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Kommentar Instagram, ich hasse dich! Und komme doch nicht von dir los ...

Instagram: Frau posiert am Meer
© Maridav / Shutterstock
Instagram, was hast du nur an dir, dass ich jeden Tag durch deine perfekten Bildchen scrollen muss. Ich will das doch eigentlich gar nicht ...

Stellt euch vor, ihr seid mit diesem perfekten Typen zusammen. Er sieht einfach umwerfend aus, ist kreativ, vielseitig und es wird mit ihm einfach nie langweilig. Gleichzeitig behandelt er euch irgendwie schlecht. Sagt euch täglich, welche Problemzonen ihr habt, kritisiert, wie ihr euch ernährt und macht euch immer wieder klar, dass ihr viel zu wenig Geld verdient. Würdet ihr mit so jemandem zusammenbleiben? Nein? So geht es mir mit Instagram.

Warum gucke ich mir das überhaupt an?

Seit ein paar Jahren bin ich abhängig – von einer Social-Media-Plattfom. Muss täglich checken, wer in seinen Posts oder Stories am Südsee-Strand liegt, seine Super-Duper-Healthy-Chiasamen-Frühstücksbowl isst, sich selbst feiert, weil er die 10 Kilometer in neuer Bestzeit geschafft hat oder mit seinen Kindern in perfekter Familienidylle in die Kamera lächelt. Ich habe das Gefühl, alle finden sich immer selbst: beim Yoga, beim Entrümpeln, beim Pilgern ... natürlich stets topgestylt (ich wäre froh, wenn nur ein einziges T-Shirt in meinem Schrank so glattgebügelt wäre wie die Gesichter mancher Influencer).

Und während ich mich da so durchscrolle, kommt mir immer wieder dieser eine Gedanke: Warum gucke ich mir das eigentlich an? Um danach frustriert aus dem Fenster zu schauen, weil's in Hamburg mal wieder dauerregnet? Um mein Nutella-Toast mit schlechtem Gewissen zur Seite zu schieben und (trotz Regen) lieber eine Runde joggen zu gehen? Um mir Gedanken darüber zu machen, ob ich auch mal so eine gute und organisierte Mutter werde?

Ich komm nicht von dir los, du Poser!

Die Antwort darauf ist immer: Ich weiß es nicht, ich hasse dich – Instagram! Du raubst mir Zeit, kritisierst mich passiv, machst, dass ich mich minderwertig und schlecht fühle. Nicht, dass ich mich ungesund ernähren würde, aber: Wer außer Vollzeit-Influencer hat überhaupt die Zeit, sich jeden Morgen eine Frühstücksbowl aus einer Milliarde frischer Zutaten zu machen, mit der man an der Foodart-Weltmeisterschaft teilnehmen könnte? Und welche Mutter ist am Abend nicht mit den Nerven durch und hat noch die Zeit für ganz viel Me-Time und New York Cheesecake backen? Trinken die wirklich gemütlich Wein abends in der Wanne? Und wer hat so viel Geld, fünf Mal im Jahr in den Urlaub zu fahren und ein "Guckt mal, wie schön mein Kleid im Sonnenuntergang aussieht"-Foto nach dem nächsten zu schießen? Wird das Essen nicht kalt, wenn man erstmal alles aus fünf verschiedenen Perspektiven fotografiert, einen Filter drauf setzt und es dann in Echtzeit postet? Da muss ich mich einfach fragen: Sehen Influencer die Welt eigentlich noch mit ihren Augen oder nur noch durch ihre Ultramegapixel-Smartphone-Kameras?

Instagram, ich habe so viele Fragen an dich – aber alles, was du sagst ist: Ist mir doch egal, schau mich an, wie schön ich bin! Und deshalb komm ich nicht von dir los, du Poser! Auch wenn das meiste nur schöner Schein ist – du kommst so selbstsicher daher, als wärst du das Maß aller Dinge. Du ziehst mich in deinen Bann. Weil du auf den ersten Blick eben hübsch, farbenfroh und lebendig bist. Bei dir ist immer was los. Ständig tut sich was und will erkundet werden. Oh mein Gott – was, wenn ich irgendwas verpasse?

Es gibt Hoffnung am Influencer-Himmel

Ja, Gott sei Dank, es gibt sie: Die Accounts, die mich tröstlich stimmen. Umwelt-Blogger, die auf Missstände aufmerksam machen, Gesundheits-Influencer, die bei bestimmten Krankheiten aufklären, Mut machen und Hilfe anbieten. Stars, die sich ungeschminkt und verzottelt zeigen. Mami-Blogger, die Bananenbrei in den Haaren haben, während sie versuchen, ihr Kind am Frühstückstisch zu bändigen. Medien, die Nachrichten und Servicetipps verbreiten, Body-Positivity-Aktivisten, die ihre Kurven zeigen und natürlich die "Normalos". Die, die auf den Filter beim Urlaubsschnappschuss verzichten. Die einfach einen Gruß für ihre Freunde hinterlassen wollen – scheiß doch drauf, ob der Sonnenuntergang ein bisschen verwackelt ist. All denen möchte ich sagen: Ihr seid klasse! Denn ganz ehrlich: Ihr seid viel schöner, noch farbenfroher und lebendiger als all die perfekten, glattgebügelten Übermenschen. Bei euch ist tausendmal mehr los. Denn das, was ihr zeigt, ist echt. Das ist das Leben. 

Was ich jetzt tue?

Meinem "Typen" Paroli bieten. Ihm nicht alles durchgehen lassen und eiskalt den Accounts entfolgen, die mich frustrieren. Ich finde das Leben am schönsten, wenn es ungeschminkt ist. Helft mit und macht einen richtig tollen Kerl aus meinem Instagram-Poser. Zeigt mir eure Ecken und Kanten. Eure wunderschönen Sommersprossen, Dellen, Speckröllchen, unfrisierten Haare. Zeigt mir das echte Mama-Leben: Wie schön es ist, wenn eure Tochter das erste Mal "Mama" sagt, aber auch wie anstrengend, wenn man nachts mal wieder nur 2 Stunden Schlaf bekommen hat. Zeigt mir doch ruhig, wie ihr im Schneckentempo eben nur die 3 Kilometer-Tour joggt. Oder bloß auf dem Sofa liegt. Esst gerne Super-Duper-Healthy-Chia-Samen, aber lasst sie doch einfach mal ganz wild und ohne Konzept auf den Joghurt plumpsen (wow, ich kriege eine aufgeregte Gänsehaut!).

Macht Instagram zu unserer Plattform. Ihr müsst nicht perfekt sein, nicht immer gesund essen, nicht täglich Sport machen, keine perfekte Mama sein. Ihr müsst auch nicht x-mal in den Urlaub fahren oder lange Pilgerrouten wandern. Ihr fragt euch, wie ihr euch dann selbst finden sollt? Findet euch doch einfach gut! ❤️


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