Kränkung: Das verzeihe ich nie!

Es gibt Kränkungen, die haben noch Jahrzehnte später Macht über uns: ein Wort genügt - und wir fühlen uns wertlos, unsicher, ungeliebt. Die Mannheimer Psychologin Doris Wolf nennt Strategien, die uns helfen, Balast abzuwerfen.

BRIGITTEwoman: Wenn ich mich gekränkt fühle, was läuft da bei mir ab?

Doris Wolf: Dann pralle ich auf einen Menschen, von dem ich mich als ganze Person in Frage gestellt empfinde, zurückgewiesen und abgelehnt. Und weil ich ihm gegenüber Erwartungen und Einstellungen habe, nehme ich seine Worte oder sein Verhalten erst mal persönlich. Das tut natürlich weh.

BRIGITTEwoman: Warum schmerzt so ein Vorfall auch noch nach Jahren oder Jahrzehnten?

Doris Wolf: Weil wir die Situation der Kränkung damals nicht bearbeitet haben. Wie früher bewerten wir sie negativ, verbinden sie mit unangenehmen Gefühlen und Gedanken. So wie Britta, die sich bis heute nicht damit auseinander gesetzt hat, dass sie ihre Schwester Maja als Rivalin empfindet. Im Kontakt mit ihr fühlt sie sich immer noch wie das ungeliebte Mädchen von einst. Und reagiert, egal was die Schwester sagt, egal wie sich präsentiert, schnell angegriffen und verletzt. Zieht sich zurück, ist kurz angebunden oder sogar aggressiv. Mit anderen Worten: allergisch gegen diese Person.

BRIGITTEwoman: Also das klassische Gefühl von Kränkung.

Doris Wolf: Richtig. Unverarbeitetes trifft auf einen aktuellen Konflikt. Die Kränkungssituation schlechthin. Stellen Sie sich vor, Sie sind seit über 20 Jahren passabel verheiratet, haben für Mann und Kind den Beruf zurückgestellt. Und dann erfahren Sie, dass Ihr Mann vor kurzem etwas mit einer jüngeren Kollegin hatte. Alte Wunden brechen auf - Sie fühlen sich vielleicht schon länger auch sexuell wenig attraktiv, beruflich im Aus und jetzt das. Meine Erfahrung: Man entkommt sich selbst nicht, jede Flucht hat mal ein Ende. Und plötzlich geht uns eine Kränkung nicht mehr aus dem Sinn.

BRIGITTEwoman: Aber warum stecken wir die eine Kränkung schnell weg und hadern umso mehr mit der anderen?

Doris Wolf: Was und wer uns treffen kann, liegt letztlich nur in uns selbst. Drastisch formuliert: Für jeden ist das Stigma am schwierigsten, das er sich selbst auferlegt. Nur wir entscheiden, was eine harte oder eine eher unerhebliche Kränkung ist. Wirklich harte Kränkungen beeinflussen unser ganzes Leben und stellen unser Selbstwertgefühl grundlegend in Frage.

BRIGITTEwoman: Können Sie das an einem Beispiel schildern?

Doris Wolf: Lassen Sie mich persönlich werden: Seit ich Kind bin, habe ich eine Skoliose, also einen leichten Buckel. Als ich elf war, hat ein Lehrer vor der ganzen Klasse mal zu mir gesagt: "Schau her, du hast ja einen Buckel!" Dieser Satz, der natürlich völlig unpädagogisch ist, aber im Grunde eben nur ein Satz, hat mich 15 Jahre Lebensfreude gekostet. Erst durch Studium und Therapie habe ich akzeptiert: Der Buckel ist ein Teil von mir. Ich bin aber nicht nur der Buckel. Lange Zeit galt für mich die Gedankenkette: Doris Wolf gleich Buckel gleich minderwertig. Erst als ich bereit war, mich als eine liebenswerte, attraktive Frau anzunehmen, konnte ich diese Kette sprengen. Ich konnte diesem Lehrer, aber auch mir selbst, verzeihen.

BRIGITTEwoman: Kleiner Gedankensprung: Was unterscheidet seelische Mimosen eigentlich von seelischen Dickhäutern?

Doris Wolf: Auch Dickhäuter können bekanntlich mal mimosenhaft reagieren, überhaupt durchaus sensibel sein. Alles in allem finden sie sich aber ganz okay und fühlen sich bei Kritik und Ablehnung nicht gleich in Frage gestellt. Ihr seelischer Schutzmechanismus ist einfach entwickelter - und genau den kann jeder von uns trainieren.

BRIGITTEwoman: Mit welcher Lebenseinstellung machen wir uns selbst immer wieder zum Opfer?

Doris Wolf: Mir fallen da vier ein:

  • Ich bin nicht liebenswert, bin minderwertig,
  • nicht in Ordnung.
  • Ich darf keine Fehler machen, muss perfekt sein,
  • sonst bin ich ein Versager.
  • Ich habe es nicht nötig, mich nach anderen zu richten: Andere sollen sich nach meinen Vorstellungen verhalten.
  • Ich brauche die Anerkennung anderer.
  • Wenn die mich ablehnen, bin ich nichts wert.
  • Alle vier Haltungen führen dazu, dass wir uns von anderen nicht nur kränken lassen, sondern auch immer wieder selbst kränken.

BRIGITTEwoman: Und wie können wir das verhindern?

Doris Wolf: Wenn wir akzeptieren, dass wir unvollkommen sind - genau wie die anderen. Wenn wir dieses Modell vom idealen Verhalten endlich aufgeben können. Und es durch ein "Es wäre schön, wenn..." ersetzen. Oder ein "Ich bemühe mich darum...". Wirkliche Kontrolle über mich selbst habe ich nicht, wenn ich dauernd nach Perfektion strebe. Sondern wenn ich versuche, eine vermeintliche Kränkung gelassener zu bewerten. So, dass ich mein Selbstwertgefühl behalte. Nur dann bin ich fähig, zu verzeihen.

BRIGITTEwoman: Aber genau mit dem Verzeihen tun wir uns oft schwer.

Doris Wolf: Weil wir einen falsch verstandenen Stolz hegen. Wir sehen uns als Verlierer, als jemand, der kein Rückgrat hat, oder fordern, dass der andere sich entschuldigt. Doch meistens sagen wir ihm ja nicht, dass wir uns gekränkt fühlen, so dass der Kränkende oft gar nichts von seiner Rolle ahnt. Positiv verstanden kann Stolz auch heißen: Ich nehme mich an, mit allen Schwächen und Fehlern.

BRIGITTEwoman: Und was habe ich dann davon?

Doris Wolf: Dass meine Gefühle in Bewegung kommen. Dass ich nicht mehr vor ihnen fliehe. Es ist eine schwingende Bewegung, die da entsteht. Ich komme immer nur ein kleines Stückchen weiter und werde auch mal durch heftige Emotionen zurückgeworfen.

BRIGITTEwoman: Sie meinen, dann bin ich endlich auf dem Weg zu mir selbst?

Doris Wolf: Genau. Und auf diesem Weg entwickeln Sie Vertrauen - in andere und sich selbst. Lebensenergie. Mein Körper entspannt sich, ich empfinde mich nicht weiter als Opfer dieser Kränkung. Ich bin vielleicht noch traurig über das, was passiert ist, bedauere es. Aber ich verspüre keine intensiven negativen Emotionen mehr.

BRIGITTEwoman: Soll ich mit dem anderen über das Vergangene sprechen?

Doris Wolf: Ja, wenn er oder sie überhaupt noch erreichbar ist. Und den Vorfall nicht längst vergessen hat! Das muss ich unter Umständen akzeptieren. Habe ich die Kränkung für mich positiv bewältigt, finde ich garantiert die richtigen Worte - und nehme auch eine abweisende Reaktion nicht länger persönlich. Und falls der andere nicht mehr greifbar ist, kann ich jetzt viel gelöster an ihn denken.

BRIGITTEwoman: Letzte Frage: "Es ist sinnlos, ihm oder ihr nach so langer Zeit zu verzeihen" - was erwidern Sie darauf?

Doris Wolf: Ich verzeihe ja für mich, nicht für den anderen. Das heißt: Ich mache mich endlich von dieser Situation frei.

Buchtipp

Doris Wolf, "Ab heute kränkt mich niemand mehr", 14,80 Euro, Pal-Verlag Mannheim

Harriet Wolff
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