Lebenslügen

Heile Welt vorspielen, sich ausnutzen lassen, eine Lebenslüge aufbauen: Es ist nie zu spät, sich aus solchen Verstrickungen zu befreien. Man muss nur wissen, wie. Ein Gespräch mit Psychologin Bärbel Bracker.

BRIGITTE: Warum verstricken Menschen sich wissentlich in Situationen, aus denen sie nicht mehr unbeschadet herauskommen?

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Bärbel Bracker: Jeder versucht, sein Leben bestmöglich zu leben. Jeder hat bestimmte Hoffnungen und Sehnsüchte. Um die zu erreichen, kommt es vor, dass man sich die Welt zurechtlegt, etwas so hindreht, wie man es gern hätte, und schon ist die Verstrickung da. Oft entwickelt sie sich aus einer kleinen harmlosen Lüge und wird dann immer größer. Das geht hin bis zur richtig großen Lebenslüge, zu Betrug und Selbstbetrug. Ein Mann, der eine andere Frau kennen gelernt hat, sagt bei den ersten Dates, dass er sich mit Kollegen in der Kneipe trifft. Schnell beginnt er ein Doppelleben zu führen und findet nicht mehr den Mut, seiner Frau die Wahrheit zu sagen. Jemand, der in Geldnöten ist, kauft sich etwas Teures und erzählt, dass es ein Schnäppchen war. Er lebt weiterhin auf großem Fuß, anstatt zu sparen, und reitet sich immer mehr in die Schuldenfalle. Das ist nicht neu. Seit es Menschen gibt, gibt es auch Lügen. Sie gehören zum Leben.

BRIGITTE: Was verleitet denn zum Lügen und Tricksen?

Bärbel Bracker: Die Sehnsucht nach Bindungen ist bei jedem Menschen sehr groß, denn darüber erfährt er Anerkennung und Bestätigung. Wenn sich nun bestimmte Vorstellungen in Bezug auf diese Grundbedürfnisse nicht erfüllen, dann kann es passieren, dass wir anfangen, uns das Leben zurechtzubasteln.

BRIGITTE: Gibt es Menschen, die dafür besonders anfällig sind?

Bärbel Bracker: Man kann nicht sagen, dass bestimmte Charaktere extrem gefährdet sind. Kein Mensch ist dagegen gefeit. Eine ganz große Rolle spielt das Selbstwertgefühl, denn wenn das nicht ausgeprägt ist, neigt man eher dazu, sich etwas zu konstruieren. Man lässt Dinge laufen, anstatt sich ihnen mit Selbstverantwortung zu stellen, denn das könnte bedeuten, dass man Bindungen verliert, dass Freunde einen kritischer sehen, dass das eigene Ansehen bei Menschen leidet, die einem wichtig sind.

BRIGITTE: Und welche Rolle spielen die äußeren Bedingungen?

Bärbel Bracker: Die Umwelt hat erheblichen Einfluss. Sie trägt einen großen Teil dazu bei, dass Lebenslügen aufrechterhalten werden können. Oft spielen doch alle mit. Das ist so bei Affären in der Politik, aber auch im kleinen privaten Kreis. Zum Beispiel die Freundin der Familie, die ahnt, dass der Mann seine Frau schlägt oder dass er Geld veruntreut, aber nie nachfragt. Dazu kommt, dass die Verführung in unserer heutigen Welt einfach unheimlich groß ist. Sowohl im öffentlichen als auch im privaten Leben werden kaum Grenzen gesetzt. Und solange ich keine Grenze kriege, kann ich eigentlich alles machen.

BRIGITTE: Heißt das, dass unsere Gesellschaft Lebenslügen quasi herausfordert?

Bärbel Bracker: Wir haben heute alle einen sehr hohen Anspruch, perfekt zu sein. Jedem wird suggeriert, dass er alles können kann, wenn er nur will. Das setzt unter Druck und verlockt gleichzeitig. Die Chance, ein anderes Leben zu führen als das, in das man hineingeboren wurde, ist heute schließlich viel größer als früher.

BRIGITTE: Und dafür laufen Menschen sehenden Auges in ihr Unglück?

Bärbel Bracker: Viele Menschen lernen ganz früh, dass sie nur geliebt werden, wenn sie funktionieren. Daher ist die Angst vor dem tiefen Fall und vor allem die Scham größer, als zu sich selber zu stehen und zu sagen: "Okay, mein Plan A funktioniert nicht, jetzt muss ich Plan B angehen." Wie ich im Endeffekt mit solchen Situationen umgehe, hat auch damit zu tun, wie ich gelernt habe, Veränderungen im Leben zu bewältigen. Das wiederum hängt mit der Kindheit, der eigenen Familie zusammen. Ein Kind, das gelernt hat, Konflikte offen auszutragen, Krisen zu durchleben und Fehler zu machen, ohne dafür mit Liebesentzug bestraft zu werden, schafft es sicherlich besser, Probleme konstruktiv zu bearbeiten.

BRIGITTE: Wer sich so tief in eine Sache hineinmanövriert hat, denkt oft, es gäbe keinen Ausweg. Stimmt das wirklich?

Bärbel Bracker: Meines Erachtens: nein. Egal in welcher Situation man steckt, Plan B ist wirklich immer möglich. Aber er macht natürlich erst mal Angst und erfordert Mut, weil man nicht weiß, was kommt. Deshalb beharrt man auf Plan A und lässt alles weiterlaufen. Solange jemand einigermaßen bequem in seiner Verstrickung leben kann, ist die Hemmschwelle, zu agieren, relativ hoch. Die Angst vor Verlust ist größer als der Wunsch nach Veränderung. Viele hoffen deshalb sogar im Stillen, dass die Sache durch fremde Einflüsse auffliegt und sie dadurch gezwungen werden, alles zu klären.

BRIGITTE: Wie schaffe ich es denn aus eigener Kraft, mich aus der scheinbar unausweichlichen Situation zu lösen?

Bärbel Bracker: Es gibt natürlich kein Patentrezept, aber ich sollte mich und mein Handeln von einer anderen Ebene aus betrachten. Ich muss außerdem mit vertrauten Menschen reden und mir bewusst machen, dass es nie zu spät ist, das Ruder rumzureißen. Ich kann nicht immer straight sein, alles richtig machen, ich bin in Beziehungen verstrickt. Aber ich kann von Zeit zu Zeit gucken, was hier eigentlich abläuft. Und wenn ich merke, dass die Richtung nicht mehr stimmt, dann ist es wichtig, das zu registrieren und vor allem darüber zu reden. Jeder hat letztendlich das Bedürfnis, mit sich selbst im Reinen zu sein. Das ist die Grundvoraussetzung für die Selbstachtung.

BRIGITTE: Es kostet doch sicher auch viel Energie, sich selbst und andere dauernd zu belügen?

Bärbel Bracker: Ja. Das ist unheimlich anstrengend. Wenn man zu lange wartet, kann es das ganze Leben besetzen, und es wird oft so viel Energie davon gefressen, dass für eine Lösung, für Plan B, kaum noch Kraft da ist. Im schlimmsten Fall wird die Seele sogar richtig krank, weil die Betroffenen immer einen Teil von sich abspalten müssen. Die Folge können Isolation, Depressionen und die Flucht in Süchte sein. Da hilft meistens nur noch eine Psychotherapie.

BRIGITTE: Kann auch der tiefste Fall noch positive Auswirkungen haben?

Ja. Ich muss akzeptieren, dass ich Fehler mache und dass ich aus ihnen lernen kann. Und wenn ich es schaffe, am Ende meine Selbstachtung wiederzufinden, ist das ein sehr großer Gewinn. Oft lernt man in solchen Situationen erst, was es heißt, Eigenverantwortung zu übernehmen. Das ist ein ganz wichtiger Punkt: die Verantwortung für mich habe nur ich und kein anderer. Das meine ich jetzt nicht in dem Sinne, dass jeder seines Glückes Schmied ist, denn da spielen zu viele äußere Faktoren mit. Aber für meine Seele bin ich selbst verantwortlich. Ich kann auch mal eine Grenze überschreiten, eine Zeit lang schlingern, aber sobald ich mich dabei schlecht fühle, liegt es ganz allein in meiner Hand, die Sache für mich in Ordnung zu bringen.

Interview: Nikola Haaks
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