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Isabell Horn "Jeder darf doch mal ein paar Therapiestunden nehmen"

Isabell Horn
© rosaundliebchen
Isabell Horn (38) feierte ihren Durchbruch mit ihrer Rolle als "Pia Koch" in GZSZ. Heute ist sie Influencerin, zweifache Mutter und Autorin. In ihrem Buch "Bleibt das jetzt so?" schreibt sie über ihre Depressionen.

"Ich sitze da, zwischen all den Leuten, in diesem Bilderbuch-Setting, und bin unendlich einsam. Weil niemand weiß, wie es in mir drin aussieht, weil niemand diese schwarze Wolke kennt, in der ich feststecke." Das sind Worte, die Isabell Horn in ihrem Buch "Bleibt das jetzt so?" schreibt. Worte, mit denen sie nicht nur sich selbst erklären, sondern vor allem eine Krankheit entstigmatisieren will, die uns alle betreffen kann: Depressionen.

Bereits drei depressive Episoden liegen hinter der Schauspielerin. Eine nach ihrem Rauswurf bei GZSZ, die zweite nach der Geburt ihres ersten Kindes und die dritte im Zuge der Corona-Pandemie. Vieles davon verarbeitet sie in ihrem Buch, welches kürzlich erschienen ist.

Brigitte: Was hat dich dazu bewegt, das Buch zu schreiben?

Isabell Horn: Ich habe mich letztes Jahr dazu entschlossen, meine Depressionen öffentlich zu machen und auf Social Media einen Beitrag dazu gepostet. Das hat mich sehr viel Überwindung gekostet, aber es war mir wichtig, ehrlich mit meiner Community umzugehen. Daraufhin habe ich so viele positive Nachrichten bekommen und gemerkt, dass ich mit dieser Krankheit nicht allein bin. Dass so viele Menschen betroffen sind, aber es nach wie vor ein Tabu-Thema ist und diese Krankheit nicht ernst genommen wird. Es gibt noch so viel Aufklärungsbedarf.

Deshalb enthält das Buch nicht nur deine persönliche Geschichte, sondern auch einen Sachbuch-Anteil?

Ja. Ich möchte aufklären. Ich möchte den Betroffenen aber auch Mut machen. Diese Krankheit kann jeder bekommen und jedem kann geholfen werden. Man braucht sich nicht dafür zu schämen, sich professionelle Hilfe zu suchen.

Du hast eine reaktive Depression. Das heißt, du kannst immer mal wieder in depressive Phasen rutschen. Kann man da Glücksmomente genießen?

Wenn es mir und meiner Familie gut geht und ich ausgeglichen bin, dann genieße ich das. Dann versuche ich, im Hier und Jetzt zu leben. Da sind meine Kinder ein tolles Vorbild. Sie leben absolut im Moment. Das genießen wir dann gemeinsam.

Und was, wenn es dir mal nicht gelingt, im Hier und Jetzt zu leben?

Ich weiß, dass es irgendwann in meinem Leben noch mal Herausforderungen geben wird. Aber ich bin darauf jetzt viel besser vorbereitet und merke rechtzeitig, wenn sich etwas anbahnt. Wenn ich im Alltag wahnsinnig müde bin, obwohl ich viel schlafe oder mich nicht mehr gut konzentrieren kann und unruhig werde, dann weiß ich schon: Es ist an der Zeit, einen Gang zurückzuschalten. Aktuell bin ich nicht in Therapie, aber ich kann meine Therapeutin jederzeit anrufen, wenn was ist. Lieber früher als zu spät.

Du schreibst im Buch auch über deinen Job als Influencerin und dass man schnell von der Bildfläche verschwindet, wenn man sich eine Auszeit nimmt. Hast du manchmal Existenzängste?

Bevor ich mich dazu entschieden habe, das Thema öffentlich zu machen, hatte ich Existenzängste. In dieser Zeit war ich generell noch recht negativ eingestellt und habe mir dann vorgestellt, dass ich alle Follower und Kunden verliere. Aber meine Familie und mein Management konnten mich vom Gegenteil überzeugen. Es geht im Leben immer weiter und das allerwichtigste ist die Gesundheit. Man darf sich bewusst Auszeiten nehmen. Ich konnte diese positive Fassade einfach nicht mehr aufrecht erhalten. Das hat sich nicht richtig angefühlt. Somit habe ich mich dann bewusst auf meine Therapie konzentriert. Erst als es mir besser ging, bin ich damit an die Öffentlichkeit gegangen. 

Heute teile ich mir meine Arbeit sehr gut ein. Ich lasse meine Follower an unserem Alltag teilhaben und bin sehr präsent. Mittlerweile habe ich eine gute Struktur entwickelt. Ich nehme mir immer wieder Zeit, Sachen zu produzieren, bin aber nicht tagtäglich online. Ich lege das Handy auch gerne mal bewusst zur Seite.

Du warst als Kind kurzzeitig im Ballettinternat. Dort hast du es aber nicht lange ausgehalten. Einer der Hauptgründe war die Konkurrenz unter Frauen. Ist das heutzutage auch noch ein Thema? Wie gehst du damit um?

Ich nehme den Konkurrenzkampf wahr – gerade auch in unserer Branche, aber ich distanziere mich bewusst davon. Ich finde es einfach wahnsinnig wichtig, dass gerade wir Frauen uns gegenseitig unterstützen und Kraft geben. Als Mama merke ich das noch mehr. Es gibt immer Mütter, die sich untereinander zerreißen. Wenn man sich zu sehr damit beschäftigt, zieht das nur noch mehr negative Dinge an. Im Grunde schadet man sich eigentlich nur selbst, wenn man seinen Mitmenschen den Erfolg nicht gönnt. 

Bleiben wir beim Thema Muttersein, Familie und Erziehung: Deine Eltern und die Art und Weise, wie sie miteinander umgegangen sind, hat dich und dein Innerstes sehr geprägt. Du hattest immer das Gefühl, zu schlichten und Verantwortung übernehmen zu müssen. Verübelst du ihnen das?

Nein. Überhaupt gar nicht. Das Band zu meiner Familie ist wahnsinnig stark. Darüber hinaus sind sie sehr stolz darauf, dass ich diesen Schritt wage und mit dem Buch an die Öffentlichkeit gehe. Ich liebe meine Eltern über alles. Sie wussten es damals nur nicht besser. Insbesondere in Bezug auf meine Mama. Dass ich eher Freundin als Tochter war, nehme ich ihr nicht übel. Ich habe durch meine Therapie sehr viel dazugelernt. Erörtert, warum es so weit gekommen ist und weshalb ich bei Krisen sensibler reagiere und nicht so eine hohe Resilienz aufgebaut habe. Aber das ist mein Weg und jede Krise stärkt. Ich bin sogar dankbar für diese Zeiten. So düster und schmerzhaft sie waren – es hat mich im Leben weitergebracht.

Berücksichtigst du das Erlebte bei der Erziehung deiner Kinder?

Ich nehme das alles mit in die Erziehung. Es kommt vor, dass ich Verhaltensmuster aus meiner eigenen Kindheit übernehme und die an meine eigenen Kinder weitergebe. Aber da bin ich sehr feinfühlig. Unsere Mäuse dürfen Kinder bleiben. Wir schützen sie. Gewisse Themen behandeln Jens (Anm. d. Red.: Lebensgefährte von Isabell Horn) und ich allein.

Erklärst du den Menschen dein Innenleben, wenn es dir schlecht geht? 

Ich habe gemerkt, dass, wenn man ehrlich mit dem Thema umgeht, immer mehr Mitmenschen auf einen zukommen und sich ebenfalls öffnen und ihre Geschichte erzählen. Genauso ist es mit meiner Community. Es hilft, darüber zu reden, zu schauen: Was hat mir geholfen? Wie kann ich meine Erfahrungen weitergeben? Das Allerschlimmste ist doch, zu denken man wäre damit allein.

Das Verständnis für sich selbst ist dann viel größer. Und man merkt, dass psychische Krankheiten eigentlich auch nichts anderes, als ein gebrochenes Bein sind. Mit der Ausnahme, dass viele nicht so offen darüber reden.

Total. Ich muss aber auch dazu sagen, dass ich eine sehr reife Community habe. Da ist kaum eine Stimme, die sagt, ich solle mich zusammenreißen oder dankbar sein.

Und was machst du, wenn doch mal ein fieser Kommentar kommt?

Ich höre mir das an, denn jeder darf seine eigene Meinung haben. Ich versuche dann aufzuklären, dass es eine Krankheit ist und dass es jeden treffen kann. Aber ich muss die Menschen auch nicht bekehren.

Du hast deinen Freund kurz nach deiner ersten depressiven Episode kennengelernt. Fiel es dir schwer, dich ihm gegenüber verletzlich zu zeigen und mit ihm darüber zu sprechen?

Als ich ihn kennenlernte, ging es mir wahnsinnig gut. Ich konnte das Leben wieder genießen und habe diese Liebe dadurch vermutlich auch angezogen. Zwischen uns wurde es schnell sehr innig. Natürlich erzählt man das nicht beim ersten Date, aber irgendwann, als unsere Beziehung gefestigt war, tat ich es. Ich bin ein offenes Buch und ich finde das auch genau richtig.

Dein Freund hat die Postnatale Depression und auch die Depression während des Lockdowns miterlebt. Hattest du Angst, damit eure Beziehung zu gefährden?

Ich hatte Angst, dass ich ihm zu viel zumute. Ich bin eigentlich eine sehr selbstbewusste Frau, die mit beiden Beinen im Leben steht. Die die Dinge anpackt. Doch dann war ich in diesen Phasen einfach zu nichts mehr fähig. Die kleinsten Dinge im Alltag waren mir schon zu viel. Ich lag eigentlich 24 Stunden im Bett. Das war schon sehr schwer für ihn. Aber ich habe nie daran gezweifelt, dass wir uns verlieren.

Gibt es seitdem eine Veränderung in der Beziehung? Hat sich euer Alltag verändert?

Ich weiß jetzt ehrlich gesagt nicht, was uns beide noch auseinanderbringen kann. Er ist sehr feinfühlig geworden und spürt, wenn es mir mal nicht so gut geht. Dann ist er auch sehr rücksichtsvoll. Und ich unterstütze ihn natürlich auch liebend gerne.

Es ist sicher nicht verkehrt, Männer für das Thema zu sensibilisieren, da sie ihre Traurigkeit häufig nicht zeigen.

Absolut. Wir nehmen das auch mit in unsere Kindererziehung. Jedes Gefühl – egal ob Junge oder Mädchen – hat seine Berechtigung. Und bei uns gibt es nicht dieses typisch Junge, typisch Mädchen. Oder Sprüche wie "Der Indianer kennt keinen Schmerz". Wenn es wehtut, dann darf geweint werden. Dann wird getröstet. Jungs dürfen genauso weinen und Gefühle zeigen wie Mädchen.

Du hast dich oft mit anderen verglichen, warst sogar der Überzeugung, dass andere den Therapieplatz mehr verdienen als du. Glaubst du, dass man Leid vergleichen kann?

Nein, das kann man nicht vergleichen. Jedem darf geholfen werden und jeder nimmt Krisen und schwierige Phasen anders wahr. Jeder hat seine persönliche Geschichte und Vergangenheit. Aber natürlich habe ich mir in diesen Phasen oft eingeredet, dass es mir doch gar nicht so schlecht gehen darf. Mich hat zum Beispiel meine Kündigung bei GZSZ komplett aus der Bahn geworfen und ich habe mich gefragt, warum stecken andere eine Kündigung besser weg? Wenn man dann einmal in diesem negativen Strudel gefangen ist, dann führt der Weg eigentlich nur nach unten. Vergleichen macht absolut keinen Sinn.

Das hat auch etwas mit dem Charakter zu tun. Wenn man privilegiert ist, heißt das nicht, dass man automatisch resilient ist.

Ich bin ein sehr emotionaler Mensch. Deshalb sauge ich alles um mich herum auf wie ein Schwamm und kann mich gar nicht davon abgrenzen. Durch die Therapie konnte ich glücklicherweise viel dazu lernen und meine negativen Glaubenssätze ablegen. Aber das ist ein Prozess und ich bin noch lange nicht am Ende. Schlussendlich macht alles im Leben Sinn.

Und es ist in Ordnung, sich dabei Hilfe zu holen.

Es ist sogar zwingend notwendig. Wenn man daran erkrankt, schafft man es nicht allein daraus. Es gibt großartige professionelle Unterstützung. Jeder darf doch mal ein paar Therapiestunden nehmen. Man muss aber natürlich selbst erkennen, dass man Hilfe braucht. Manchmal braucht es dafür auch einen kleinen Schubser von der Familie oder Freunden.

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"Bleibt das jetzt so?" von Isabell Horn ist am 21. September 2022 im Heyne-Verlag erschienen.

Brigitte

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