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Kommentar Echte Stärke kann auch ein verheultes Gesicht zu zeigen sein

Meike Cornelius: Eine Frau geht auf einer Straße auf die Kamera zu. Sie trägt einen Hut und streckt die Arme in die Luft
© Girts Ragelis / Shutterstock
Immer schön die Fassade aufrechterhalten, bloß keine Schwäche zeigen? Meike Cornelius stellt Bilder von sich ins Netz, auf denen sie verheult oder verzweifelt zu sehen ist. Warum?

Es regt mich auf, dass die meisten Menschen Gefühle mit Schwäche gleichsetzen. Dabei ist das Gegenteil der Fall: Emotionen zuzulassen und zu zeigen erfordert Mut. Ich erlebe immer wieder, dass ich trotz meiner Schwächen gemocht werde – manchmal sogar gerade deswegen. Und: Dass ich dadurch mehr Freude, Liebe und Vertrauen in mein Leben ziehe.

Früher war ich das, was man unter einer "taffen Business-Frau" versteht: kontrolliert, analytisch, sachlich. Ich bat niemals um Hilfe, behielt meine Gefühle für mich, entschied rein mit dem Verstand. Mein Job bestand aus To-do-Listen, Strategien und Planung.

Meine verletzliche Seite versteckte ich. Was mich wirklich bewegte, Existenzängste, Beziehungsprobleme, Selbstzweifel zeigte ich allenfalls Freundinnen, meinem Partner und der Familie.

Alle Facetten und Farben des Lebens

Das änderte sich, als ich vor zwei Jahren an einem Persönlichkeits-Workshop zum Thema Weiblichkeit teilnahm. Da merkte ich: Beruflich hatte ich die Schnauze voll vom schönen Schein im Marketing – und auch privat wollte ich endlich alle Facetten von mir zeigen.

Ich fing an, auf Instagram Fotos von mir zu posten, die mich authentischer zeigten. Gerade Social Media erhöht ja den Druck auf uns Frauen, stets perfekt gestylt, gut gelaunt, beruflich erfolgreich und sexuell attraktiv zu sein.

Ich aber teilte nun Fotos, die für mich früher undenkbar gewesen wären: verheult, mit unaufgeräumten Zimmern im Hintergrund, ungeschminkt, aus der Dusche kommend. So wie ich eben war, wie ich mich gerade fühlte.

Authentizität erfordert Mut

Anfangs war es schon mit einem mulmigen Gefühl verbunden. War es nicht zu riskant, mich so zu zeigen? Doch ich überwand mich – und viele Frauen reagierten positiv auf meine Offenheit, schrieben: "Respekt! Das hätte ich mich nicht getraut zu posten!" Sie bewunderten meinen Mut, auch Negatives anzusprechen, wie etwa meine einbrechende Auftragslage während des Corona-Lockdowns oder einen schweren Krankheitsfall in der Familie.

Manche schrieben, dass auch sie sich gern "ehrlicher" zeigen würden, doch zu viel Angst hätten, verletzt, nicht ernst genommen oder abgelehnt zu werden. Dabei ist es ein Zeichen von Stärke, sich eben genau dieser Angst zu stellen.

Tatsächlich bin ich manchen auch "zu viel": zu unprofessionell, zu sensibel, zu emotional. Mir wurde auch schon vorgeworfen, dass ich mich zur Schau stellen wolle. Doch darum geht es mir wirklich gar nicht. Indem ich offen meine Gedanken und Gefühle teile, gebe ich auch anderen die Erlaubnis, dies zu tun. So schaffe ich echte, tiefe Verbindungen. Alle, die lieber auf der Oberfläche surfen, dürfen weiterziehen.

Einfach ehrlich sein

Verletzlichkeit im Alltag zu leben, bedeutet für mich, aus dem Herzen zu kommunizieren und zu handeln: jemanden ein ernst gemeintes Kompliment zu machen, egal wie klein der Anlass ist. Auch zu sagen, was mich ärgert, aufregt, enttäuscht. Sich zu trauen, öffentlich zu weinen, egal wie komisch alle gucken. Oder klar zu sagen, wenn Worte verletzend sind – und damit Grenzen zu ziehen. Letztlich sind wir alle Menschen, die Fehler machen. Genau das sich selbst und anderen zuzugestehen und entspannter mit Niederlagen und Fehlern umzugehen, wünsche ich mir. Denn Verletzlichkeit und Emotionen stärker wertzuschätzen würde unser aller Miteinander menschlicher und nahbarer machen.

Meike Cornelius, 48, unterstützt als Mentorin für "spirituelles Personal Branding" Selbstständige beim ganzheitlichen Markenaufbau und bloggt auf herzenslichtstories.de.

Brigitte

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