Psychologin Stefanie Stahl erklärt: Kleine Macken und was dahintersteckt

Mal ehrlich: Irgendeinen Psycho-Tick hat doch jede*r. Psychologin Stefanie Stahl weiß, was dahinterstecken kann.

Samuel (30): "Ich kaufe nur Produkte aus der hintersten Reihe" 

Beim Einkaufen im Supermarkt nehme ich nur Lebensmittel oder Produkte aus der hintersten Regalreihe. Legt meine Freundin etwas in den Einkaufswagen, frage ich sie immer, ob sie es auch aus der hinteren Reihe genommen hat. Selbst wenn sie Ja sagt, tausche ich es in einem unbeobachteten Moment aus. 

Stefanie Stahl: "Hier geht es um diffuse Ängste"

Ich vermute, Samuel denkt, die vorderen Produkte wurden schon angefasst - er könnte also Angst vor Bazillen oder Viren haben. Oder davor, etwas Verdorbenes zu kaufen. Er hat also das Gefühl, sich schützen zu müssen.

Diese Art von Zwang hängt meist mit einem subjektiven Gefühl der erhöhten Angreifbarkeit zusammen. Ich vermute, er leidet unter diffusen Ängsten, die dazu führen, dass er sich angreifbar fühlt - und das ist eine Grundangst. Da Angst Stress bedeutet, der sich schwer verwalten lässt, projiziert die Psyche sie unterbewusst auf etwas Greifbares, das man kontrollieren kann.

Das hilft!

Zunächst würde ich seine Freundin miteinbeziehen und ihr raten, nicht mitzumachen. Zwänge werden oft aufrechterhalten, indem das Umfeld sie akzeptiert. Samuel müsste lernen, es auszuhalten, andere Produkte zu nehmen und schauen, was passiert. Und sich dann fragen, ob er dieses Gefühl bewältigen kann. Zwänge mögen beispielsweise keinen Humor. Er könnte ein Spiel daraus machen: Immer das Dritte von links aus der dritten Reihe nehmen. Und zusätzlich ein Produkt aus der ersten Reihe, aber bloß nicht gleich alle auf einmal! Stück für Stück.

Christine (42): "Ich ertrage keine Körpergeräusche" 

Ich leider unter Misophonie, das heißt, menschliche Körpergeräusche sind für mich kaum erträglich. Vor allem bei fremden Menschen. Sitzt neben mir im Restaurant jemand, der schmatzt, kann ich kaum weiteressen, da mir wirklich schlecht wird. Auch ständiges Räuspern oder leichtes Hüsteln machen mich wahnsinnig. Nur bei Menschen, die ich wirklich mag, ist es nicht so schlimm.

Stefanie Stahl: "Zwänge hängen mit Kontrolle zusammen"

Es könnte sein, dass bei ihr ein Trauma dahintersteckt. Denn die beschriebene Ausprägung ist sehr massiv. Ist das nicht der Fall, müssen wir uns den Abgrenzungsfähigkeiten widmen. Christine hyperfokussiert, konzentriert sich extrem auf diese eine Sache. Machtlosigkeit breitet sich aus, denn die Geräusche der anderen kann sie nicht abstellen. Das hat etwas Zwanghaftes, und Zwänge hängen mit Kontrolle zusammen. Es gibt objektive Stressoren, großen Lärm zum Beispiel, wie Presslufthammer. Und subjektive Stressoren, also gewöhnlichen Lärm, wie spielende Kinder im Hof – und die haben immer etwas mit der inneren Haltung zu tun.

Das hilft!

Meist ist Misophonie ein Symptom, das mit Beziehungsstörungen zusammenhängt. Sie sollte sich unbedingt mit ihren früheren Beziehungen beschäftigen. Ist sie wieder mal im Hyperfokus, kann sie versuchen, diesen aktiv zu lösen, quasi auf Weitwinkel zu stellen. Das heißt, auch andere Umgebungsgeräusche reinzulassen, sich auf andere Dinge zu konzentrieren, die eigene Atmung zum Beispiel. Auch leise Musik durch Kopfhörer, ein eigenes Grundrauschen also, kann hilfreich sein.

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Jan (33): "Ich haue ohne Erklärung aus Beziehungen ab" 

Seit fünf Jahren bin ich Single. Kürzlich lernte ich Jule über Tinder kennen, wir trafen uns, es passte ganz gut, dann fuhr sie in den Urlaub. Als sie sich zurückmeldete, hatte ich plötzlich kein Interesse mehr. Ich bin abgetaucht und habe nicht mehr auf ihre Nachrichten reagiert. Ich weiß, das ist unfair und auch feige, aber ich schaffe es einfach immer nicht zu sagen: Danke, das war nett, mehr aber auch nicht.

Stefanie Stahl: "Das Thema dahinter ist Abgrenzung"

Aus seinem letzten Satz lese ich, dass sein eigentliches Problem ist, sich abzugrenzen. Daraus entwickelt sich oft eine Bindungsangst. Mit der Idee der festen Beziehung wird eine völlige Vereinnahmung assoziiert – und dabei verliert man sich selbst, also die Autonomie. Für Jan scheint es diese Autonomie nur zu geben, wenn er allein ist. Nur dann kann er fühlen, was er wirklich will. Zudem scheint er konfliktscheu zu sein. Das könnte bedeuten, dass er auch innerhalb einer Beziehung große Probleme hat, seine eigene Position zu vertreten und für ihn so das Gefühl entsteht, sich zu verlieren.

Wütendes Mädchen

Das hilft!

Ein Blick in die Kindheit kann klären, woher das eigene Verständnis für eine Beziehung kommt. Vielleicht hat er Glaubenssätze wie "Ich muss all deine Erwartungen erfüllen" oder "Ich muss funktionieren". Er müsste also lernen zu verstehen, dass er das Recht hat, seine Bedürfnisse in einer Beziehung zu vertreten. Dazu muss er sie aber erst einmal spüren. Er könnte das üben, zum Beispiel eine neue Uhr tragen, die ihn immer, wenn er darauf schaut, erinnert: Wie und was fühle ich eigentlich gerade, wie geht es mir? Das wäre ein Anfang.

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Stefanie Stahl
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