Kann ich mich ändern? Na klar, kannst du!

Wir sind schon okay so, wie wir sind. Aber etwas selbstbewusster wäre schön. Ein bisschen mutiger. Oder gelassener, zuversichtlicher. Geht das? Ja! Geben wir unserem neuen Ich die Chance, sich zu entfalten.

"Ich will so bleiben, wie ich bin", lautet eine bekannte Werbefloskel und im dazugehörigen Spot sah man eine junge Frau, die sich im Vorübergehen in einem Schaufenster bewunderte. Werbung eben. Im realen Leben dagegen würden sich laut einer amerikanischen Studie neun von zehn Menschen gern verändern, und wer im Buchladen mal in die Selbsthilferatgeber-Abteilung schaut, hat ohnehin den Eindruck, dass niemand stolz auf sein aktuelles Ich ist. Stattdessen will man Schweinehunde überwinden, ausgeglichener, zielstrebiger, selbstbewusster, erfolgreicher sein und unwiderstehlicher für das andere Geschlecht. Auch gern mehr Powerfrau, vom Lauch zum Boss und glücklicher ja sowieso.

Auch mal die Komfortzone verlassen

Geht das überhaupt? Kann die Melancholikerin mit Hang zu Grübeleien plötzlich zur Strahlefrau werden, nachdem ihr beim Life-Coaching-Seminar hundertmal ins Ohr gebrüllt wurde: "Du bist ein Gewinner!"? Oder ist es eher so wie beim 25-jährigen Abitreffen, wo man erschüttert feststellt, dass die ehemaligen Mitschüler*innen zwar gealtert sind (selbstverständlich viel mehr als man selber), aber sich sonst so gar nicht verändert haben?

Was ist hier zu sehen? Eure Antwort lässt tief blicken ...

Unsere Persönlichkeit ist nicht unendlich wandlungsfähig. Und das ist auch gut so: Sie ist schließlich das, was uns ausmacht. Dennoch verändert sie sich oft über das Lebensalter, durch den Beruf, durch Erfahrungen. Unser Umfeld bestimmt mit, wer wir sind. Und daraus resultiert nun die gute wie auch schlechte Nachricht: Natürlich können wir uns - in einem gewissen Rahmen - verändern, wenn wir wollen. Nachteil: Wir müssen dafür meist etwas tun, das außerhalb unserer Komfortzone liegt.

Wer introvertiert ist, wird niemals eine Rampensau. Aber es gibt genug Nuancen dazwischen. Man muss sie nur rauskitzeln.

An sich neigt der Mensch ja dazu, seine Persönlichkeitsmerkmale selbst zu stabilisieren: Wer introvertiert und schüchtern ist, wird eher nicht beim Diary Slam die peinlichsten Erlebnisse seiner Jugend vorlesen, sondern sich lieber mit einem Buch zurückziehen. Wer Angst vor Neuem hat, wird nicht unbedingt allein für ein Jahr ins Ausland gehen, sondern sich einen sicheren Job in der Heimatstadt suchen. Wer nicht gern mit fremden Menschen umgeht, wird kein Ehrenamt in der Bahnhofsmission anfangen. Und natürlich ist das alles vollkommen in Ordnung. Kommt in einem aber der Wunsch auf, nicht nur schüchtern in der Ecke zu stehen, sondern mehr gehört zu werden, oder Ängste zu überwinden, um sich interessante Erlebnisse zu ermöglichen - dann muss man sich genau den Herausforderungen stellen, die man sonst meiden würde.

Voraussetzungen für eine Persönlichkeitsveränderung

Die Berliner Psychologieprofessorin Jule Specht nennt in ihrem Buch "Charakterfrage" drei Voraussetzungen für eine Persönlichkeitsveränderung: 1. Eine neue Lebenssituation, in der man nicht passiv verharren kann, sondern sich aktiv verhalten muss. 2. Es ist klar, dass in der neuen Situation alte Verhaltensmuster nicht mehr taugen, und man weiß 3., was von einem erwartet wird. Und wer sich verändern will, sollte sich gezielt solche Situationen suchen.

Das Gute ist: Wer 50 Reden vor großem Publikum gehalten hat, mag zwar im Herzen immer noch introvertiert sein, wird es aber nicht mehr als persönliches Hindernis empfinden. Wer länger ins Ausland geht, lernt zwangsläufig, offener zu werden für neue Erfahrungen, denn sonst würde es ihm vor Ort nicht gut gehen. Auf dem Weg zur neuen Person könnte sich dann etwas Überraschendes herausstellen: dass die langjährige Aussage "So bin ich eben!" nur eine Ausrede war. Denn unsere Persönlichkeit ist ein komplexes Gebilde mit vielen Facetten, die wir nur nicht ausleben. Aber wir sollten es tun. Warum? Hierzu ein Zitat aus Pedro Almodóvars Film "Alles über meine Mutter": "Weil wir umso authentischer sind, je näher wir dem Traum werden, den wir von uns selbst haben." 

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BRIGITTE 24/2019

Wer hier schreibt:

Sonja Niemann
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