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Judith Etz Die Kirchengemeinde diktierte mir mein Leben

Judith Etz: eine junge Frau läuft barfuß mit den Schuhen in der Hand in einem alten Gebäude
© Sunti / Shutterstock
Falsche Ehe, falscher Job – Judith Etz ließ sich von der Kirchengemeinde ihr Leben diktieren. Und brauchte lange, um wirklich auf eigenen Füßen zu stehen.

Wie das Leben so spielt

Ich habe früh geheiratet. Mein Mann und ich waren in derselben Kirchengemeinde, einer Freikirche, und die hat in meiner Familie schon immer eine große Rolle gespielt. "Gefunkt" hat es, da war ich 17. Bei der Hochzeit dann gerade 19. Schließlich wurde in der Gemeinde gepredigt, man müsse seinen ersten Partner heiraten.

Die Ehe verlief dann bald übel. Mein Mann entpuppte sich als Kontrollfreak, ich fühlte mich eingesperrt. Er schrieb mir vor, welche Freunde mir guttun und welche nicht. Wie ich mich anzuziehen hätte. Und immer nur Kritik: "Nicht gut genug, nicht schön genug, nicht fleißig genug, nicht genug." Schon bald riss er in Gesellschaft Witze über mich. Ich bekam Angst vor ihm. Aber für die Gemeinde wäre eine Scheidung Sünde. Ich fügte mich. In der Kirche hatte ich doch von klein auf gehört, die Frau müsse sich ihrem Mann unterordnen.

Auch das ließ ich mir einreden: nach dem Abi "was Richtiges“ zu lernen, statt zu studieren. Also wurde ich Bankkauffrau. Ein Beruf, der mich einengte. Das begann schon beim Dresscode: Bluse, schicke Hose, elegante Schuhe mit Absatz.

Barfußlaufen als Heilmittel

Als Teenager hatte ich das Barfußlaufen für mich entdeckt. Mit sieben Jahren wurde bei mir Morbus Basedow, eine Autoimmunkrankheit der Schilddrüse, festgestellt. Mein Körper griff das Organ an, und das Einzige, was der Schulmedizin dazu einfiel, waren radioaktive Bestrahlung oder eine radikale OP. Das wollte ich nicht, und als ich dann in Berichten über die heilsame Wirkung des Barfußlaufens las, probierte ich es damit. Es tat mir gut. Aber die Reaktionen verunsicherten mich. Meinen Eltern war ich peinlich.

Nun also schwollen meine Füße an und passten nur noch unter Schmerzen in die schicken Job-Schuhe. Gleichzeitig wurde meine Krankheit immer schlimmer. Ich litt unter Schlaflosigkeit, Herzrasen, Heißhunger, Atemnot. Meinen Chefs machte ich nichts recht. Ich wurde wie in der Ehe nur kritisiert.

Ich musste aus meinen Schuhen, aus meinem Leben, aus der Gemeinde! Aber da waren ja auch meine Eltern. Ihnen war die Kirche so wichtig und ich wollte sie nicht kränken. Ich liebe sie doch! Aber gerade weil ich ihnen so nahe war, fand ich irgendwann dann doch den Mut, mit ihnen zu sprechen. Ich sagte ihnen sanft, aber bestimmt, ich müsse einen anderen Weg gehen als sie.

Barfuß in die Zukunft

Danach ging alles sehr schnell: Ich kündigte, reichte die Scheidung ein, wurde deshalb aus der Gemeinde ausgeschlossen und setzte mit 21 schrittweise meine Medikamente ab. Dass aus diesem radikalen Ende ein Neuanfang wurde, war letztendlich auch wahnsinniges Glück. Auf einer Networking-Veranstaltung gewann ich eine einjährige Weltreise! England, Neuseeland, Hongkong, Rarotonga, Costa Rica, Nevada – immer mit nackten Füßen. Natürlich war das oft schmerzhaft. Aber je weiter ich wanderte, desto mehr kam ich bei mir selbst an. Ich schloss Frieden mit meiner Vergangenheit – und mit meinem Körper. Meine Krankheit ist heute nicht mehr nachweisbar. Inzwischen lebe ich die Hälfte des Jahres auf Hawaii, die andere reise ich. Barfuß natürlich. 

Brigitte

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