Im Hier und Jetzt leben: Das rät Barbara Ehrenreich

Ständige Innenschau macht einsam, ständige Vorsorge macht krank.
 Die US-Bestsellerautorin Barbara Ehrenreich wünschte, wir würden uns endlich nicht mehr so stressen. 
Und dass ihr jemand mit Mitte 40 auch schon geraten hätte: Hör auf mit der Selbstoptimierung - du bist schon optimal genug.

Barbara Ehrenreich öffnet die Tür ihrer hellen Wohnung im Washingtoner Nachbarort Alexandria mit einer Entschuldigung. Bei der bestellten Sandwichlieferung sei etwas schiefgegangen. Die 76-Jährige verschwindet schnell wieder in der Küche mit Blick auf den Potomac River - verrührt Thunfisch mit Kapern, drapiert Tomaten und kocht Kaffee. Das improvisierte Frühstück ist besser als jede Bestellung. Die Autorin trägt ihr Yoga-Outfit, die Matte von der Morgenstunde liegt noch vor dem Wohnzimmerfenster. Gutes Essen, Yoga, Spaziergänge und die Nachmittage mit den Enkeltöchtern - Ehrenreichs Tage sind ausgefüllt, und trotzdem findet die Wissenschaftlerin Zeit, Bücher wie "Wollen wir ewig leben?" zu schreiben. Mit viel Wortwitz und fundiertem Wissen seziert sie darin den Wellness-Wahn, erklärt die Gewissheit des Todes und warum es das Leben leichter macht, sich mit der eigenen Sterblichkeit abzufinden. Gerade wurde Ehrenreichs publizistisches Werk mit dem hoch dotierten Erasmuspreis 2018 ausgezeichnet.

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Brigitte Woman: Sie plädieren dafür, den Tod nicht als Sprung in den Abgrund zu sehen, sondern die verbleibende Zeit als Umarmung durch das brodelnde Leben. Macht Ihnen die Vorstellung zu sterben keine Angst?
Barbara Ehrenreich:
Ganz und gar nicht. Dafür bin ich aber jeden Tag glücklich, am Leben zu sein! Mit 76 kann ich mich nun wirklich nicht beschweren, ich habe viel gesehen und erreicht. Alt genug geworden zu sein zum Sterben ist eine Leistung, keine Niederlage! Die Welt um mich herum, wie ich sie jetzt kenne, wird aber weitergehen. Auch das ist ein natürlicher Vorgang. Ganz egal, wie oft wir zum Arzt gehen, wie viele Pillen wir schlucken, was wir zusätzlich essen oder weglassen. Warum also nicht die verbleibende Zeit genießen?

Sie sprechen von einer Lebensuhr, gegen die man chancenlos sei.

Ich sehe das nicht als Resignation, sondern als Befreiung. Die Erkenntnis, dass ich zum Glücklichsein keine hochtrabenden Zukunftspläne mehr für mein Barbara-Selbst brauche, ist ein tägliches Geschenk. Heute wünsche ich mir, jemand hätte mir bereits in meinen 40ern erklärt, dass dieses verbissene Abrackern für ein längeres Leben einfach nur Energie raubt, die man so viel besser in das Hier und Jetzt investieren kann.

Wann sollten wir beginnen, uns mit dem eigenen Tod auseinanderzusetzen? Gibt es einen guten Zeitpunkt dafür, Dinge wie Patientenverfügung, Testament oder Beerdigungswünsche anzugehen?
Auch wenn es komisch klingt: Machen Sie alles, was mit Sterben zusammenhängt, zu einem Pflichtpunkt auf Ihrer To-do-Liste. Nüchtern betrachtet ist es etwas, was erledigt werden muss. Wenn man in seinen 50ern oder 60ern ist und das Thema immer noch vehement vor sich herschiebt, stimmt etwas nicht. Ja, ich gebe zu, man denkt eher ungern über seine eigene Beerdigung nach, aber sehen Sie es so: Irgendwann müssen Sie das erledigen. Warum nicht sofort? Gern schon mit 40! Dann ist es abgehakt, und Sie können sich vollends auf das Leben konzentrieren.

Sie raten von Check­ups und ständigen Arztbesuchen ab. Ist das nicht fahrlässig?
Natürlich muss jeder für sich entscheiden, wie oft er Routine-Check-ups über sich ergehen lassen will. Ich halte es aber für völlig übertrieben, wie häufig man ab 40 oder 50 plötzlich untersucht werden muss.

Man macht sich nur noch verrückt!

Wie oft gehen Sie denn selbst zum Arzt?

So selten wie möglich und nur dann, wenn ich Schmerzen habe und merke, etwas stimmt nicht. Ich habe bei meiner Ärztin klargestellt, dass ich zu ihr komme, sobald ich ein Problem habe. Aber bitte sucht nicht nach irgendetwas! Im Vergleich zu heute bin ich in meinen 40ern ständig zum Arzt gerannt, weil man es von mir erwartet hat. Wenn ich zurückdenke, wie viel Lebenszeit ich damals in Wartezimmern verschwendet habe, werde ich jetzt noch wütend!

Was würden Sie Ihrem 40­jährigen Ich mit dem Wissen von heute sonst noch raten?

Ich hätte noch skeptischer sein sollen. Als ich in die Wechseljahre kam, las ich, dass sich Alzheimer durch die Einnahme von Hormonersatz-Pillen vorbeugen lässt.
 Mein Vater hatte Alzheimer, das Thema ging mir also nahe.
 Ich nahm diese Hormonpillen über Jahre hinweg. Und mit 59 wurde bei mir Brustkrebs diagnostiziert, was wiederum in meiner Familie nicht vorkommt. Während ich
 also dachte, ich trickse eine Krankheit aus, habe ich scheinbar einer anderen zugefüttert.

Sie führen zudem an, dass die Zahl der Krebstodesfälle durch Mammografien wissenschaftlich gesehen nicht gesunken ist. Machen wir uns unnötig verrückt oder gar selbst krank?
Ich denke schon. Der Stress, den diese Arztbesuche auslösen, ist immens. Bei mir hieß es nach dem Brustkrebs, dass ich nun zweimal im Jahr eine Mammografie machen und zu etlichen Checks kommen muss. Das tat ich brav, bis zur letzten Mammografie vor ein paar Jahren: ein schlechtes Ergebnis! Das hat mich völlig umgehauen. Ich bin bereits durch Mastektomie und Chemotherapie gegangen und nun wieder? Ich war durcheinander und verzweifelt. Die Ärzte machten eine ganze Reihe weiterer Tests, ich wusste nicht mehr, wo mir der Kopf stand, und plötzlich löste sich alles in Luft auf. Eine Fehldiagnose. Ich werde die Worte, die mir damals durch den Kopf gingen, lieber nicht wiederholen. Ich war natürlich erleichtert, aber eben auch unglaublich verärgert und aufgerüttelt. Wochenlang hatte ich die schlimmsten Visionen im Kopf, kaum gegessen und einfach schreckliche Angst durchgestanden.

In Ihrem Buch schreiben Sie: "Der Preis fürs Überleben ist eine endlose Plackerei." Und die sei noch dazu sinnlos.
Wir rackern uns in Fitnessstudios ab. Essen, was Gesundheits-Gurus uns vorschreiben, auch wenn es gruselig schmeckt, und geben Unsummen für Cremes und Anti-Aging-Produkte aus. Und dann? Dann sterben wir doch. Aber viel schlimmer: Wir verbringen den Großteil unseres Lebens unter einer wahnwitzigen Diktatur, die uns etwas vorgaukelt, anstatt mit der Wahrheit, der Sterblichkeit, Frieden zu schließen und das Leben befreit und sorglos zu genießen.

Aber neue medizinische Errungenschaften können uns
 das Altern ja vielleicht etwas erleichtern.
Davon profitieren wir bereits.
Wir altern ja schon viel entspannter als unsere Vorfahren. Sich aber einzubilden, dass man ohne Veränderungen älter wird, ist verrückt. In den 40ern werden die Augen schwächer, der Stoffwechsel wird langsamer. Für Frauen beginnt die große Veränderung meist mit den Wechseljahren. Knochen und Gelenke mucken auf, naja, ich könnte noch einiges aufzählen.

Der Trick zum Glücklichsein ist, die Lust am Leben und am Genuss in den Vordergrund zu stellen und Nein zu sagen zu einem Regime aus Geschmacks- und Spaßentzug.

Gerade deshalb sind die Anti-Aging-Versprechungen ja so verlockend.

Wenn wir die Trends genauer betrachten, tragen die meisten die Worte "weniger" oder "mehr" mit sich herum. Weniger Fett, weniger Zucker, weniger Fleisch oder mehr Sport, mehr Vitamine, mehr reichhaltige Cremes. Was, wenn ich weder mehr noch weniger will? Wenn ich weiß, was mich im Hier und Jetzt glücklich macht? Das heißt nicht, dass ich über die Stränge schlagen muss. Ich ernähre mich gesund, liebe Sport, mag aber keine Extreme. Der Trick zum Glücklichsein ist, die Lust am Leben und am Genuss in den Vordergrund zu stellen und Nein zu sagen zu einem Regime aus Geschmacks- und Spaßentzug. Ganz ehrlich, das ist eines der schönsten Dinge am Altern: herausgefunden zu haben, was einem guttut.

Das bedeutet aber auch, dass man auf dem Weg dahin Fehler macht und sich ausprobieren muss. Haben Sie sich früher Trends gebeugt, die Sie heute bereuen?

Natürlich! Der Anti-Fett-Trend klang in den 80er-Jahren zunächst interessant. Bis ich mir auch die kritischen Studien angeschaut habe, bei denen es um Mangelerscheinungen ging. Man muss versuchen, immer das ganze Bild zu sehen, und sich seine Skepsis bewahren. Und es gab eine Zeit, in der ich dem Fitnesstrend verfallen war und wie eine Wahnsinnige bis zur Erschöpfung trainiert habe. Fazit? Meine Knochen haben sich abgenutzt. Heute trainiere ich zwar jeden Tag, aber ich trainiere mit ganz anderer Motivation: Ich will mich gut fühlen.

Unser Leben scheint heut e
in so vielen Bereichen immer nahe am Exzess. Ist der Achtsamkeitstrend eine gute Lösung?

Oder ist es nur ein weiterer Exzess? Wir sind heute schlichtweg überstimuliert. Die ganze Datenschwemme, all die Informationen, die wir jeden Tag verarbeiten müssen und wollen. Das ist ein Hochfrequenzzustand, den Silicon Valley kreiert hat. Wie praktisch aber, dass sie gleich die Lösung für die Überdigitalisierung liefern: den Achtsamkeitstrend. Plötzlich brauchen wir eine App, um Abstand von den ganzen Apps zu bekommen.

Dabei trifft der Gedanke im Grundsatz aber doch Ihre Vorstellung, einen Weg zur Ausgeglichenheit zu finden.

Für mich ist es zuallererst ein Trend, der etwas mit Status­ und Klassendenken zu tun hat. Wer Geld hat, übt sich gern in Achtsamkeit, kauft sich die angepriesenen Booster und Schnickschnack, der helfen soll. Das alles ist verbunden mit großer Vermarktung. All die Cremes und Essenzen, die man sich da auf die Haut schmieren soll, all die Übungen, die man zum Achtsamkeitstraining braucht. Den wenigsten fällt auf, dass es sich dabei um ernsthaften, tief sitzenden Narzissmus handelt. Das ist es doch, was diese Wellness­ und Achtsamkeitstrends lehren: ich, ich, ich.

Es geht eben darum, sich gut zu fühlen. Ist das so schlecht?
Schlecht ist es, wenn man bei der Selbstpflege übersieht, wie wichtig der Kontakt mit anderen ist. Was uns hier angeboten wird, ist das genaue Gegenteil: Gehe tief in dich, denke nach, finde dich selbst ... Was immer das heißen mag. Wir schotten andere ab und rücken die Individualität in den Mittelpunkt. Das ist doch einsam und selbstzentriert.

Unserer Gesellschaft mangelt es an einer kollektiven Form der Freude. Gemeinsam ist doch alles gleich schöner. Wir sollten mehr feiern!

Was wäre denn die Alternative?
Ich habe generell gar nichts gegen Achtsamkeit, solange sie bedeutet, dass man auch auf seine Umwelt achtet. Stattdessen erwarten wir aber, dass alles aus unserem Inneren kommt. Wenn ich nur etwas an meinem Denken ändere, dann wird alles andere gut. Das ist ähnlich wie das Phänomen "positives Denken". Für mich ist das einfach nur Selbsttäuschung. Und es kann grausam sein. Stellen Sie sich
 vor, Sie sind todkrank, und jemand sagt Ihnen, dass Sie wohl nicht positiv genug gedacht haben, sonst wäre das nicht passiert.

Gibt es denn so etwas wie "gesunde Achtsamkeit"?

Was wir brauchen, ist ein Ablösen von den Ich-­Strukturen, diesem egozentrischen Dasein, in dem wir alle aufgehen und nach Selbsttherapie streben. Denn was der Diskussion wirklich fehlt, ist die Tatsache, dass es unserer Gesellschaft an einer kollektiven Form der Freude mangelt. Gemeinsam - und damit meine ich Freunde, Familie, Partner, eben Menschen, die uns wichtig sind - ist doch alles gleich schöner. Wir sollten mehr feiern! Vor allem, dass wir noch am Leben sind. Das ist alles, was ich will: das Leben als einziger Karneval!

Wie feiern Sie das Leben?
Ich bemühe mich jeden Tag, mit Menschen in Kontakt zu sein. Ich rede mit Fremden, ich stelle Fragen und höre zu, ob das nun im Supermarkt ist oder im Fitnessstudio. Auch wenn ich die Menschen vielleicht nie wiedersehe, schaffe ich eine Verbindung. Ich sehe jede Interaktion als Geschenk an: "Hey, wir beide sind am Leben, herrlich."

Barbara Ehrenreich

wurde 1941 im US-Bundesstaat Montana geboren. Die promovierte Biologin wurde 2001 berühmt, als sie undercover im Niedriglohnsektor jobbte und feststellte, dass man als Kellnerin oder Walmart-Verkäuferin nicht überleben kann. Mit ihren Artikeln für das "Time Magazine" oder die "New York Times" wurde sie zu einer der bekanntesten US-Publizistinnen. In ihrem neuen Buch "Wollen wir ewig leben?" kritisiert sie, dass wir heutzutage bei jedem Schnupfen zum Arzt rennen. Wenn Freunde sie ermahnen, nicht so viel Butter zu essen oder weniger zu rauchen, erinnert Ehrenreich sie "freundlich daran", wie sie sagt, dass sie mit ihren mittlerweile 76 Jahren doch älter geworden sei als sie alle. Die Bestsellerautorin hat zwei erwachsene Kinder und lebt in Washington D. C.

 
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Brigitte Woman 06/2018

Wer hier schreibt:

Interview: Manuela Imre
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