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"Enno, mein Bett und ich"


Hier lesen Sie die ersten sechs Seiten aus Kathrin Tsainis' Buch "Enno, mein Bett und ich".

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Enno sieht extrem gut aus, steht auf Fast Food und macht meistens genau das Gegenteil von dem, was er soll. Er ist ein echter Kerl - und Kathrin Tsainis liebt ihn von der ersten Begegnung an heiß und innig. Obwohl Beagle Enno alles umkrempelt: Gassi statt Business-Lunch, Kommandos üben statt Ausschlafen, Parka statt Prada. Und weil sie nach ihrer Scheidung wieder als Single durchs Leben geht und sich das Sorgerecht für Enno mit Herrchen teilt, hat der Alltag so seine Tücken. Aber Enno wickelt alle problemlos um die Pfote...

Mein Leben änderte sich in Langeri, und ich bemerkte es nicht. Weil sich Veränderungen gerne anschleichen. Aus dem Hinterhalt, unauffällig wie Elitekämpfer, dann, wenn man am wenigsten mit ihnen rechnet. Sähe man sie kommen, könnte man sich vorbereiten oder schnell weglaufen. Wenn man es will. Denn manchmal ist man offen für etwas Neues – weiß es nur noch nicht. So muss es wohl bei mir gewesen sein. Wie sehr sich mein Leben ändern, auf welche Wege es mich führen würde, davon hatte ich nicht die leiseste Ahnung.

Langeri ist ein Strand auf Paros, zehn Minuten Mofa- Fahrt von dem kleinen Ort entfernt, in dem wir oberhalb der Bucht ein Appartement gemietet hatten. Wie jeden Tag lagen wir in der Sonne, schwammen im kristallenen Wasser, und gegen Mittag aßen wir Pfirsiche und das Baklava, das wir am Morgen in dem Café neben dem Anleger gekauft hatten. Michalis, der Besitzer und nach eigener Auskunft bester Baklava-Bäcker der Kykladen, trug mindestens so viel Gold im Mund wie um den Hals und sprach mit der Geschwindigkeit eines Schnellfeuergewehrs halb Griechisch, halb Schwäbisch. Mehr als dreißig Jahre lang hatte er in Stuttgart-Untertürkheim gearbeitet. "Bei Daimler, beste Zeit in mei Läbe", sagte er, und sein Blick schweifte in die Ferne.

Felix konnte das nicht so richtig nachvollziehen, weil es auf Paros doch viel schöner ist als in Stuttgart-Untertürkheim. Aber Michalis wollte davon nichts hören. Sein Herz war an Maultaschen, Kehrwoche und deutscher Gründlichkeit hängen geblieben, und so wie er sich mehr als dreißig Jahre lang nach Paros gesehnt hatte, so sehnte er sich jetzt nach Stuttgart-Untertürkheim. Mich erinnerte Michalis sehr an meinen Vater.

Michalis’ Baklava schmeckte fantastisch - honigsüß und schwer. Felix und ich knobelten um das letzte Stück. Ich gewann, ich bin eine große Knoblerin. Wir blinzelten hinauf in den babyblauen Himmel oder hinaus aufs glitzernde Meer, unterhielten uns über dieses und jenes und eigentlich nichts Besonderes. Für besondere Gespräche fanden wir es viel zu heiß. Es war ein ganz normaler Urlaubstag für ein ganz normales Paar Ende dreißig, das schon ein paar gemeinsame Jahre hinter sich und vor einer Standesbeamtin den Willen zu einer gemeinsamen Zukunft beurkundet hatte. Die perfekte Beute für sich aus dem Hinterhalt anschleichende Veränderungen. Felix und ich sahen das andere Paar im selben Moment aus dem Wäldchen stapfen. Beide etwas jünger und schon sehr viel brauner als wir, er hätte gut und gern Marcus Schenkenberg doubeln können, sie war auch nicht übel: zart wie eine Primaballerina, raspelkurzes blondes Haar, endlos lange Beine. Er trug eine Louis-Vuitton- Tasche, einen Sonnenschirm und einen Klappstuhl, sie einen Welpen - schneeweiß, wuschelig und unglaublich niedlich.

Die drei ließen sich ein paar Meter neben uns nieder. Der Sonnenschirm wurde in den Sand gerammt, der Klappstuhl aufgestellt und danach das Hundchen ausgiebig bespielt: mit Bällchen und Stöckchen, beim Schwimmen auf Frauchens Arm und Wettrennen mit Herrchen. Das Marcus-Schenkenberg-Double ließ den Welpen gewinnen, die Primaballerina machte Fotos. Wir waren hypnotisiert. "So ein Hund ist schon was Feines", sagte Felix, der bis zu diesem Nachmittag auf Paros kein Interesse für Haustiere im Allgemeinen oder Hunde im Speziellen hatte erkennen lassen.

"Früher, zu Hause, da hatten wir auch mal einen", sagte ich. "Finni - die war sehr süß." Ich liebe Hunde. Obwohl ich schon zweimal gebissen wurde: Von dem unberechenbaren Dobermann des Kohlenhändlers meines Heimatdorfs, und einige Jahre später dann, auf Klassenfahrt, schlug ein Spitz seine Zähne in meine Hand. Dabei hatte ich ihn nur streicheln wollen. Ich erzählte Felix von Finni, unserem Hund, vom Dobermann und dem Spitz und zeigte ihm meine Narben. Dann schwiegen wir wieder und sahen Herrchen, Frauchen und dem Welpen weiter beim Spielen zu. "Warum haben wir eigentlich keinen Hund?" Ich führte eine Reihe von sehr guten, sehr vernünftigen Gründen an: Felix’ Job als Manager in einem großen Biotech- Unternehmen, meinen Job als Chefredakteurin und unseren Wunsch, in der wenigen Freizeit, die wir hatten, so spontan und unabhängig wie nur irgend möglich zu bleiben, Felix, der beruflich viel unterwegs war, unsere Bereitschaft, dorthin zu gehen, wo eine noch interessantere Position auf einen von uns wartete. Es war erst ein paar Jahre her, da wären wir beinahe in New York gelandet.

"Weißt du, ich hätte wirklich gern einen Hund", sagte ich, dass so ein Tier aber viel Aufmerksamkeit verlange, man im ersten halben Jahr rund um die Uhr damit beschäftigt sei, den Welpen zu erziehen und ein Rudel zu werden. Dass es danach auch nicht viel einfacher wird, weil man einen Hund schließlich nicht wie ein paar Schuhe in die Ecke stellen kann, wenn einem danach ist. Ein Hund werde zwölf, dreizehn, manchmal sogar fünfzehn Jahre alt, sagte ich, ein Hund sei eine Lebensentscheidung. Mit einer Katze, ja, mit einer Katze wäre es viel leichter. Weil eine Katze auch mal den ganzen Tag allein bleiben kann. Eine Katze muss kein Gassi gehen, da reicht ein Katzenklo, und eine Katze braucht keine Befehle zu beherrschen.

"Ich hätte aber lieber einen Hund." "Und ich glaube nicht, dass ein Hund in unser Leben passen würde. Vielleicht später, aber nicht jetzt. Ein Hund ist fast wie ein Kind, und wir wollten doch nie ein Kind." Ich zerpflückte die klebrige Baklava-Schachtel zwischen meinen Füßen. "Stimmt", sagte Felix.

Wir blieben noch ein paar Tage auf Paros. Den Welpen sahen wir nicht wieder, und doch wurden wir ihn nicht mehr los: Ich dachte an ihn, an das, was Felix gesagt hatte, an die sehr guten, sehr vernünftigen Gründe, und Felix träumte eines Nachts von dem kleinen Hund, wie er mir am nächsten Morgen erzählte. Wir verabschiedeten uns von unserem Appartement, von Langeri und Michalis, der uns einen Karton voller Süßigkeiten schenkte und uns auftrug, die alte Heimat zu grüßen. Wir fuhren zurück nach Hause, arbeiteten, machten an den Wochenenden Kurztrips. Wie früher. Fast. Denn immer wieder sprachen wir darüber, wie schön es doch wäre, eines Tag auch einen Hund zu haben. Irgendwann, wenn wir ruhiger geworden wären und die sehr guten, sehr vernünftigen Gründe hinter uns gelassen hätten, die ich anzuführen nicht müde wurde, weil es in jeder Beziehung einen geben muss, der aus Tatsachen gedrehte Taue an die Träume hängt. Doch manchmal sind Wünsche stärker als Fakten, und Felix kann ungeheuer nachhaltig sein, wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hat. Begegneten wir einem Hund, sagte er "Schau mal, wie süß" oder "Spazieren gehen würde mit einem Hund noch viel mehr Spaß machen". Eines Tages lag ein neuer Bildband auf dem Couchtisch – mit sehr vielen, sehr hübschen Welpenfotos. "War ganz billig", sagte Felix, "lag auf dem Grabbeltisch."

Und dann, ein halbes Jahr nach der Begegnung mit dem weißen Hündchen auf Paros, erzählte Felix, dass er sich mit einem Kollegen selbstständig machen wolle: "Super Sache, eine tolle Chance, das war schon immer mein Traum." Er erklärte mir seinen Plan: kündigen, die Unmengen an Resturlaub nehmen, sich endlich einmal eine Pause gönnen, durchatmen, die Firmengründung vorbereiten und schließlich sein eigener Chef sein. Ein Chef mit Hund. "So eine Gelegenheit bekommen wir nicht wieder. Und wenn es bei mir richtig losgeht, ist der Welpe aus dem Gröbsten raus. Ich nehme ihn mit ins Büro, oder er geht zu dir in die Redaktion. Deine Mädels werden sich um ihn prügeln, und wir suchen noch einen Sitter für ihn, der einspringt, wenn alle Stricke reißen." Pause, flehender Blick.

Ich seufzte. War geschwächt: vom Welpen, von Felix’ Salamitaktik und meiner Sehnsucht nach einem Hund. Der Plan war gut. Verführerisch. So verführerisch, dass daneben all die sehr guten, sehr vernünftigen Gründe und selbst meine Einwände gegen selbstständiges Unternehmertum lächerlich kleinkariert und feige wirkten. "Und du meinst wirklich, dass wir das hinbekommen?" Eine überflüssige Frage, gab es doch keinerlei Zweifel an Felix’ Antwort. Taktisch gesehen allerdings war sie unschätzbar wertvoll: Indem ich es Felix überließ, zu sagen, was ich hören wollte, hielt ich mir die Möglichkeit offen, die Verantwortung für ein etwaiges Scheitern des Plans später einmal bequem auf ihn abzuschieben. Auch die besten Ehefrauen brauchen die Illusion eines Hintertürchens, durch das sie, sollte es irgendwann ganz dick kommen, verschwinden können, um sich die Hände in Unschuld zu waschen. Vor allem, wenn sie endlich so weit sind, die aus sehr guten, sehr vernünftigen Gründen gedrehten Taue von den Träumen zu lösen. Felix tat mir den Gefallen. Mit einem strahlenden "Logisch! Wenn man etwas wirklich möchte, schafft man es auch. Komm schon, lass uns ein Rudel werden!" So fing es an.

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Kathrin Tsainis "Enno, mein Bett und ich" 256 Seiten 7,95 Euro Diana Verlag


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