann keine lange Beziehung führen, und wer nicht bereit ist, ein gewisses Maß an Entzauberung, Ernüchterung und Resignation hinzunehmen, wird sein Leben lang einer Kleinmädchen-Fantasie nachjagen. Ruth sagt: "Mein Mann ist die Erfüllung meines Traums. Ich kann ihm schlecht übel nehmen, dass dieser Traum durch die Realität verblasst ist wie eine Kommode, die täglich benutzt wird. Die Farben leuchten nicht mehr so wie früher. Der Lack blättert an einigen Stellen ab. Die obere Schublade klemmt, und der Schlüssel ist in den Neunzigern verloren gegangen. Na und? Wir kommen doch alle allmählich in die Jahre und sollten froh sein, wenn unser Partner behutsam über unser ergrauendes Haar, unser löchriges Gedächtnis, die beginnende Arthrose hinwegsieht. Im besten Fall erinnert er sich liebevoll an die vergangene Pracht und sieht im Verblühten die Schönheit und den Wert einer langen, gemeinsam verbrachten Zeit.

Ja, ich habe Angst vor dem Alleinsein und vor Veränderung. Ich brauche Harmonie, ich bin gutmütig und in der Lage, Rücksicht zu nehmen. Auf andere mehr als auf mich selbst. Ist das so schlimm? Wenn alle die erste Geige spielen wollen, wer spielt dann die zweite? Wenn alle auf der Bühne stehen wollen, wer spendet dann Applaus? Bei Hunderassen nennt man meine Eigenschaften 'will to please'. Ich hätte eine hervorragende, für die Zucht geeignete Golden-Retriever-Hündin abgegeben."

Ruth wird gezwungen, aus dem Schatten ihres Mannes, ihres Vaters und ihren eigenen Normvorstellungen herauszutreten. Schluss mit der angeblichen Duldungskompetenz, die in ihrem Falle eine Duldungsstarre ist. "Ich bin nicht mutig", sagt sie. Und ich verstehe sie gut. Mein Leben findet zwar nicht im Schatten statt und mein "will to please" ist nicht besonders ausgeprägt. Ich musste mich nicht verbiegen, oder kaum, und seit ich Heidi Klum nicht mehr auf Instagram folge, gefällt mir mein Leben, meine Ehe, meine Frisur und meine Figur wieder hinreichend gut. Aber dennoch schlägt mein Herz für die Verzagten. Denn ich bin eine von ihnen. Ich predige meiner toten Mutter das Loslassen und bin selbst eine als emanzipierte Frau getarnte Klette.

Ich liebe das Vertraute, und Herausforderungen liebe ich nicht. Ich bin anhänglich, um es verharmlosend zu sagen. Ich bin wie diese Preisschilder, die du nie ganz abbekommst. Du kannst es mit Nagelackentferner versuchen oder mit Waschbenzin. Es nutzt alles nichts. Mich wirst du nie ganz los und siehst noch nach Jahren, wo ich mal geklebt habe.

Loslassen gehört nicht zu meinen Kernkompetenzen. Ich will meinen Mann behalten und mein Haus, ich mag die Müslisorte nicht wechseln und nehme es meinen Kindern übel, dass sie keine Kinder mehr sind, nicht mehr "Rabe Socke" schauen und keine Frotteeschlafanzüge mehr tragen.

Die Management-Trainerin Sabine Asgodom sagt: "Etwa 30 Prozent der Menschen haben kein Bedürfnis nach Veränderung. Bei denen klopft nichts an die Tür. Warum sollten sie dann aufmachen? Es würde nur ziehen."

Damit wiederum fühle ich mich allerdings auch nicht angemessen beschrieben. Entweder Tür auf oder Tür zu? Veränderung oder Stagnation? Bleiben oder gehen? Natalie Knapp erklärt mir: "Nein. Es handelt sich nicht um ein Entweder-oder. Entweder Sicherheit oder Verwandlung. Wir denken das als Gegensatz, dabei sind beide Pole zur gleichen Zeit in uns. Wir sind kein fertiges Produkt, sondern ein Wandlungsraum. Ob in der Pubertät, der Midlife-Crisis oder in den Wechseljahren: Jede Übergangsphase beinhaltet eine Form von Geburt. Wir überschreiten eine Schwelle vom Gewohnten ins Ungewohnte, von klar definierten Rollen und Lebensumständen ins Reich der unendlichen Möglichkeiten.

Jede Phase des Lebens hat ihren eigenen Wert, der sich nicht an den Ergebnissen der Zukunft bemisst, sondern daran, ob wir in diesem Moment ergreifen, was uns das Leben zur Verfügung stellt, ob wir es uns anverwandeln und weitergeben."

Niemand vor mir ist meinen Weg gegangen

Als ich 50 wurde, hat mich der Blick in meine Zukunft erschreckt. Ich hatte keine Idee für mich, mir viel nichts Neues ein, ich befürchtete eine Wiederholung des Immergleichen. Keine Premieren mehr, keine ersten Male. Nur noch Sehnsucht nach Gewesenem und sentimentales Blättern in alten Fotoalben.

Ich fühlte mich undankbar meinem privilegierten Leben gegenüber und hatte dennoch das Gefühl, das Beste läge ganz eindeutig hinter mir. Aber dann kamen die Wechseljahre und mit ihnen der Wandel. Der schwere Abschied von Harmonienebel, Kuschelzwang und dem Arrangement mit Normen und Wertvorstellungen anderer. Und dazu habe ich, wie eigentlich immer in meinem Leben, gleich das passende Buch geschrieben. Im Grunde ist mein neues Buch ein Östrogenmangel-Roman.

Perspektiven haben sich geändert. Und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Ich begann mein neues Buch und verzichtete zum ersten Mal auf die durchgehende Ich-Erzählerin. Ich schlüpfte in unterschiedliche Charaktere, erzählte die Geschichte mal aus Sicht des narzisstischen Verbrechers Karl, mal aus Sicht der verstummten, mal aus Sicht der rebellischen Schwester, dann wieder nahm ich die Rolle der polterigen Fatma oder des neurotischen Erdals an und schließlich war ich Rudi, der gutartige Mann mit dem bösartigen Tumor, der sich tapfer auf seinen eigenen Tod vorbereitet.

Was für ein Abenteuer, von Charakter zu Charakter zu reisen! Menschen wie Kontinente zu erforschen, ihnen nahezukommen, sie zu verstehen und ins Herz zu schließen. Ganz besonders Rudi, der mich an meinen verstorbenen Freund Peter erinnert, der stets so freundlich aussah, als würde er sein Gesicht in die Sonne halten. Wir hatten eine gute Zeit miteinander, Rudi und ich. Ich musste ihn trotzdem gehen lassen. "Rudi lacht, schließt kurz die Augen und fragt sich, ob er in diesem Moment genauso glücklich wäre, wenn er nicht bald sterben müsste. Es ist nicht so, als würde er den Tod verdrängen. Im Gegenteil. Es scheint, als würde das nahende Ende, während Rudi mit geschlossenen Augen der Musik und dem Lachen lauscht und es in der Küche nach Curry und Reis zu duften beginnt, dem Augenblick mehr Glanz und mehr Kostbarkeit verleihen.

Hannibal, der Tumor, ist der Ehrengast, der den Abend und jede Sekunde unvergesslich macht.

Es ist kurz nach zehn. Leichter Regen hat eingesetzt, und Rudi überlässt sich einen Moment lang der ihn selbst verwundernden Vorstellung, der Nachthimmel würde um ihn weinen. Er amüsiert sich über seinen neuen Hang zur Rührseligkeit.

Macht Sterben sentimental? Vielleicht, denkt er, haben Tumore, so wie Menschen, gewisse Persönlichkeitsmerkmale. Und jetzt, wo er und Hannibal langsam eins werden, verschmelzen womöglich auch ihre Charaktereigenschaften miteinander.

Vielleicht ist Hannibal gar nicht so bösartig, wie er von den Ärzten beschrieben wurde. Vielleicht ist er ein sentimentaler, greiser Geselle, den es auf seine letzten Tage in Rudis Hirn, das Altenteil für ein todgeweihtes Glioblastom, verschlagen hatte. Hier sind sie nun auf Gedeih und Verderb einander ausgeliefert. Mitgefangen, mitgehangen. Überleben würden sie beide nicht. Warum nicht Freundschaft schließen? Rudi und Hannibal. Der rationale Mensch und sein romantischer Hirntumor. Hannibal antwortet mit einem leichten, kurzen Druck, als wolle er sich bei seinem Gastgeber für dessen Verständnis bedanken. 'Schon gut' murmelt Rudi belustigt, 'du hast es ja auch nicht leicht. Unsere Reise ist bald zu Ende.' Rudi lächelt. Andererseits, wer weiß das schon so genau? Abschied oder Aufbruch. Ende oder Anfang. Rudi lässt los."

Die Kunst des Aufhörens

Die hohe Kunst des Aufhörens. "Wir brauchen eine neue Loslass- und Trennungskompetenz", sagt Claudia Bechert-Möckel. "Aufhören ist kein punktueller Akt, wie wenn der Bürohengst um 17 Uhr den Stift fallen lässt – Feierabend! –, sondern ein hochkomplexer Vorgang, der erlernte Fähigkeiten erfordert. Wenn wir über das Aufhören nachdenken, müssen wir das berücksichtigen. Aufhören braucht einen Grund, aber aufhören zu können braucht Können", schreibt der Soziologe Harald Welzer in seinem Buch "Nachruf auf mich selbst".

Barbara Pachtl-Eberhard, deren Mann und zwei kleinen Kinder bei einem Unfall vor 14 Jahren ums Leben kamen, spricht über das "Loslassen als Quelle der Lebenskraft". Sie sagt: "Ich werde oft als die Frau bezeichnet, die ihre Familie verloren hat. Aber Loslassen ist nicht das Gleiche wie Verlieren. Ich bin eine Frau, die Kinder geboren hat. Ich bin eine Frau, die ihren toten Sohn zum Abschied geküsst hat. All das hat Raum in mir. Es war. Ich bin. Wir können nicht verlieren."

Es ist ein tröstliches Wissen um die Gleichzeitigkeit von Abschied und Aufbruch. Ich vertrockne und blühe gleichzeitig auf. Ich entfalte mich, auch mit Falten. Meine Sehnsucht nach Veränderung darf sich ruhig ab und zu neben mein Bedürfnis nach Sicherheit aufs Sofa kuscheln. Sie kommen gut miteinander aus. Wenn ich abends früh ins Bett gehe, dann habe ich keine Sorgen mehr, etwas zu verpassen. Ich darf Bewährtes behalten. Ich kann bleiben und gehen. Ich darf die erdende und beruhigende Kraft der Routine schätzen genauso wie die belebende Heilsamkeit des wohldosierten Ausbruchs.

Aus dieser Gelassenheit heraus können neue Ideen Gestalt annehmen. Und das tun sie allmählich: Ein Podcast, ein Kochbuch, ein Fortsetzungsroman, eine Nacht im Zelt, Partys auf flachen Schuhen, ein Wochenende allein in London, ein Drehbuch schreiben und ein Jahr lang Pause machen. Anderen mögen diese Pläne mickrig erscheinen. Aber für mich sind sie wichtige Schritte auf dem Weg, den ich gehen will. Alte, teilweise uralte Sehnsüchte tauchen wie Freunde, die man viel zu lange nicht gesehen hat, an meinem Horizont auf. Warum nicht mal wieder Reitstunden nehmen? Ich entwickle eine neue Fähigkeit zu Dankbarkeit und ich bemerke eine unspektakuläre, aber tiefgreifende Freude über des Lebens angebliche Selbstverständlichkeiten.

Aussichten eröffnen sich, die zu sehen mir vor zwanzig Jahren der Mut, die Einsicht oder die Geduld fehlte. Ich werde mich vermutlich noch einige Male auf den Weg machen. Wohin? Mal sehen. Wen sollte ich nach der Richtung fragen? Niemand vor mir ist meinen Weg gegangen. Das Leben geht weiter. Ich bin bereit. Morgen kann kommen.

Schriftstellerin Ildikó von Kürthy ist dafür bekannt, dass sie kein Blatt vor den Mund nimmt und in ihren Büchern gern ihre persönliche Entwicklung verarbeitet – wie jetzt ihre neue Unabhängigkeit.

Weiterlesen in Ildikós neuem Buch

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Brigitte

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