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"Anderen geht's ja noch schlechter" Warum mit diesem Satz niemandem geholfen ist

Leid vergleichen: Eine junge glückliche Frau telefoniert
© Anna Demianenko / Shutterstock
Zufriedenheit und Empathie gehen Hand in Hand – doch laut Emotionsforscherin Brené Brown hindert uns ein weit verbreiteter Denkfehler daran, beides in vollem Maße zu empfinden ...

Wenn wir eines können, ohne es zu üben, ist das, uns selbst mit anderen Menschen zu vergleichen.

  • "Meine Freundin ist viel hübscher als ich." 
  • "Meine Kollegin schafft viel mehr als ich."
  • "Meine Nachbarin verdient offenbar viel mehr Geld als ich." 

Easy, kriegen wir hin. Dass uns dieses Naturtalent dummerweise nicht unbedingt glücklich macht, wissen wir längst. Doch eine spezielle Form des Vergleichens schadet nicht nur uns selbst, sondern auch anderen, weil sie nicht nur unserem Glück im Weg steht, sondern auch unserem Mitgefühl: Das Vergleichen von Leid und Problemen.

  • "Wegen dieser blöden Coronakrise kann ich meinen Geburtstag nicht feiern. Aber was bilde ich mir eigentlich ein, deswegen traurig zu sein? Andere Menschen haben schließlich ihren Job verloren oder sogar ihre Mutter oder ihren Vater!"
  • "Mich ärgert es, dass es in meiner Gegend keinen guten Japaner gibt – wie peinlich! In Afrika müssen die Leute zum Teil Tage laufen, um Wasser zu holen."

Gedanken wie diese kennen die meisten Menschen – doch laut der US-amerikanischen Emotionsforscherin Brené Brown sind sie extrem toxisch.

Leid vergleichen verstärkt Leiden und weckt Scham

"Deine eigenen Probleme verschwinden nicht, indem du sie mit anderen misst. Durch den Vergleich wird kein Signal ausgelöst, das deiner Seele mitteilt: 'Dein Leid liegt unterhalb des durchschnittlichen Mindestwerts und hat damit keine Daseinsberechtigung'", erklärt Brown in ihrem Podcast. Im Gegenteil: Wenn wir schlechte Gefühle leugnen oder ignorieren, werden sie stärker und belasten uns umso mehr.

Außerdem gesellt sich zu allem Überfluss im Zuge des Leid-Vergleichens meistens auch noch Scham zu der "Bad-Emotion-Party". Wir empfinden uns als schlechte Menschen, weil wir unter Problemen leiden, für die andere vielleicht dankbar wären. Und das erschwert es uns bzw. hindert uns laut Brown daran, Empathie zu haben und für andere da zu sein.

"Empathie und Scham sind nahezu entgegengesetzte Gefühle, sie können nicht koexistieren", so die Expertin. Denn während Empathie vorwiegend andere Menschen in den Blick rückt und aus der eigenen Gefühlswelt lediglich Erfahrungen schöpft, mithilfe derer wir sie besser verstehen können, ist Scham in erster Linie egozentrisch. "Wer sich schämt, denkt nur insofern über andere nach, als er überlegt, wie er das, wofür er sich schämt, vor ihnen verbergen kann", erklärt Brown.

Probleme ernst nehmen

Statt unsere Probleme und unser Leid zu vergleichen und klein zu denken, rät die Gefühlsforscherin, beides ernst- und wahrzunehmen – und Selbstmitgefühl zuzulassen. Empathie ist schließlich kein Käsekuchen, von dem weniger da ist, wenn wir uns selbst ein großes Stück auf den Teller packen. Eher gleicht sie einem Muskel oder einer Fähigkeit, die wir durch Gebrauch trainieren und verbessern.

Sollten wir doch mal versehentlich unsere Situation mit der von anderen Menschen vergleichen (wer kann das schon einfach auf Kommando abstellen ...?), dabei feststellen: "Ach, mir geht's ja gar nicht ganz so schlecht", und uns dadurch dankbar oder besser fühlen, ist das wiederum fein – aber ebenfalls kein Anlass für Scham! Nichts, was wir fühlen, ist ein Grund sich zu schämen. Weder vor anderen noch vor uns selbst.

sus

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