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Innerer Konflikt: Als Nichtraucherin im Tabakkonzern

Innerer Konflikt: Zigarettenpackung
© H_Ko / Shutterstock
Tabus begleiten uns seit Jahrtausenden. Aber wie fühlt es sich an, ein Tabu zu leben? In unserer Serie "Ich bin ein Tabu" erzählen sechs Menschen ihre Geschichte. Iris Brand ist Nichtraucherin und Pressesprecherin eines Tabakkonzerns. Wie geht das zusammen?

Ich bin Gegenwind und kritische Nachfragen gewohnt, wenn es um meinen Beruf geht. Das fing schon an, als ich PR für eine große Käsefirma gemacht habe. Das klingt zwar erst mal harmlos, aber ich war dort für die Nachhaltigkeitsthemen verantwortlich, also auch damit, was die Kühe fressen, Sojaschrot, Palmölschrot – da ist man schon ganz schnell bei der Abholzung des Regenwalds.

Danach war ich bei einem Großunternehmen der Zuckerindustrie, da hat man dann mit Themen wie Diabetes, Übergewicht etc. zu tun. Seitdem ich für Tabak arbeite, muss ich mich eigentlich immer für meinen Job rechtfertigen. Im Familienkreis, im Freundeskreis, eigentlich bei jedem, dem ich begegne, wenn das Gespräch darauf kommt. Mein eigener Bruder meint, ich würde meine Seele verkaufen: Wie ich das machen könnte, obwohl ich selbst Nichtraucherin bin.

Ein ehemaliger Chef hat mich vor einigen Jahren mal gefragt, wofür ich nie arbeiten wollen würde. Ich habe damals gesagt: Rüstung und Tabak. Als mich dann ein Headhunter angerufen hat, um mich für Philip Morris abzuwerben, habe ich auch erst gedacht: Interessiert mich nicht, ich sehe in Tabak keine spannende Geschichte. Ich bin trotzdem aus Neugier ins Vorstellungsgespräch gegangen und habe dann meine Meinung geändert. Wenn mich jemand fragt, warum, sage ich Folgendes: Es gibt 1,1 Milliarden Raucher auf der Welt. In den westlichen Ländern geht der Zigarettenkonsum etwas zurück, aber bei Weitem nicht so stark, wie einige vielleicht denken. Neun von zehn Rauchern hören nicht auf zu rauchen, trotz aller Warnhinweise und anderen Maßnahmen. Und wir haben als Tabakkonzern mittlerweile die technischen Innovationen, weniger schädliche Produkte für Raucher herzustellen. Aus kommunikativer Sicht ist es superspannend und macht Spaß, über ein Unternehmen wie unseres und seine Transformation zu reden.

Mich reizt gerade die Herausforderung.

Ich sehe meine Aufgabe vorrangig darin, sachliche Fachinformationen zur Verfügung zu stellen. Das ist schwierig, wenn die Diskussion so sehr emotional geführt wird wie beim Thema Rauchen. Und natürlich hat ein Tabakkonzern immer das Problem, das ihm oft erst mal nicht geglaubt wird. Aber mich reizt auch gerade die Herausforderung, ich fand diese konfliktbehafteten Themenfelder immer besonders interessant.

Kommunikation für Hamsterfutter kann schließlich jeder machen. Ob ich es in so einem Job leichter oder schwerer habe als ein Mann, finde ich schwierig zu beurteilen. Meine subjektive Wahrnehmung ist aber, dass man branchenunabhängig als Frau weniger ernst genommen wird. Ich bin ziemlich schlank, und als ich noch in der Zuckerindustrie war, hat mir mal ein Journalist an den Kopf geworfen, dass ich ja wohl perfekt "eingekauft" worden sei, weil man mir meinen Job nun wirklich nicht ansehen würde. Ich weiß nicht, ob man sich das bei einem schlanken Mann auch getraut hätte. Oder ich habe Interviews gegeben, und das einzige Attribut, das mir dann im Text zur Beschreibung meiner Person zugestanden wurde, war "blond" – es ist klar, was damit für ein Bild erzeugt werden soll. Ob es heute noch Branchen gibt, für die ich prinzipiell nicht arbeiten würde? Ich kann das so nicht beantworten, weil ich zu wenig über beispielsweise die Rüstungsindustrie weiß.

Ich würde mich, wenn sich die Frage ernsthaft stellen würde, damit detailliert beschäftigen. Aber ausschließen würde ich erst mal nichts. Okay: Wenn mich eine Pornografieplattform kontaktieren würde, ob ich PR für sie machen möchte – da weiß ich wirklich nicht, ob ich das mit meinen Werten vereinbaren kann. Ich müsste da intensiv darüber nachdenken, aber aus dem Bauch heraus sage ich: Nein, das würde ich ablehnen, das ist mir zu frauenfeindlich.

Weitere Hintergründe und Informationen findest du im Interview mit Tabu-Expertin Dr. Sabine Krajewski.

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BRIGITTE 11/2020

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