Intuition: Bauchgefühl entsteht im Kopf

Warum spüren manche, was andere denken? Psychiater Joachim Bauer über Intuition, Gefühle und das Geheimnis der Spiegelneurone.

Joachim Bauer

Brigitte: Bisher galten Mitgefühl und Intuition nur als nette, aber wenig verlässliche Eigenschaften. Jetzt weiß man, dass sie Fakt sind - durch die Neurobiologie bewiesen. Jeder kann sie entwickeln?

Joachim Bauer: Früher hielt man solche Gefühle oft für Spekulation. Jetzt muss man sie als wichtigen Teil zwischenmenschlicher Beziehungen sehen. Die Basis für emotionales Verstehen sind die Spiegelneurone. Das ist ein weit verzweigtes System von speziellen Nervenzellen in unserem Gehirn.

Brigitte: Heißt das, unser so genanntes Bauchgefühl ist eigentlich im Kopf angesiedelt?

Joachim Bauer: Genau. Spiegelneurone sind einerseits normale Nervenzellen, die unsere Handlungen, unsere Körperempfindungen und Gefühle steuern. Andererseits werden sie aber auch aktiv, wenn wir andere beobachten. Das heißt, im Gehirn des Beobachters läuft ein Simulationsprogramm ab, so dass der Beobachter „erlebt“, was der Beobachtete tut oder fühlt. Interessant dabei ist, dass unsere Spiegelzellen nicht nur Beobachtetes nachempfinden lassen, sondern auch eine Tendenz auslösen, das Beobachtete zu imitieren. Gefühle anderer stecken uns an. Kleine Kinder probieren spontan aus, was sie sehen. Erwachsene kontrollieren diese Tendenz.

Brigitte: Verliebte sind Weltmeister im einfühlsamen und wortlosen Verstehen. Später kommt es dennoch zu Missverständnissen und Beziehungskrisen. Haben da die Spiegelneurone versagt?

Joachim Bauer: Die Liebe ist eine besonders zauberhafte Form der Spiegelung. Aber Menschen wären überfordert, wenn sie sich ständig in den anderen hineinversetzen müssten. Daher braucht die Spiegelung im Verlauf einer Liebesgeschichte immer einmal Pausen, in denen man sich wieder auf sich selbst besinnen kann.

Brigitte: Gibt es Menschen, die mehr oder weniger Talent zum Einfühlungsvermögen haben?

Joachim Bauer: Frauen scheinen ein höheres Potenzial zur Anteilnahme und Intuition zu haben als Männer, was teils genetische, teils kulturelle Gründe hat. Grundsätzlich gehören Spiegelneurone zur biologischen Ausstattung eines jeden Menschen. Allerdings kommt es darauf an, ob die genetisch bereitgestellten Systeme genutzt werden. Das Gehirn verfährt nach der Devise „Use it or lose it“. Wer als Kind erfährt, dass niemand Rücksicht auf seine Gefühle nimmt, kann seine Spiegelsysteme nicht trainieren und deshalb auch nicht lernen, später auf die Empfindungen anderer Menschen zu achten.

Brigitte: Manche Menschen ziehen sich zurück, wenn ein anderer Mitgefühl braucht. Warum?

Joachim Bauer: Emotionen und der spiegelnde Austausch von Gefühlen mit anderen stellen Nähe her. Wenn Menschen entweder keine Nähe erfahren oder damit schlechte Erfahrungen gemacht haben, können sie Gefühle der Nähe nicht ertragen, selbst wenn sie noch so gut gemeint sind. Sie schützen sich dann, indem sie die Spiegelung verweigern.

Brigitte: Sie beschreiben, dass emotionale Aufmerksamkeit lebensnotwendig für Menschen ist. Ist dann die Ausgrenzung aus einer Gemeinschaft, wie zum Beispiel durch Mobbing oder Arbeitslosigkeit, nicht eine Art Körperverletzung?

Joachim Bauer: Das könnte man so sehen. Es ist nicht nur ein seelisches Bedürfnis, gesehen und erkannt zu werden. Säuglinge, die zwar Nahrung, aber keinerlei Zuwendung bekommen, nehmen auch körperlich Schaden. Kinder, die von ihren Eltern gespiegelt bekommen, sie seien nicht liebenswert, verinnerlichen diese Botschaft und halten sich für „schlecht“. Das gilt auch für Erwachsene. Wer von seinen Kollegen wie Luft behandelt und von der Gesellschaft als wertlos eingestuft wird, reagiert mit Angst und Stress. Chronischer Stress kann zur Schädigung oder Zerstörung von Nervenzellen im Gehirn führen. Die Spiegelzellen zeigen: Wir sind – auch aus neurobiologischer Sicht – Wesen, die gute zwischenmenschliche Beziehungen brauchen und suchen.

Buchtipp: Joachim Bauer: "Warum ich fühle, was du fühlst", 19,95 Euro, Hoffmann und Campe.

Interview: Regina Kramer BRIGITTE 09/05
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