Keine Zeit, muss noch was erledigen!

Wer es auf die Zielgerade zu beruflichem Erfolg und privatem Glück schafft, ist gut dran - und trotzdem oft schlecht drauf: weil die Puste auszugehen droht. Wie man den Kollaps verbeugt, erklärt Burnout-Expertin Christina Zimmermann

BRIGITTE: Frau Zimmermann, manche Menschen haben drei Kinder, sind beruflich erfolgreich, spielen nebenbei mit ihrem Partner Tennis und bauen ein Haus. Wie schaffen die das?

Weiter verbreitet denn je: Das "Madame Bovary"-Syndrom macht uns zu schaffen!

Christina Zimmermann: Das Geheimnis dieser Menschen ist, dass sie keine Perfektionisten sind. Einen Burnout entwickeln vor allem die, die alles 120-prozentig machen wollen, egal, ob es um den Braten oder das nächste Meeting geht. Mit viel Engagement und Kraftaufwand schaffen sie das auch. Aber wenn dann etwas Unerwartetes geschieht, das diesen engen Rahmen sprengt - das Haus wird teurer als erwartet, Ärger im Job oder in der Familie, gesundheitliche Probleme -, dann funktioniert das System nicht mehr, weil es keine Kraftreserven gibt. Menschen, die sehr gut durch stressige Zeiten kommen, achten darauf, dass es ihnen selbst gutgeht, und verabschieden sich von überzogenen Ansprüchen.

BRIGITTE: Bedeutet das nicht mal wieder: Frauen, beschränkt euch?

Christina Zimmermann: Wer etwas erreichen will, muss gut sein. Aber nicht perfekt. Das kann bedeuten, dass ich auf die Top-Karriere verzichte. Aber es kann auch heißen: Ich will Erfolg und drei Kinder und finde mich damit ab, dass Reibung entsteht, wenn ich mir all diese Wünsche erfülle. Zum Beispiel zwischen meinem Job und den Interessen der Kinder oder meiner Vorstellung vom gut geführten Haushalt. Perfektionisten wollen diese Widersprüche nicht sehen. Sie denken: Wenn ich mich nur mehr anstrenge, gelingt das schon. Gesünder wäre es, solche Unvereinbarkeiten zu akzeptieren und sich zu fragen: Wie gehe ich damit um? Die Konsequenz ist vielleicht, dass die Küche sonntags kalt bleibt. Oder dass man eine Haushaltshilfe engagiert. So etwas ist im Alltag eine große Hilfe.

BRIGITTE: Welche Rolle spielt der Partner dabei?

Christina Zimmermann: Es hilft sehr, wenn man in der Partnerschaft schon früh die Frage stellt: Was sind meine Ziele, was deine, wo sind die Schnittstellen? Was wollen wir gemeinsam? Wer übernimmt welche Aufgaben in unserer Familie? Vor diesem Hintergrund kann ich auch mal zwei oder drei Jahre sehr viel stemmen - denn ich weiß, wofür ich es tue.

BRIGITTE: Woran merkt man, dass man seine Kräfte überstrapaziert?

Christina Zimmermann: Die meisten merken das leider erst spät: Wenn die Lebensfreude abhanden kommt, ist das ein Signal. Warnsignale sind auch, wenn ein freier Nachmittag nicht mehr reicht, um sich zu erholen. Wenn man merkt, dass der innere Motor ständig auf Hochtouren fährt. Oder wenn man jedes ungeplante Vorkommnis als Katastrophe empfindet.

BRIGITTE: Und was tun, wenn es über längere Zeit stressig wird?

Christina Zimmermann: Gut ist, wenn man sich Freiräume zugesteht. Das kann ein Zimmer sein, in das man sich zurückziehen kann. Oder eine Beschäftigung, die guttut. Wichtig ist, dass man seine Bedürfnisse wichtig nimmt und sich nicht nur als Person sieht, die alle von außen gestellten Anforderungen erfüllen muss. Kommunikation ist wichtig: mit Freundinnen und dem Partner im Gespräch bleiben, auch im Konflikt. Sehr hilfreich ist auch, wenn man sich ein spielerisches Element bewahren kann.

BRIGITTE: Soll heißen . . .

Christina Zimmermann: . . . dass man auch mal über seine Situation lacht. Zum Beispiel darüber, wie bescheuert das eigentlich ist, dass man täglich hektisch und mit zerzaustem Haar aus dem Auto hechtet, um pünktlich in der Kita zu sein.

BRIGITTE: Aber oft ist einem nun einmal gar nicht zum Lachen zumute, vor allem dann, wenn kein Land in Sicht ist.

Christina Zimmermann: Leichtigkeit muss man kultivieren, indem man es sich bewusst erlaubt, Spaß zu haben - egal, ob man sich daran freut zu gärtnern oder gern Tischkicker spielt. Wer seine verspielten Seiten pflegt, kann davon auch in schwierigen Situationen profitieren.

BRIGITTE: Die Rushhour des Lebens ist eine Phase, in der nicht viel Zeit zur Reflexion bleibt, wir nur selten dazu kommen, über uns selbst nachzudenken: Können wir trotzdem etwas lernen?

Christina Zimmermann: Im Idealfall lernt man, Prioritäten zu setzen, und erkennt, dass es keine katastrophalen Konsequenzen hat, wenn man etwas nicht perfekt macht. Man weiß, dass gerade unperfekte Lösungen oft sehr gewinnbringend sind. Außerdem weiß man besser als je zuvor, dass eine Krise eine Herausforderung ist, an der man wachsen kann. Und nicht etwas, was einen bedroht und vor dem man flüchten muss. Meist ist uns spätestens jetzt auch klar, dass das Leben viel weniger berechenbar ist, als wir dachten. Häufig hat man aber in dieser Lebensphase auch eine sehr große Kreativität für schwierige Situationen entwickelt und kann viel flexibler reagieren, wenn mal etwas ganz anders läuft, als man es sich vorgestellt hat. Das hat man schließlich täglich geübt. Viele Menschen werden dadurch mutiger, selbstbewusster und auch gelassener.

Interview: Carola Keinschmidt Ein Artikel aus der BRIGITTE 23/08
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