Kann man lernen, Schönheit zu sehen?

An anderen erkennen wir die Magie von Ausstrahlung und innerer Schönheit, an uns sehen wir nur die Speckrollen. Warum fällt es uns so schwer, unsere eigene Attraktivität wahrzunehmen? Ein Gespräch mit der Theater-Autorin und Frauenrechts-Aktivistin Eve Ensler.

Eve Ensler

Brigitte: Frau Ensler, wie definieren Sie Schönheit?

Eve Ensler: Für mich wird ein Mensch dadurch schön, wie er handelt, wie er sich in der Welt bewegt, wie liebevoll er sich anderen Menschen gegenüber verhält. Ich habe vor einigen Monaten einen Arzt im Kongo kennen gelernt, der dort Frauen behandelt, die brutale Vergewaltigungen erlebt haben. Und dieser Mann war so gütig in seinem Umgang mit den Frauen, in der Art, wie er mit ihnen sprach, wie er sie hielt, berührte und umhegte, dass ich irgendwann dachte: Das ist der schönste Mann, den ich je getroffen habe. Ich habe mir nicht einmal Gedanken darüber gemacht, ob er auch körperlich attraktiv ist, bis jemand zu mir sagte: "Na ja, er sieht ja ganz gut aus." Aber das spielte für mich keine Rolle. Ich würde mir ein Schönheitsideal wünschen, das auf dem Handeln von Menschen beruht, nicht auf ihrem Aussehen.

Brigitte: Früher haben Sie Schönheit aber durchaus an Äußerlichkeiten festgemacht: Sie haben mit "The Good Body" ein Theaterstück darüber verfasst, wie fanatisch Sie Ihren Bauchspeck bekämpft haben.

Eve Ensler: Ja, das stimmt. Als ich mit "The Good Body" anfing, wollte ich erkunden, warum ich so besessen von meinem Bauch war. Ich habe ihm jeden Tag geschrieben, in einer Art Tagebuch, und mein Bauch hat mir zurückgeschrieben.

Brigitte: Tatsächlich? Und was hatte er zu sagen?

Eve Ensler: Mein Bauch hat mir erzählt, warum er so verwirrt und gestört war, warum er sich selbst so hasste und was in ihm steckte, das dort nicht hingehörte. Das waren Kindheitstraumata, aber auch Ideale und Vorstellungen, die andere Menschen mir eingehämmert hatten. Und ich habe dann sortiert, was wirklich ein Teil von mir war und was von außen kam. Etwa dieser Traum, superdünn zu sein: War das mein eigener Traum? Oder der Traum meines Vaters? Mein Vater aß nicht gern, und er hatte es auch nicht gern, wenn andere Menschen aßen. Das hatte ich verinnerlicht, aber es war nicht wirklich meins.

Brigitte: Klingt nach einem langwierigen Prozess, Ihren eigenen Körper schön zu finden...

Eve Ensler: Ich versuche seit Langem, aus dieser Zwickmühle von Selbsthass und Selbstzerstörung herauszukommen, in der viele Frauen in westlichen Gesellschaften stecken. Es war ein langer Weg, und dazu gehörte, dass ich mich ehrlich damit auseinandergesetzt habe, was ich für meinen Körper empfand. Inzwischen fühle ich mich nahezu frei. Ich sorge gut für meinen Körper, ich ernähre mich gesund und treibe Sport, weil ich fast 200 Tage im Jahr auf Reisen bin, und dafür muss ich einfach gut in Form sein.

Brigitte: Und über Ihren Bauch denken Sie heute überhaupt nicht mehr nach?

Eve Ensler: Ich habe gelernt, mich auf andere Dinge zu konzentrieren. Natürlich gibt es Tage, an denen ich morgens vor dem Spiegel stehe und denke: Äh! Aber dann zucke ich mit den Achseln. Die meiste Zeit mag ich meinen Körper heute; ich bin regelrecht dankbar dafür, dass ich einen Körper habe und dass er jeden Morgen zur Arbeit antritt, mich mit Sauerstoff versorgt und von A nach B transportiert.

Brigitte: Warum verbringen Frauen so viel Zeit damit, einem unerreichbaren Schönheitsideal hinterherzujagen?

Eve Ensler: Wir leben in einer Welt, die ununterbrochen versucht, uns davon zu überzeugen, dass wir nicht so aussehen, wie wir aussehen sollten. Wir sehen die Bilder ja überall, in der Werbung, den Zeitschriften, im Fernsehen, in der Star-Kultur, in den Geschäften, und es ist wahnsinnig schwer, sich dieser Vorgabe zu entziehen. Ich lästere immer, dass es bloß sechs Frauen in Island gibt, die dem gängigen Schönheitsideal überhaupt entsprechen: groß, sehr schlank, hellhäutig, blond. Die allermeisten Menschen auf unserem Planeten sind klein, dunkel und rundlich. Der Schönheitswahn lenkt uns Frauen ab. Und er hält uns davon ab, die Macht in der Welt zu reklamieren, die uns zusteht.

Brigitte: Das ist ein altes feministisches Argument, aber es erklärt nicht, warum die meisten Frauen sich häufig gern und lustvoll schön machen.

Eve Ensler: Es gibt einen Unterschied zwischen der zwanghaften Arbeit am eigenen Körper, bei der Diät, Training oder Botox-Spritzen zum einzigen Lebensinhalt werden, und einer rituellen Schönheitspflege, die Frauen sich gönnen, um sich selbst Vergnügen zu bereiten. Man kann als Frau durchaus einen Platz in der Welt einnehmen, Ideen entwickeln, Macht ausüben und dabei noch gepflegte Zehennägel haben.

Brigitte: Sie behaupten in "The Good Body", dass unser Schönheitsideal viel mit den Erwartungen an Frauen zu tun hat, immer brav, nett und gut zu sein. Wo genau sehen Sie den Zusammenhang?

Eve Ensler: Wir leben immer noch in einer von Männern dominierten Welt, und da wird Frauen nicht beigebracht, laut, wild und fordernd zu sein. Nein, wir sollen still sein, unsere Beine geschlossen halten, uns anständig benehmen - wir können die ganze Liste durchgehen. Und dazu passt das Schönheitsideal des Dünnseins sehr gut. Frauen sollen dünn sein, damit sie nicht zu viel Platz einnehmen in der Welt. Im Augenblick geht der Trend dahin, dass Frauen immer weniger und weniger werden, und wenn man sich die jungen Mädchen anschaut, die sich halb zu Tode hungern, dann sieht man doch, dass sie weniger Kraft haben, weil sie nicht essen, und dementsprechend auch weniger in der Welt bewegen können.

Brigitte: Aber selbst in der Modebranche wird derzeit über die Magermodels und ihre schädliche Vorbildwirkung debattiert.

Eve Ensler: Ich glaube nicht, dass die Modebranche wirklich ein Problem mit den Models hat. Der Druck kommt von außerhalb, von normalen Leuten. Ich finde es großartig, dass es diese Auseinandersetzung gibt, und ich hoffe, sie wird sich noch zuspitzen. Es handelt sich um junge Frauen, die sich selbst auslöschen, die langsamen Selbstmord begehen, und die sollen wir vergöttern?

Brigitte: Frauen finden häufig andere Frauen schön, die den gängigen Idealen gar nicht entsprechen. Warum fällt es uns so schwer, auch mit uns selbst so großzügig zu sein?

Eve Ensler: Weil uns von klein auf eingetrichtert wird, vor allem unsere eigenen Fehler zu sehen. Wie oft hört man eine Mutter zu ihrer Tochter sagen: "Oh, das Kleid macht dich aber dick." Oder: "Diese Frisur steht dir nicht." Und wenn wir uns dann selbst anschauen, sehen wir irgendwann nur noch diese Fehler. Außerdem ist für Frauen Schönheit immer noch ein wichtiges gesellschaftliches Kapital. Auch viele Männer sind zwar inzwischen von ihrem Körper besessen, aber nicht so elementar wie Frauen. Männer denken nicht: Ich finde bestimmt keinen guten Job, wenn ich nicht schlank und schön bin und nicht die richtigen Klamotten trage. Für Frauen ist ihr Aussehen auf dem Arbeitsmarkt weiterhin ganz entscheidend.

Brigitte: Schöne Frauen werden belohnt für ihre Attraktivität: mit Bestätigung und Bewunderung, aber auch mit materiellen Vorteilen. Macht es insofern nicht Sinn für Frauen, Schönheit anzustreben?

Eve Ensler: Nein, denn sie bleiben gefangen in einem System, in dem andere Kräfte bestimmen, welche Frau dank ihrer Attraktivität Wert hat und welche nicht, wer belohnt wird und wer nicht. Ich finde es viel erstrebenswerter zu sagen: Lasst uns das absurde System mit seiner Hierarchie von Schönen und Nicht- Schönen verändern, das so viele Frauen unterdrückt und zerstört. Ich will die Vorstellung von Schönheit auseinandernehmen, ich will das Ideal, das uns vorgesetzt wird, ganz grundsätzlich in Frage stellen.

Brigitte: Sie haben als Gründerin von "V-Day", einer Organisation, die Gewalt gegen Frauen bekämpft, Geschlechtsgenossinnen in dutzenden von Ländern getroffen. Haben Sie je welche kennen gelernt, die überhaupt nichts an ihrem Körper auszusetzen hatten?

Eve Ensler: Einige wenige, vor allem im afrikanischen Busch, aber auch manche älteren Frauen in Europa oder Indien. In Afrika gab es sogar einige Frauen, die meine Frage "Liebst du deinen Körper?" gar nicht verstanden haben. Die sagten zu mir: "Bist du verrückt? Natürlich liebe ich meinen Körper. Es ist schließlich mein Körper." Aber das waren wirklich Ausnahmen. Die allermeisten Frauen haben irgendeinen Körperteil, den sie hassen, und sie können einem wie aus der Pistole geschossen sagen, was mit ihnen angeblich nicht stimmt.

Brigitte: Lässt sich dieser Schönheitswahn bekämpfen? Können wir lernen, unsere wahre Schönheit zu sehen?

Eve Ensler: Ja, indem wir uns jeden Tag aufs Neue dafür entscheiden, das Spiel nicht mitzuspielen. Wir müssen lernen, mit uns selbst zu leben, so wie wir sind. Wir müssen sagen: Dies bin ich! So sehe ich aus! Und ich werde meine Zeit nicht mit Schöhnheitswahn verschwenden, sondern sie sinnvoll nutzen. Ich werde gegen den Krieg im Irak kämpfen oder für den Umweltschutz. Eine der radikalsten Entscheidungen, die man treffen kann, ist die, seinen eigenen Körper zu lieben.

Brigitte: Das ist leichter gesagt als getan, oder?

Eve Ensler: Ja, es handelt sich um einen Prozess, man kann diese Besessenheit nicht einfach abstellen. Ganz wichtig ist es für Frauen, eine Gemeinschaft zu haben, das Gefühl, dass man mit seiner Erfahrung nicht allein ist. Bei Aufführungen von "The Good Body" reagieren die Zuschauerinnen oft sehr heftig und laut auf das, was auf der Bühne gesagt wird - ich bekomme fast eine Gänsehaut dabei, so intensiv ist die Auseinandersetzung. Die Frauen merken: Oh, das ist gar nicht mein privates Problem, sondern es ist ein politisches, ein gesellschaftliches Problem. Das ist der Anfang einer Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper.

Brigitte: Gehässig gesagt: Nur wer zu viel Zeit hat und nicht ums Überleben kämpfen muss, kann sich übertriebenen Schönheitswahn überhaupt leisten.

Eve Ensler: Stimmt. Ich glaube darum auch, dass das Gegenmittel zu diesem Selbsthass eine Aufgabe ist. Etwas, womit man anderen Menschen in der Welt hilft. Etwas, das größer ist als die eigenen Probleme. Für mich ist das "V-Day": Wir haben in zehn Jahren fast 50 Millionen Dollar für Anti-Gewalt-Projekte gesammelt. Menschen vergeuden ihre Zeit damit, sich selbst zu attackieren, wenn sie sich nicht nützlich fühlen und nicht wissen, wozu ihr Leben gut sein soll. Wer sich aber eine gesellschaftliche Aufgabe sucht, für den schrumpft die Frage, ob das Haar heute perfekt geföhnt ist oder die Jeans noch gut sitzt, zur Bedeutungslosigkeit zusammen.

Brigitte: Trotzdem: Alle Gesellschaften aller Zeiten haben Schönheitsideale gehabt. Lässt sich das abschaffen?

Eve Ensler: In Afrika hat eine Frau zu mir gesagt: "Schau dir diesen Baum an! Und jetzt jenen Baum! Würdest du sagen, dass der erste Baum nicht schön ist, nur weil er anders aussieht als der zweite Baum? Natürlich nicht!" Seitdem gehe ich manchmal durch die Straßen, schaue Frauen an und denke: Oh, da ist eine Weide! Oder eine Eiche! Oder eine Buche! Und alle sind sie schön. Wir müssen lernen, genau diese Vielfalt zu begrüßen und wertzuschätzen. Und ich glaube, dass wir das können.

Die Amerikanerin Eve Ensler, 54, ist eine der bekanntesten Feministinnen und Theater-Autorinnen der Welt. Bekannt wurde sie 1996 mit ihrem Stück "Die Vagina-Monologe" (Edition Nautilus), das bislang in 120 Ländern aufgeführt wurde und in dem Frauen von ihrem schwierigen Verhältnis zu ihrer Sexualität erzählen. In ihrem Theaterstück "The Good Body" beschäftigt sie sich mit dem Druck, den Schönheitsideale auf Frauen ausüben. Seit zehn Jahren bekämpft Eve Ensler mit ihrem Aktionsbündnis "V-Day" Gewalt gegen Frauen.

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Interview: Susanne Weingarten
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