Jetzt bin ich mal dran!

Kinder und Mann, Eltern und Freunde, Job und Haushalt beanspruchen uns gleichzeitig. Und was ist mit der Selbstverwirklichung? Die findet vielleicht gerade da statt: im prallen Leben.

Frustriert lege ich den Hörer auf. Es kann doch nicht so schwierig sein, einen Weiberabend auf die Beine zu stellen! Schließlich treffen wir uns, in loser Formation, seit Jahren, seit Jahrzehnten, unregelmäßig, unorganisiert, wir ziehen uns schön an, trinken zu viel Weißwein, reden, lachen. Unsere Treffen haben uns durch alte Lieben und Babyphasen begleiteten, durch Trennungen und neue Lieben, Umzüge und Wegzüge, Karrieresprünge und Bauchlandungen. Wir haben stürmische Zeiten durchlebt, und manchmal sieht man uns das auch an, im falschen Licht.

Aber daran liegt es nicht, dass wir plötzlich kaum mehr zusammenzutrommeln sind. "Dienstags kann ich nicht", entschuldigt sich Susanne, "da geh ich immer mit meiner Mutter einkaufen. Und nachher Essen. Mittwoch wäre gut, da kommt der Freund meiner Tochter zu Besuch, da bin ich gern aus dem Haus."

Studie: Wenn Frauen das tun, gelten sie als "kalt, weniger klug oder oberflächlich"

Mittwochs kann ich nicht, da sitze ich im Auto: fahre den jüngeren Sohn zum Karate und dann meine Mutter ins nahe Thermalbad. Dann also Donnerstag. Doch da tritt Annette im Pflegeheim zur Krisensitzung an, weil ihr Vater wieder mal einen Pfleger beleidigt hat, dabei meint er es gar nicht so. Seit wann dauern Besuche im Pflegeheim bis in die Nacht? "Hör mal, nach so einem Termin kann ich nur noch vor dem Fernseher einschlafen! Diskutier du mal mit einem Kehlkopfoperierten über Umgangsformen!"

Regine hingegen kann gar nichts planen: Ihre Schwiegermutter hat einen Hirnschlag erlitten, ihre Tochter den Ellbogen kompliziert gebrochen, und selbstverständlich liegen sie nicht im selben Krankenhaus. Das wäre zu einfach. So kurvt sie von einem Ende der Stadt zum anderen. Immer in Sorge um die beiden. "Ich bin in zwei Wochen zehn Jahre gealtert", sagt sie. "Dafür kenn ich jeden Taxifahrer der Stadt." Also vielleicht nächsten Monat, sagen wir. Wir melden uns. Versprochen.

Tja - das haben wir nun davon, dass wir die Stationen unseres Lebens nicht pünktlich, ordentlich und chronologisch richtig abgehakt haben

Früher waren es die Kinder, die dazu neigten, krank zu werden, wenn wir Mütter etwas Lustiges vorhatten, das sie nicht einschloss. Die Väter, die gerade an diesen Abenden länger arbeiten mussten. Die Babysitter, die uns aus akutem Liebeskummer kurzfristig im Stich ließen. Trotzdem haben wir es immer geschafft, uns zu sehen. Und irgendwann, so versicherten wir uns gegenseitig, irgendwann würde alles besser werden, einfacher, planbarer, überschaubarer. Nur wann? Die Kinder werden größer und mit ihnen unsere Freiheit. So stellten wir uns das vor. Die einfache Rechnung, dass zu dem Zeitpunkt dann vermutlich unsere Eltern dran wären mit Betreuungsansprüchen, die hatten wir nie gemacht. Unterdessen sind unsere Kinder groß, was manche von uns nicht daran gehindert hat, noch einmal von vorn zu beginnen. Wir haben Teenager und Kleinkinder aus einer oder mehreren Beziehungen, die ganz unterschiedliche Ansprüche an uns stellen. Und unsere Eltern werden langsam alt. Ob sie nun, wie meine Mutter, nur ab und zu etwas Unterstützung in lästigen Haushaltsdingen brauchen oder wie Regines Schwiegermutter ständige Pflege benötigen - ohne uns geht es nicht. Wir betreuen unsere Kinder noch und unsere Eltern schon. Wir betreiben eine ganz neue Form von Multitasking, die frühere Generationen nicht kannten.

Wir konnten es uns leisten, ein paar Jahre lang hauptberuflich Punkkonzerte zu besuchen

Tja - das haben wir nun davon, dass wir die Stationen unseres Lebens nicht pünktlich, ordentlich und chronologisch richtig abgehakt haben. Dass wir unsere Kinder spät oder in mehreren Schüben bekommen haben, dass wir mehrere Familienphasen aneinander hängten und gleichzeitig unseren Beruf ausübten.

Das wäre an sich ja noch kein Problem, wenn wir nicht im festen Glauben aufgewachsen wären, es ginge im Leben um uns. Generation Me! Wir wollten uns selbst verwirklichen, wir glaubten fest, das stünde uns zu. Wir kehrten unserer behüteten Mittelschicht den Rücken, nicht aber dem Geld, das wir ab und zu zugesteckt bekamen. Wir standen in der Berufswahl viel weniger unter Druck als die Generationen vor und nach uns. Eine feste Anstellung war nicht unser größtes Ziel, sondern unser letzter Ausweg. Wir konnten es uns leisten, "ein paar Jahre lang hauptberuflich Punkkonzerte zu besuchen", wie Annette es einmal ausdrückte. Wir zögerten das Erwachsenwerden hinaus, hausten in WGs, fingen Ausbildungen an und brachen sie wieder ab. Halbe Tage saßen wir herum und redeten, stundenlang befassten wir uns mit uns selbst, mit unseren Gefühlen, unseren Neigungen. Vielleicht, denke ich heute, vielleicht haben wir ja damals Kräfte gesammelt.

"Das Leben findet in Phasen statt", sagt meine Mutter, die mit über siebzig auf dem Höhepunkt ihrer Karriere als Sachbuchautorin und Supervisorin steht. Aus dieser Warte findet sie es heute ganz richtig, dass sie erst mit dem Studium begonnen hat, als mein Bruder und ich schon Teenager waren. Dass sie gewartet, zurückgesteckt hat. "Ich verwirkliche mich jetzt." Was aber, wenn sich der Erfolg nie eingestellt hätte? Wenn nach dem Zurückstecken nichts mehr gekommen wäre?

Man kommt im Leben nie an, und das ist gut so

Plötzlich erinnere ich mich wieder, wie ich als junges Mädchen von jedem neuen Lebensjahr etwas Konkretes erhoffte: Wenn ich erst achtzehn bin, dachte ich, habe ich das Leben im Griff. Weiß ich, wer ich bin und was ich kann. Na gut: einundzwanzig. Dreißig. Fünfunddreißig. Die Jahre vergingen, ich glich die Deadline nach oben an. Irgendwann sah ich ein: So geht das nicht. Man kommt im Leben nie an, und das ist gut so.

Weshalb mache ich dann heute wieder dieselbe Rechnung? Ich denke an all die Dinge, die ich noch mal machen wollte. Zum Beispiel den plan- und ziellosen Roadtrip durch die USA, einmal rechts abbiegen und einmal links, ganz nach Lust und Laune. Eine Reise, zu der ich nicht gekommen bin, als ich in Amerika lebte, weil meine Roadtrips damals zwischen Schule, Einkaufszentrum und Basketballturnier stattfanden. Vielleicht, wenn ich fünfzig bin. Dann ist der Jüngste neunzehn... Sagen wir fünfundfünfzig. Nein, halt - ich habe sowohl meiner Mutter wie auch dem Schwiegervater versprochen, dass sie nicht ins Heim kommen. Dass sie bei mir wohnen können. Sollte es nötig werden. Ich glaube nicht, dass sie damit eine Matratze auf der Ladefläche eines amerikanischen Trucks gemeint haben...

Wann also kommt meine Zeit? Ich quengle wie ein kleines Kind: Wann kommt sie? Vielleicht kommt sie nie. Vielleicht ist sie immer. Mein Leben verläuft nicht wie das meiner Mutter in Phasen. Nein, bei mir muss alles auf einmal passieren und alles sofort. In der Schweiz gibt es das strenge Sprichwort, das besagt, man könne nicht den "Fünfer und's Weggli" haben, das Brötchen und das Geld für das Brötchen. Schon als Kind wollte ich das nicht einsehen. Ich will beides, ich will alles. Und ich habe es auch: Alles heißt eben alles. Ein Buch schreiben, ein Kind bekommen, das Abendessen anbrennen lassen, eine Rede halten, zum Karate fahren und ins Thermalbad. Vielleicht ist genau das "meine Zeit": das pralle Leben, mit allem, was dazugehört - Kindern, Eltern, Ansprüchen, lauten Stimmen, Lachen. Vielleicht ist das mein Roadtrip. Aber hin und wieder ein Weiberabend, das muss sein!

Acht Jahre lebte Milena Moser in den USA, eine Zeit, in der sie BRIGITTE WOMAN-Leserinnen viele liebevollentlarvende "Einblicke" in die Westküsten-Metropole San Francisco vermittelt hat. Im vergangenen Jahr kehrte sie mit ihrer Familie in die Schweiz zurück. Ihr neuer Wohnort ist ein "uncooles" 4000-Seelen-Dörfchen: Möriken-Wildegg im Aargau, ein Kanton, über den der Rest der Schweiz gern Witze macht. Zuletzt veröffentlichte Milena Moser den Roman "Schlampenyoga" (255 S., 7,95 Euro, Heyne); ihr für den Herbst geplantes neues Buch "Stutenbiss" ist, wie sie sagt, "ein Pferderoman fürs mittlere Alter".

Text: Milena Moser Fotos: photocase.de BRIGITTE WOMAN Heft 05/2007
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