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Gewagter Schritt Alles hinschmeißen und aufs Land flüchten? Ein Erfahrungsbericht

Landleben: Mutter mit Baby an Bushaltestelle auf dem Land
© Lolostock / Shutterstock
Die Frage: Metropole oder Landleben? "Mein Naturfreak-Gen drängte in den Vordergrund." Nina Neelsen, 51, glaubt, dass man im Leben nur die Dinge bereut, die man nicht gemacht hat.
Judka Strittmatter

Die Entscheidung

Nach einer langen internationalen Karriere, während der ich in zehn verschiedenen Ländern gelebt habe, bin ich dieses Jahr sesshaft geworden und habe im Wendland einen Resthof gekauft, den ich zusammen mit vielen Handwerkern saniere. Klingt schräg? Ja, leicht war dieser Schritt keineswegs. Er wurde nur immer klarer mit der Zeit. Und als der Leidensdruck groß genug war, ging alles ganz schnell. Ackern, Rumreisen, Probleme für andere lösen – ich wollte es nicht mehr. Ich war in meiner eigenen Krise, die ich für mich lösen musste.

Der Weg dorthin

Ich habe 24 Jahre lang große Konzerne beraten, unter anderem Coca-Cola Deutschland. Als meine Tochter vor 13 Jahren zur Welt kam, und ich schon zum Zeitpunkt ihrer Geburt alleinerziehend war, weil die große Liebe bereits in der fünften Schwangerschaftsswoche in die Brüche ging, wurde es immer schwieriger. Eine 24/7-Präsenz in der Chefetage ist mit der Elternschaft schwer in Einklang zu bringen. Mein 48. Geburtstag war eine Art Zäsur. Du hast jetzt so viele Jahre gut funktioniert, dachte ich da, hast alle Bälle in der Luft gehalten, aber noch zehn Jahre so weiter, und du bist alt und verbraucht, deine Tochter aus dem Haus und du hast nichts, was deinem wirklichen Ich entspricht.

Deswegen wollte ich mein Leben noch mal auf eine Schiene setzen, auf der ich meine Passionen ausleben kann. Nämlich die, ein Naturfreak zu sein! Diese Neigung von mir hatte ich zugunsten eines kosmopolitischen Lifestyles lange Zeit zurückgestellt, jetzt aber drängte sie sich vehement in den Vordergrund. Jobtechnisch bin ich umgeschwenkt, habe noch eine Ausbildung in pferdegestützter Naturpädagogik und Reiki gemacht. Und ich merkte zunehmend: Was ich eigentlich will, ist nicht die Großstadt, sondern mit dem Pyjama und der Skimütze rausgehen und meine Tomaten inspizieren.

Trotzdem dachte ich noch bei der Beurkundung des Kaufvertrages: Du bist verrückt! Der Hof ist zu groß für eine One-Woman-Show, das wird alles viel zu teuer. Das denke ich auch heute noch oft, wenn ich hier stehe, überall Schuttberge sehe und 26 neue Fenster bekomme, die dann alle nicht passen. Ehrlich gesagt passiert eine Katastrophe nach der anderen, wie es eben so ist auf dem Bau. Und selbst ich, krisenerprobt und handfest, habe hier schon gestanden und geheult. Aber dann reiße ich mich wieder zusammen und denke: Ruhig bleiben, atmen, weitermachen! Viel schlimmer, als im Chaos zu versinken, ist es, aus Angst gar keine Entscheidungen zu treffen. Ich glaube, man bereut nur die Dinge im Leben, die man nicht gemacht hat. Vor dem Wendland bin ich ein Jahr mit meiner Tochter nach Bali gegangen und habe sie dort die renommierte Green School besuchen lassen, die laut Selbstmarketing die grünen Führungskräfte von morgen ausbildet. In Bali wurde aber auch mein Bewusstsein weiter geschärft, und der Beginn von Corona festigte endgültig meine Überzeugung, dass wir alle entfremdet leben und die Globalisierung und eine angeheizte Konsumgesellschaft uns nicht glücklich machen.

Und wie ist es jetzt?

Wenn du etwas anfängst, was sich gut für dich anfühlt, passieren neue Dinge. Jüngst bekam ich ein Jobangebot in einer internationalen Firma, einem Start-up, dass eine technologische Innovation im "Vertical Farming" auf den Markt bringen will. Covid-getrieben ist man gewillt, auch jemanden einzustellen, der nicht in der Großstadt lebt, der virtuell und remote arbeiten kann. Das passt doch: Jetzt kann ich meins in der Natur machen, ohne meine frühere Profession aufgeben zu müssen.

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